Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Sprachlos in Chengdu

Der Comiczeichner Sascha Hommer war im Sommer 2011 drei Monate lang in Chengdu, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Sichuan. Ich war im Herbst jenes Jahres für eine Woche dort. Hommer quartierte sich in einer billigen Privatunterkunft ein, ich war als Konferenzteilnehmer in einem modernen Hotel untergebracht. Während Hommers Aufenthalt schien fast nie die Sonne, ich hatte eine Woche bestes Wetter. Hommer verdingte sich als Mitarbeiter bei einem monatlich erscheinenden Magazin für ausländische Bewohner von Chengdu und bewegst sich deshalb durch die ganze Stadt. Ich hatte nur einen Tag, den ich abseits vom Konferenzprogramm und den organisierten Touren der chinesischen Gastgeber mit Erkundungen verbringen konnte. Als ich Sascha Hommer ein paar Monate später traf, er von seinen Erlebnissen erzählte und ankündigte, daraus einen Comic zu machen, konnte ich es nicht abwarten. Jetzt endlich würde ich das wahre Chengdu sehen. Denn um zu erkennen, dass die Vierzehn-Millionen-Stadt nicht ein solch reibungsloses Leben bieten kann, wie es mir dort vorgeführt wurde, dazu hatte schon der eintägige Ausflug gereicht. Aber damit hatte ich ja noch kaum etwas gesehen.

Fast vier Jahre habe ich auf Hommers Comic gewartet, jetzt ist er da: „In China“, erschienen bei Reprodukt (Leseprobe auf http://www.reprodukt.com/sascha-hommer-in-china/). Er ist 176 Seiten stark, aber das erklärt noch nicht, was den Zeichner so lange daran hat arbeiten lassen, zumal Hommer einen grandios reduzierten Zeichenstil pflegt, der seine Figuren geradezu niedlich erschienen lässt, was allerdings regelmäßig über die kühle Beobachtung hinwegtäuscht, die dieser Autor in seinen Geschichten betreibt. Das war beim gefeierten Debüt „Insekt“ (2006) schon so, und der nächste Comic, „Vier Augen“ (2009), ein autobiographischer Stoff, behielt dieses Prinzip bei – wenn auch leicht eingeschränkt und nun klar am Stil von Autoren wie Joe Matt oder Chester Brown orientiert. Für „In China“ ist Hommer einerseits nur einen Schritt zurück, wieder zu „Insekt“ gegangen, andererseits einen Schritt weiter, denn seine Hintergründe sind teils akribisch ausgearbeitet, offenbar auf der Grundlage einer reichen dokumentarischen Fotosammlung. Und es gibt Einschübe in die autobiographische Erzählung (die Hauptfigur heißt Sascha und kommt für drei Monate aus Hamburg nach Chengdu), in denen Sommer Abschnitte aus Büchern über China, die ihn positiv oder negativ beeindruckt haben, kurz adaptiert, wofür er jeweils ganz andere stilistische Mittel verwendet: Großartig etwa, wie er Hergés „Tim und Struppi“-Band „Der blaue Lotus“ als Dekorgeber für ein ganz anderes Buch nimmt. Oder die sonstigen Seitenraster aufbricht, wenn er klassische chinesische Literatur übernimmt. In diese Einschübe ist sehr viel Überlegung eingegangen. Deshalb dauerte es so lange, bis „In China“ erschien.

Aber hat sich das Warten gelohnt? Wenn man Hommers Bücher mit der naheliegenden Folie vergleicht, den Reiseberichten von Guy Delisle, dann fällt zunächst einmal auf, dass Hommer weitaus weniger komisch erzählt. Wobei auch das nicht ganz stimmt, denn die Schilderung, wie er als Muttersprachler im Tonstudio von chinesischen „zertifizierten Übersetzern“ ins Deutsche übertragene Werbetexte einspricht, ist großartig. Was er da vorliest, spottet jeder Beschreibung, und Hommer kostet diese Texte aus. Ansonsten aber ist seine Geschichte von jener Lakonie geprägt, die selbst das groteske „Insekt“ bestimmte.

Was für die Beobachtungen sehr gut ist, und wenn man in Chengdu war, wird man viele sofort wiedererkenne, den zentralen Platz mit der Mao-Statue, den wie überall in den chinesischen Metropolen grässlich rücksichtslosen Verkehr, die Hochhäuser und natürlich das größte zusammenhängende Gebäude der Welt, ein Einkaufs- und Vergnügungszentrum, das im Jahr 2011 noch in Bau war und dessen optische Wirkung Hommer nicht nur im Bild, sondern auch in Worten perfekt einfängt. Über den Smog, den der Comic in jeder Außenszene durch seine Grauschleier und schwarze Wölkchen anspricht, kann ich selbst wie gesagt nicht urteilen, aber man glaubt es sofort. Und die typischen Kontraste zwischen fernöstlicher und europäischer Mentalität sind auch niemals plakativ, sondern sehr feinsinnig beobachtet und durch Dialoge in Szene gesetzt. Zumal mit Linda, einer in Chengdu lebenden Amerikanerin, noch eine Vertreterin der dritten globalen Leitkultur vertreten ist, die ganz besonders skeptisch auftritt, während ihr deutscher Freund Karl ein Pragmatiker reinsten Wassers ist.

Was aber ist Sascha Hommer selbst in seinem Comic? Von ihm erfährt man kaum ein Wort zu dem, was er über China denkt, obwohl er als Figur dauernd selbst im Bild ist. Allerdings immer hinter einer Maske, ganz so, wie Art Spiegelman es gerne bei seinen Selbstdarstellungen als Zeichner tut. Bezeichnend, dass Hommer eine Katzenmaske trägt, das Attribut der Deutschen in Spiegelmans „Maus“. Später taucht er es gegen eine Maske aus der Sichuan-Oper und schließlich gegen die eines Roten Pandas. Und am Ende tragen einmal die drei Protagonisten – er selbst, Linda und Karl – diese drei Masken, wobei auch die normalen Gesichter der westlichen Bewohner Chengdus buchstäblich verrückte, nämlich geometrisch stilisierte oder ins Animalische und Pflanzliche verschobene Gesichter haben. Dieser Kunstgriff macht sie zu wirklich Fremdartigen in China, während die Chinesen als äußerlich nahezu identische Kinderfiguren gezeichnet werden – eine Art Playmobil-Ästhetik.

Es ist erstaunlich, aber bei einem Zeichner von der Intelligenz Hommers gewiss genau durchdacht, dass etliche Klischees im Comic Einzug halten: die austauschbaren Chinesen etwa, die wohlfeile Gleichgültigkeit der Westler gegenüber den Lebensbedingungen in China, ja sogar der wohlfeile und mir dennoch so kostbare Spott über die missratenen Übersetzungen. Man lernt nicht viel über China, man bekommt aber viel bestätigt, und Hommers Erzählhaltung legt nahe, dass es dort eben auch wirklich so ist. Zumal die Referenzen auf andere Bücher wie eine Beglaubigung für die intensive Auseinandersetzung des Zeichners mit seinem Gastland daherkommen. Dass dann die chinesische Sprache in Sprechblasen durch bloße Spirallinien dargestellt und als unverständig charakterisiert wird, hat mich anfangs noch gestört, bis dann gegen Ende auch Hommer selbst sich am Chinesischen versucht und seine Spiralen völlig deformiert gezeichnet werden. So funktionieren Kunstgriffe im Comic.

Wie überhaupt der ganze Band eine Schule des Dechiffrierens von Codes und Anspielungen geworden ist, ganz so, wie es einem als Fremdem in China widerfährt. Dass man von der politischen Situation im Chengdu des Jahres 2011 nichts erfährt, auch nichts vom rabiat durchgesetzten Umbau der Stadt, der bei Hommer nur staunend registriert, aber nicht kommentiert wird, das ist schade. Und wenn man auf das Gelände der Kunstbiennale geführt wird, mit der sich die Stadt international profilieren will, beschränkt sich Hommer auf ein privates Statement, während die Bedeutung dieser Veranstaltung für die Bevölkerung, aber auch für die Reaktivierung eines alten Industrieareals und selbstverständlich fürs Selbstverständnis der chinesischen Kunst und Künstler unbeobachtet bleiben. Da rächt sich dann doch die radikal subjektive Perspektive Hommers, die gar nicht kaschieren will, dass er Chengdu in seinem Vierteljahr Aufenthalt nicht gerecht werden konnte. Aber wenn er sich schon selbst als Maskenträger stilisiert, hätte er dahinter ja auch etwas wagen können, etwa den Ausbruch aus einer bisweilen zu bequemen Erzählhaltung.

 

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