Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Immer wieder diese kriegerischen Nachbarn!

Das wird ein lustiges Spiel auf der nächsten Frankfurter Buchmesse. Denn Gastland ist diesmal eine Sprachregion, aber wie man die nennen soll, wissen nicht einmal die Übersetzer. Flämisch spricht man in Belgien, Niederländisch in Holland, und so steht in den Comics, die nun mit Blick auf das herbstliche Medieninteresse aus beiden Ländern reichlich übersetzt, eben im Regelfall „Aus dem Flämischen“ oder „Aus dem Niederländischen“. Und beide, Flamen wie Niederländer, sind sich, wie das eben bei Nachbarn so ist, nicht ganz grün.

Dabei ist man schon seit 1830 auseinander, als Belgien sich von den Niederlanden lösen konnte. Und seitdem ist manches passiert, was die alte Rivalität überlagern sollte, vor allem angesichts dessen, was ein weiterer Nachbar, Deutschland, beiden Ländern angetan hat. Belgien wurde im Ersten und Zweiten Weltkrieg besetzt, den Niederlanden widerfuhr es im Zweiten, jeweils traumatische Erlebnisse mit Tausenden ziviler Opfer. Gerade in den Niederlanden ist es deshalb bis heute nicht leicht, Deutscher zu sein.

Andererseits waren die kulturellen Verbindungen zwischen Niederländern und Deutschen immer eng, und ins Könighaus haben etliche Adlige aus dem Nachbarland eingeheiratet. Nicht zu vergessen: Der prominenteste deutsche Exilant, Kaiser Wilhelm II., fand nach der Abdankung 1918 Unterschlupf in Haus Doorn in der niederländischen Provinz Utrecht und hackte dort bis zum Tod 1941, als das ehedem von ihm befehligte deutsche Heer sein Gastgeberland terrorisierte, fleißig Holz. Wie man es dreht und wendet: In Holland hat man im zwanzigsten Jahrhundert vor allem die schlimmsten Seiten der Deutschen kennengelernt. Natürlich auch im Fußball, und die unverdiente Finalniederlage von 1974 ist ja auch schon zu Comic-Ehren gekommen, wie ich letzte Woche ausgeführt habe.

Nun aber erscheint bei Carlsen ein belgischer Comic über Deutschland, übersetzt „aus dem Niederländischen“, was hellhörig macht – als könnte man sich angesichts der Konfrontation mit den Deutschen plötzlich doch auf eine gemeinsame Sprachbezeichnung einigen. Naja, ob die Belgier da begeistert sind, wird man sehen.

Schon im Titel des Buchs liegt ein historisches Reizwort: „Junker“ heißt der Band, Untertitel etwas neckisch, auch im Original: „Ein preußischer Blues“. Darin wird die Geschichte eines kurz vor der Jahrhundertwende geborenen ostelbischen Junkersprösslings namens Ludwig von Schlitt erzählt, der Vater ein bereits alter, verkrüppelter Kriegsveteran der Einigungskriege, die Mutter ein Waisenmädchen aus verarmtem Adel, der ältere Bruder Kadett im Dienste des Kaisers. Nichts ist so prächtig wie der Name und die Familiengeschichte, und den jungen Ludwig drängt es aus dem verblassenden Glanz des Landsitzes Schlitt zum Dienst in der Marine, denn dort sollen die neuerfundenen U-Boote zum Einsatz kommen, und Ludwig ist technikbegeistert. Und schon könnte man meinen zu wissen, wie die Sache weitergeht.

So tut sie es aber nicht, denn der Erste Weltkrieg wird aus einem anderen Grund stattfinden als dem uns bekannten. Spruyt, 1978 geboren, hat erkennbar Freude an der Abzweigung zum alternativen Geschichtsentwurf, den er nimmt, und er sei hier nicht verraten, denn die Sache ist wunderbar auf 175 Seiten vorbereitet (übrigens könnten sich Comicverlage ruhig wieder angewöhnen, Seitenzahlen zu drucken). Und zudem verwendet der zuvor durch lustige Fantasy aufgefallene Zeichner einen schönen Kunstgriff, denn außer der Familie Schlitt, ihrem Dienstmädchen und dem deutschen Kaiser haben alle Figuren Smiley-Gesichter, sind also austauschbar und entindividualisiert, was angesichts der militärischen Organisation der Welt, die Spruyt in seinem Comic beschreibt, ein gelungenes Darstellungsmittel ist. Eine Leseprobe ist unter https://www.carlsen.de/hardcover/junker/66668 zu finden.

Spruyt verwendet durchweg offene Panels, also ohne Rahmen, und laviert die Hintergründe grau – feldgrau, ist man versucht zu sagen. Immer wieder überrascht er mit Stimmungsbildern, die teilweise doppelseitig eingesetzt werden, ohne dass darauf ein Wort viele. Wobei genug gesprochen wird in diesem Comic, denn man erschließt sich die Handlung vor allem über die Dialoge innerhalb der Familie und in der Kadettenanstalt, die auch Ludwig aufnimmt. Und weiß Gott, das ist wirklich ein preußischer Blues, diese Geschichte vom Zerfall einer Familie, deren letzte Vertreter schließlich auch buchstäblich sein Gesicht verliert.

Ist das ein antideutscher Comic, oder zumindest ein antiborussischer? Nicht im geringsten. Simon Spruyt nutzt nur die Versatzstücke, die es über den preußischen Adel gibt, um eine Allegorie zu schreiben, die man gerne auch auf Deutschland beziehen kann, aber das tut er so liebevoll im Umgang mit seinen vielfach fanatischen Protagonisten, dass man sie beinahe verstehen kann. Als belgischer Zeichner geht er verblüffend milde mit der Führungsklasse eines Landes um, das seiner Heimat übelst mitgespielt hat. Ob auch ein Niederländer diese Souveränität haben könnte? Mal sehen, was das Halbjahr bis zur Buchmesse noch bringt.

 

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