Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

So muss Horror inszeniert werden

Wieso dieses Interesse von Comics an H.P. Lovecraft? Oder besser: Wieso mein Interesse an Comics, die sich für H.P. Lovecraft interessieren – letzte Woche erst Philipp Druillets „Lone Sloane“ mit seinem Lovecraft-Sound und jetzt Alan Moores neue Serie „Providence“?  Die Antwort ist simpel: Ich habe Lovecraft stets gerne gelesen und freue mich, wenn das andere offenbar auch tun. Bei Moore überrascht das natürlich nicht. Wer „Swampthing“ so geschrieben hat wie er vor beinahe dreißig Jahren, der muss Lovecraft-Fan sein. Und als Druillet vor 45 Jahren seine Serie konzipierte, war zumindest die Wiederentdeckung des amerikanischen Horrorautors gerade aktuell (das, was Druillet danach machte, war zu sehr Fantasy, als dass er den Lovecraft-Ton hätte beibehalten können).

Natürlich ist die Doppelung dem Zufall zu danken, dass „Lone Sloane“ eben 45 Jahre lang unübersetzt blieb, während „Providence“ gerade mit dem sechsten amerikanischen Heft bei der Hälfte des avisierten Dutzends angekommen ist – zwölf Hefte waren es ja auch bei „Watchmen“, dem legendärsten all der legendären Alan-Moore-Comic, also ist die Anlage von „Providence“ auf ein Dutzend denkbar ambitioniert. In Deutschland erscheint die Serie übrigens gleich in jeweils 144 Seiten umfassenden Bänden, die drei Hefte enthalten, bei Panini. Der erste ist gerade herausgekommen. Leider gibt es keine Leseprobe, so dass man sich für einen Eindruck die fünf verschiedenen Coverzeichnungen für die amerikanische Heftausgabe anschauen muss (http://www.avatarpress.com/2015/02/new-in-march-previews-alan-moores-providence-1/).

Das ist hilfreich, denn eines darf man sagen: „Providence“ ist inhaltlich harter Stoff. Die Figuren sprechen Dialekt und Soziolekt, noch dazu im Jahr 1919 – auf Englisch keine leichte Kost. Dazu folgt auf die Comicseiten in jedem Heft ein umfangreicher Moore-typischer Anhang mit fiktiven Dokumenten, die das Erzählte weiter vertiefen, in diesem Fall vor allem Tagebuchaufzeichnungen der Hauptperson, des jungen Journalisten Robert Black, der nach einem tragischen Todesfall in seiner Umgebung einen Neustart seines Lebens machen will und deshalb die Zeitung, bei der arbeitet verlässt, um an einem Roman zu schreiben. Dessen Gegenstand soll ein obskures orientalisches Manuskript sein, das sich in einer frühen englischen Druckausgabe in einem College in Neuengland erhalten hat. Auch aus diesem Buch gibt es Auszüge in den Anhängen, und man liest und liest; im Schnitt brauche ich für ein einzelnes Heft anderthalb Stunden.

Wer je Lovecraft gelesen hat, der weiß, dass der sich zwar viel schneller liest (auch auf Englisch), aber die Motive, die Moore ausgewählt hat, sind natürlich so typisch für das Werk des 1890 geborenen und 1937 gestorbenen Schriftstellers wie nur irgend etwas. Neuenglische Provinz, ja selbst konkret die Stadt Providence selbst – das ist sein Terrain. Und geheimnisvolle Manuskripte gibt es auch reichlich in den Erzählungen. Dazu weisen der fiktionale Black und der reale Lovecraft einige Ähnlichkeiten auf, körperlich wie biographisch. Es wäre kein Wunder, wenn Moore seinen Protagonisten nach Lovecraft modelliert hätte.

Aber um das sicher zu sagen, ist es noch zu früh, denn so langsam wie diesmal hat sich noch kein Moore-Zyklus entwickelt. Deshalb ist das sechste Heft ein guter Moment für eine erste Bewertung, denn jetzt wird klar, worauf das ganze hinsteuert: Black hat das geheimnisvolle Buch endlich lesen können, und plötzlich wird explizit gemacht, was bislang nur angedeutet wurde: der Plan, durch Übernahme anderer Körper ewiges Leben zu erlangen. Horror ist also garantiert, und die letzte Szene im sechsten Heft bietet ihn auch reichlich. Besonders markiert wird dieser dramaturgische Einschnitt im zuvor eher suggestiven Geschehen dadurch, dass das Tagebuch von Robert Black im Anhng des sechsten Heftes dieses Ereignis ausspart, während sonst alles von ihm noch einmal kommentiert wird, was wir vorher als Comic gelesen haben.

Diese Nachkommentierung ist aus den eben genannten Gründen aber extrem hilfreich, und dass Moore sie seiner Figur im Moment des bislang größten Schreckens versagt, spricht Bände. Jetzt wird auch die denkbar ruhige Graphik, die Jacen Burrows dem Szenario verleiht, zum besonders bedrohlichen Zeitzünder, denn die realistische Darstellungsweise in jeweils seitenbreiten Panoramapanels wirkt statisch, und gerade deshalb ist die erzählerische Explosion so vehement. Auch er, mit dem Moore vor vier Jahren schon den bemerkenswerten Horror-Oneshot „Neonomicon“ (auch das schon eine Lovecraft-Hommage) gemacht hat, deutet lieber lange an, als dass er zeigt – doch nun ist die Katze aus dem Sack, und im siebten Heft darf man sich wohl auf einiges gefasst machen. Von den letzten fünf ganz zu schweigen. Lange nicht mehr war ich so neugierig auf Fortsetzungen.

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