Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Unaussprechliche Bilder

Wie recht hat doch die Verlagsankündigung: Die Geschichten um Lone Sloane erinnern an die Texte von H.P. Lovecraft, den Meister des Horrors, der in den Gehirnen seiner Leser Vorstellungen von namenlosen Schrecken zu erzeugen versteht (schon allein die Rede von „namenlosen Schrecken“ ist eine typisch lovecraftsche Formulierung). Aber der amerikanische Schriftsteller nutzte dazu eben unsere Phantasie, die er nur entzündete, während der französische Comiczeichner Philippe Druillet seine eigene ins Spiel bringt. Bringen muss, denn der Comic ist notgedrungen graphisch explizit und gibt uns Bilder vor. Nu einmal reingesehen (die Leseprobe findet sich unter http://www.avant-verlag.de/comic/die_sechs_reisen_des_lone_sloane), und es wird jedem klar sein.

Deshalb taugt der Lovecraft-Vergleich nur bedingt. Man lässt sich da zu sehr mitreißen von Druillets Texten, die genau den Duktus des großen 1937 gestorbenen Vorbilds aufnehmen: „Gebadet in infernalisches Licht, gleitet Sloane bewusstlos im teuflischen Rhythmus der monströsen Maschinen und der Anrufungen der Priester. Der Ruf seines Lebens hallt wider im Herzen des ungeheuren Nichts, in dem der Schwarze Gott schläft.“ O là là, ginge es nicht auch ein bisschen kleiner oder zumindest weniger epigonal?

Da hilft selbst der beste derzeit aktive deutsche Comicübersetzer, Uli Pröfrock, nicht. Er bleibt nahe am Original, aber Druillet war ja de facto auch schon Übersetzer von Lovecrafts Stil ins Französische, und so verstärken sich mit der abermaligen Übertragung die spezifischen Marotten noch, und  aus dem epischen Ton der Saga wird unfreiwillig ein fast schon satirischer. Das aber bringt Text und Bilder in einen Konflikt, denn eines ist Druillets „Lone Sloane“ ganz gewiss nicht: komisch.

Andererseits muss man realistisch sein und fragen, ob denn überhaupt jemand diesen Comic „liest“. Seine Bilder überwältigen derart, dass man es ohnehin besser nicht tun sollte, denn die Geschichte ist ein bloßes Vehikel für gigantische Seitenarchitekturen, in denen organische, mechanische und exotische Formen eine visionäre Mischung eingehen, von der später HR Giger bei seinen berühmten Entwürfen für den Science-Fiction-Klassiker „Alien“ profitieren sollte. Druillet brachte den Comic an die Grenze zum Erzählen, sein Zyklus der ersten sechs Sloane-Geschichten ist eher Trip im Sinne des Betäubungsmittelgesetzes als Abenteuerreise. Als die Episoden 1970/71 im Comicmagazin „Pilote“ erschienen, müssen sie verstörend gewirkt haben, obwohl sie da nur im Heftformat publiziert wurden, was Druillet bisweilen dazu verführte, für einzelne besonders detailreiche Seiten (als Originalzeichnungen sind sie bis zu fast einem Meter hoch) einfach eine ganze Doppelseite in Beschlag zu nehmen, die dann der Leser eben um neunzig Grad drehen musste, um sie richtig betrachten zu können.

Die deutsche Erstausgabe dagegen bietet nun ein Album im Überformat, und selbst da sind die doppelseitigen Einschübe beibehalten, obwohl nunmehr die schiere Fläche ausgereciht hätte, um ihnen gerecht zu werden. Doch längst sind Druillets Kurzgeschichten ihr eigener Mythos, und  dazu gehört eben auch die Maßlosigkeit des Spiels mit dem Format, was hier dann ebne ins noch Gigantischere gesteigert wird. Zudem hat der Avant Verlag, der dieses publizistische Wagnis eingeht – denn Druillet zählt anders als in Frankreich hierzulande nicht zu den Stars –, ein faszinierendes Titelbild gewählt, dass weitaus plakativer ist als das der französischen Ausgabe von 2012, die ansonsten das Vorbild abgab: Sloanes feuerrote Augen scheinen aus den Höhlen herauszubrennen. Damit wird ein Detail sichtbar gemacht, dass in den Geschichten selbst immer mehr behauptet als gezeigt wurde.

Damit aber wird nur noch weiter verstärkt, dass Druillet uns keine Freiheit zur eigenen Vorstellung zu lassen gewillt ist. Er zeichnet uns vor, was wir zu sehen haben. Seine Weltraum-Saga um den irdischen Rebellen Sloane, dem durch dämonische Kräfte eine geradezu göttliche Kraft verliehen wird und der sich dann auf den Rückweg zur Erde begibt, verdankt viel mehr als Lovecrafts Stimmungen dem höchst konkreten Vorbild des amerikanischen Superheldenmeisters Jack Kirby, der in den sechziger Jahren immer pathetischere Posen und Dekors für seine Comicbilder entwickelte und sie 1972 in die Serie der „New Gods“ kulminieren ließ. Darin allerdings war ihm Druillet zwei Jahre voraus – er brachte Kirbys Welt bereits früher an den Punkt, zu dem deren Schöpfer noch unterwegs war. Das zeigt Druillets in der Tat epochales Stilgefühl, denn er nimmt mit „Lone Sloane“ auch Moebius und Mezières vorweg – kein Wunder, dass er dann wenig später auch zu den Gründern der Zeitschrift „Métal Hurlant“ gehörte, die in der amerikanischen Version „Heavy Metal“ zum graphischen Ausdruck der siebziger Jahre wurde.

Daran hatte auch das erste Platencover, das Druillet schuf, seinen Anteil. 1970 gestaltete er es für die Londoner Rockgruppe Grail, und im Bonusmaterial zu „Die sechs Reisen des Lone Sloane“ ist es mit Vorder- und Rückseite abgebildet. Verwendet hatte Druillet dafür das Splashpanel der zweiten Episode von „Lone Sloane“ und die spektakulärste Seite der sechsten und somit letzten der im Album abgedruckten Geschichten. Die aber erschien in „Pilote“ erst im April 1971, also lange nach der Grail-Platte. Was den Schluss erlaubt, dass Druillet seinen ganzen assoziativen Erzählzyklus in einem Rutsch geschrieben und gezeichnet hat, nicht, wie bislang angenommen, als einzelne Abschnitte. Dadurch stellt sich die Frage der inhaltlichen Geschlossenheit neu: Als aus einem Guss gefertigte Geschichte muss man den „Sechs Reisen“ gravierendere erzählerische Mängel bescheinigen, als wenn Druillet sie jeweils nach monatelangen Pausen wieder aufgenommen hätte.

Doch gleichzeitig wird nun auch klar, wie diese überwältigende Zeichenwelt ihre graphische Geschlossenheit finden konnte. Sie ist offenbar Ergebnis eines Schaffensrausches des damals Mittzwanzigers, und das Magazin streckte den Abdruck über ein ganzes Jahr hinweg. Die Redaktion wollte ihrem Publikum damals diesen Trip nur in einer Dosierung zumuten, die nicht gleich süchtig machen würde. Geschadet es Druillets Karriere nicht. Er ist ein großer Visionär des Comics. Immer noch.

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