Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Mit Musik geht Comic besser

Ob er beim Zeichnen Musik höre, wird Reinhard Kleist gefragt. Man kann sich die Antwort des durch seine Johnny-Cash-Comicbiographie international berühmt gewordenen Berliners vorstellen: „Es reicht von Techno, Hardrock zu Singer/Songwriter-Sachen. Je nachdem, welche Stimmung ich gerade habe, um mich auf das Zeichnen zu konzentrieren.“ Seine Atelierkollegen, erfährt man dann noch, sind mit Techno weniger glücklich, dafür wird von Kleist dann bisweilen Klassik eingeschoben („Philip Glass am liebsten“). Derzeit sitzt er an einer neuen gezeichneten Musikerbiographie: zu Nick Cave. Ob man dazu am besten dessen eigene Musik hört oder gerade etwas anderes, hat Björn Bischoff den Zeichner leider nicht gefragt.

Das Gespräch findet sich im gerade erschienenen „Comic-Jahrbuch 2016“ der ICOM (Interessenverband Comic e.V.). Das gibt es mittlerweile seit erstaunlichen sechzehn Jahren, und ich muss zugeben, dass die Lektüre bislang meist eher Pflicht als Vergnügen war. Noch konsequenter als bisher widmet es sich diesmal einem Schwerpunkt: Comics und Musik. Hundert Seiten gehören diesem Thema, rund zwei Fünftel des albengroßen Buchs. Und nach einem allgemeinen, sehr langen, aber auch sehr fundierten Einführungsaufsatz von Stefan Svik (der das meiste in diesem Dossier verantwortet) und dem ewigen Jahrbuchherausgeber Burkhard Ihme wird es mit sieben Interviews (neben Kleist auch noch mit Sebastian Krüger, Horst Berner, Judith Holofernes, Andreas Völlinger, Ulli Lust und noch einmal Burkhard Ihme) denkbar anschaulich und ansehnlich, ja geradezu anhörig, ehe sich Ralf Palandt zum Kehraus auch noch den anderen vier Sinnen widmet, was zumindest beim Schmecken, Fühlen und Riechen in bloße inhaltliche Reminiszenzen mündet, während man beim Hören zuvor auch Beispiele für Comics bekommen hat, die zu Musik wurden oder denen Musik beigegeben war. Den müffelnden Comic wünschen wir uns ja auch gar nicht.

Das „Comic-Jahrbuch“ hat also von Publikationen wie der „Reddition“ oder der „Comixene“ gelernt, die auch immer Schwerpunkte boten, nachdem ihm einiges von der Konkurrenz abgeguckt wurde, wie etwa die Marktübersichten in anderen nationalen Comicszenen. Diesmal sind Großbritannien, die Niederlande, Italien und Spanien vertreten. Wieso man sich gestattet, die großen drei Comic-Länder – Japan, Vereinigte Staaten, Frankreich – wegzulassen, wird nicht begründet.

Erstaunlich knapp, aber darunter mit einer brillanten Idee, werden die Attentate auf „Charlie Hebdo“ vom 7. Januar 2015 abgehandelt. Das Titelblatt des Buchs zeigt eine Illustration zum Thema (in einem Burnus verhüllter Henker schickt sich an, einen bleistiftköpfigen Mann zu enthaupten, zu sehne unter http://www.icom-blog.de/entry.php?810-COMIC!-Jahrbuch-2016-Cover, eine Leseprobe gibt es leider nicht), so dass man dort den Schwerpunkt erwartete. Dann aber gibt es neben einem eher belanglosen Artikel eine Doppelseite mit der Überschrift “Den Terroristen die Stirn bieten – Jetzt ist der Mut von Cartoonisten gefragt“, doch schon der Verfassername ist geschwärzt, und so verhält es sich auch mit dem Großteil des Textes, der nur die Namen der ermordeten Redaktionsmitglieder und Schlagworte à la „Verletzte“, „Angst“, „Widerstand“ oder „Polizei“ lesbar belässt, Das letzte darin ist „Selbstzensur“, und so wird die Doppelseite tatsächlich zu einer zeichnerisch eindrucksvoll gelösten Stellungnahme. Dafür gebührt dem „Comic-Jahrbuch 2016“ Respekt.

Die üblichen Vereinsinterna und die endlosen Passagen zu den zweifellos verdienten ICOM-Preisträgern sind unvermeidlich. Schwamm drüber. Wenn das Jahrbuch die Stärken, die es diesmal zeigt, noch weiter entwickelt, wird es sich nicht von ähnlich informativen Publikationen wie „Alfonz“ den Rang ablaufen lassen müssen. Und wenn beim nächsten Mal Reinhard Kleist seine Cave-Biographie fertiggezeichnet haben sollte, kann man ihn ja noch einmal fragen, was er dabei für Musik gehört hat