Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Jahresende mit Schrecken

Der letzte Comic, der in diesem Jahr an dieser Stelle gewürdigt werden soll, ist unwürdig. Obwohl er alle Voraussetzungen gehabt hätte, mich zu erfreuen. Es handelt sich um einen „Spirou“-Band, also einen Teil der seit 1938 bestehenden Serie über die Abenteuer des gleichnamigen Brüsseler Hotelpagen, den ich als Kind in den bekannt sorglos übersetzten „Fix und Foxi“-Taschenbüchern als Pikkolo  erstmals kennen- und liebengelernt hatte – kein Wunder bei Virtuosen wie André Franquin und Jean-Claude Fournier, die in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren „Spirou“ zeichneten. Später landete die Reihe dann bei Carlsen und hat dort mittlerweile mit dem, Nachdruck auch der frühen Folgen mehr als siebzig Einzeltitel erreicht. Um den neuesten soll es hier gehen: „Ein großer Kopf“.

Der Titel wird Kennern vertraut vorkommen. 1954 hat  Franquin „La Mauvaise tête“ (Der böse Kopf) geschrieben und gezeichnet, auf Deutsch schön dumm als „Der doppelte Fantasio“ betitelt – Fantasio ist der gute Freund von Spirou, ein etwas egozentrischer Reporter, und in dieser längst kanonischen Geschichte werden von einem als Fantasio maskierten Schurken Verbrechen begangen. Nie war ein Comic so nahe an der Paranoia jener Nachkriegszeit, in der auch die zynischen Filme der Schwarzen Serie im westlichen Kino reüssierten, die ähnliche Motive von Doppelgängern und unschuldig Verdächtigten wählten. „La Mauvaise tête“ ist unbestritten ein Meisterwerk.

Seinen Handlungsstrang aufzunehmen, ist dementsprechend gewagt und reizvoll zugleich. Allerdings ist „Spirou“ eine jener Comicserien, die sich im Erscheinungsbild der jeweiligen Epoche anpassen, sprich: Die Abenteuer spielen jeweils in der Gegenwart. Statt nun aber eine Variation auf „La Mauvaise tête“ im Jahr 2015 anzusiedeln, haben die beiden Szenaristen Makyo und Toldac (alias Pierre Fournier und Michel Fournier, von denen man dank ihrer kanadischen Herkunft nicht befürchten muss, dass sie mit dem großen Jean-Claude verwandt sind und sein Andenken schänden) einen anderen Kniff ersonnen: Fantasio schreibt nach den Geschehnissen des ursprünglichen Comics einen inhaltlich leicht veränderten Roman, und  ein Filmregisseur verfilmt ihn mit unseren beiden Helden in den – allerdings vertauschten – Hauptrollen. Von den Dreharbeiten und den Folgen des Leinwandauftritts erzählt „Ein großer Kopf“.

Den Band hätte man besser „Ein geschwollener Kopf“ genannt, so wie ja auch „La Grosse tête“ (das ist der Originaltitel) nicht einen großen Kopf meint, sondern einen Schlaumeier oder jemanden, dem etwas zu Kopf gestiegen ist. Das passt, denn Spirou entwickelt sich zum unerträglichen Schnösel, weil er die Folgen des Ruhms zu sehr genießt. Zusammen mit den üblichen Nickligkeiten einer großen Filmproduktion gibt das Stoff für eine Art Society-Report im Stil von Illustrierten-Porträts – kläglicher kann man den Thriller „La Mauvaise tête“ nicht fortschreiben. Den beiden Szenaristen ist offenbar ihre Idee zu Kopf gestiegen.

Als wäre es damit der Respektlosigkeit nicht genug, haben Makyo und Toldac aber gleich noch eine zweite, womöglich noch berühmtere „Spirou“-Episode herangezogen: „QRN ruft Bretzelburg“, erschienen 1963 und legendär nicht nur durch seine politsatirische Erzählung eines totalitären Staates, in dem man unschwer das Deutsche Reich erkennen kann, sondern auch durch Franquins psychische Krise währen der Arbeit daran, die ihn zu einer Unterbrechung von mehr als einem Jahr zwang. Vielleicht ist gerade deshalb daraus das am meisten bewunderte „Spirou“-Abenteuer geworden.

Was machen nur die kanadischen Unglücksszenaristen daraus? Sie lassen – durchaus noch im Franquinschen Geist – einen Militärputsch in Bretzelburg stattfinden, der den legitimen König, den Spirou erst wieder in seine vollen Rechte eingesetzt hatte, wieder entmachtet und Tausende von Bürgern ins Exil treibt. Die Flüchtlingsströme von Bretzelburgern hätten angesichts der aktuellen Ereignisse in Europa einen aktuellen Kommentar hergeben können, aber dafür interessiert sich die Handlung nicht. Es bleibt bei ein paar Einzelbildern und dem humanitären Engagement der Spirou- und Fantasio-Freundin Stefanie, das sich am Schluss als intensiver erweist, als man gedacht hätte. Aber da ist die Handlung längst ins Wahnsinnige abgedriftet.

Denn die Unterdrückung durch das Bretzelburger Militär, dem konsequent alle deutschen Klischees ausgetrieben sind, besteht in der Überfütterung der Bevölkerung mit deftigen Speisen – zynischer kann man wohl über Flüchtlingsursachen nicht witzeln. Man müsste das Handlungsszenario zu „Ein großer Kopf“ abscheulich nennen, wenn nicht der Zeichenstil von Tehem (Thierry Maunier) noch grässlicher wäre: pseudokindgerechter Tinnef in computerverblassten Farben, die ans Schlimmste erinnern, was kindlichen Lesern zugemutet wird. Wer diesem Trio infernal die Figuren von „Spirou“ anvertraut hat, dem gebührt der wahre Abscheu (eine Leseprobe auf der Carlsen-Homepage hat sich der Verlag sinnvollerweise gespart).

Erschienen ist der Band außerhalb der regulären Serie, als achter Teil einer Reihe namens „Le Spirou de …“, und dann darf man den Namen jener Autoren ergänzen, die man für würdig erachtet hat, sich einmal an dem Klassiker zu versuchen (nur selten war man dabei erfolgreich, aber immerhin erschien in diesem Rahmen das Meisterwerk „Porträt eines Helden als junger Tor“ von Emile Bravo). Der Carlsen Verlag hat das Ganze in der Reihe „Spirou und Fantasio Spezial“ untergebracht, die außerdem auch noch die ganzen Episoden der dreißiger und vierziger Jahre umfasst, die auch nicht Teil der regulären Zählung sind. So ist eine ohnehin gesichtslose Reihe entstanden, die nun durch diesen Tiefpunkt geradezu entwürdigt wird. Wäre nicht den deutschen Lesern (und dem Übersetzer Uli Pröfrock als Liebhaber der Franquin-„Spirous“) diese Zumutung zu ersparen gewesen? Aber anscheinend – die „Asterix“-Bände, die Albert Uderzo geschrieben hat, belegen es ja – verkauft sich bei erfolgreichen Serien selbst das, was sonst niemals seinen Weg ins Wohn- oder Kinderzimmer gefunden hätte. 2015 hört dadurch schlimm auf; 2016 kann also nur besser werden.

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