Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

„Individuell humorvolle Komponente“ – reicht das?

| 1 Lesermeinung

Im März sind zwei umfangreiche Geschichten von Autoren erschienen, die immer dann genannt werden, wenn es um die Zukunft des deutschen Comics geht: die Berlinerin Aisha Franz und der Leipziger Max Baitinger. Franz hat mit ihrer Kasseler Abschlussarbeit „Alien“ vor fünf Jahren fulminant debütiert, Baitinger 2013 mit „Heimdall“. „Alien“ war eine höchst private Familiengeschichte, „Heimdall“ eine freie Adaption nordischer Mythen – beide waren also so weit voneinander entfernt, wie nur denkbar. Die zwei neuen Comics führen Franz und Baitinger aber in ganz enge Nachbarschaft, und das nicht nur wegen des Publikationszeitpunkts oder in den Comicregalen.

„Shit Is Real“ ist dreihundert quadratische Seiten lang, „Röhner“ bietet 210 Seiten im Graphic-Novel-Normalformat. Schon der jeweilige Umfang beweist die Ambitionen der beiden Bände. Aisha Franz erzählt von der jungen Frau Selma, die gerade von ihrem Freund vor die Tür gesetzt wurde (Leseprobe: http://www.reprodukt.com/produkt/deutscheautoren/shit-is-real/). Über die Verlusterfahrung helfen ihr eine Reihe von Tag- und Nachtträumen, aber das alles ist weitaus assoziativer erzählt, als es zu beschreiben wäre. Wichtig ist, dass Franz ihren bewusst naiv gehaltenen Bleistiftstrich bei den Figuren verfeinert, noch mehr abstrahiert hat und bei den Hintergründen teilweise extremen Detailreichtum einsetzt. Die Panels stoßen weiterhin direkt aneinander, sind aber nun durch dicke tiefschwarze Rahmen voneinander abgegrenzt, wobei die Seitenarchitektur ständig wechselt.

„Röhner“ (Leseprobe: http://www.rotopolpress.de/produkte/roehner) verfährt nach denselben formalen Mustern. Auch Max Baitinger setzt simpel gehaltene, bei ihm extrem stilisierte, ja geradezu piktogrammatisch gehaltene Figuren vor kühl-exakte Dekors, die auch in einem Hergé-Comic gut aufgehoben werden. Auch bei ihm gleicht keine Seite der vorhergehenden, und seine Bilder bilden dieselben Panelcluster wie bei Franz. „Röhner“ erzählt von einem namenlosen jungen Mann, dessen Nachbarin, die er nur „Dings“ nennt, seine Wohnung auf ganz selbstverständliche Weise in ihr Lebensmodell miteinbezieht und dort eines Tages einen Mann namens Röhner einziehen lässt, der zwar mit dem eigentlichen Wohnungsbesitzer bekannt ist, aber von jenem abgewimmelt werden sollte.

Nicht, dass sich daraus ein psychologischer oder gar offen ausgetragener Konflikt entwickeln würde: Der junge deutsche Comic setzt auf Stimmungsphänomene, Innerlichkeit seiner Protagonisten, die so wenig aktiv werden, wie es in einer Generation, die sich vor allem der sozialen Medien als Kommunikationsmittel bedient, zu erwarten ist. Das agierende Trio in „Röhner“ ist ein autistisches, und es gibt über die Dreierkonstellation hinaus keine weiteren wichtigen Figuren. Wie auch die Welt aus „Shit Is Real“ ungeachtet einiger Massenszenen in Clubs oder Restaurants eine isolierte ist, die von Selma geradezu solipsistisch wahrgenommen wird. Diese Generation ist nicht verloren, sie sucht aber auch nicht mehr.

Baitingers Zeichenstil ist allerdings ein ganz anderer als der von Franz: Jede Individualität ist ihm ausgetrieben, nichts Skizzenhaftes ist in „Röhner“ zu finden. Man könnte an die Schemazeichnungen von Gebrauchsanweisungen denken, wenn die Abwechslung in der Bilddramaturgie und die geistvolle Variation der Comic-Codes nicht wären. Der Band wirkt manchmal wie ein Kompendium der Comic-Zeichensprache, und auf Seite 165 findet sich der Satz, der die Wirkung der Darstellungsweise von „Röhner“ am besten zusammenfasst, auch wenn er auf die Nachbarin gemünzt ist: „Ansonsten finde ich ihre Aufmachung toll. Ich finde, dass sie sehr stilsicher ist, ohne dabei eine individuell humorvolle Komponente zu vernachlässigen.“

Aber reicht das? Ist diese kühle technische Beschreibung des Erscheinungsbildes eines Menschne nicht auch das Todesurteil über einen Comic? Keineswegs, wenn man sich von dem Gedanken löst, Sympathieträger in einer Geschichte zu finden. Da ist man mit „Shit Is Real“ bei aller Irrealität seiner Handlung besser bedient. Aber auch auf die Arbeit von Aisha Franz trifft die Aussage zu, weil das scheinbar so skizzenhafte Zeichnen ein hart eingeübtes ist, das dieselben Distanzierungssignale aussendet wie Max Baitinger in „Röhner“. Beide Comics sind wie ihre Protagonisten Rührmichnichtans, was nicht heißen soll, dass man sie nicht lesen sollte. Im gegenteil: Es sind exemplarische Fälle für eine Bildsprache und einen Tonfall, den es im deutschen Comic noch nicht lange gibt und der uns noch lange begleiten wird. Dass Franz bei Reprodukt und Baitinger bei Rotopol verlegt wird, ist kein Zufall. Dort sind mit Sascha Hommers und Anne Haifischs Comics bereits weitere stilbildende Werke dieser Richtung vertreten. Kann man diesen Stil auf einen Begriff bringen? Im Film würde man von „Mumblecore“ murmeln. Eine weniger affektiert diskutierte Kunstform wie der Comic braucht aber eine klare Bestimmung. Mein Vorschlag ist: „deutsche Coolness“. Was den Vorteil hätte, das wir ironisch von DC-Comics sprechen könnten. Denn ganz ohne Witz ist diese Erzählform reizlos. Das ist übrigens das Risiko, dass Aisha Franz im Auge behalten muss. Baitinger dagegen ist in der Lakonie seiner Bilder und Texte sehr lustig; er kommt fast an Nicolas Mahler heran.

 

2

1 Lesermeinung

  1. Reicht mir nicht mehr...
    Also dieser minimalistische, kalte Stil ist für mich einfach nur unangenehm. Man kann sich jetzt streiten, ob es ein Stilmittel sein soll, dass irgendetwas Supercooles ausdrücken soll. Wenn ich mir jedoch die unproportionalen Gesichter bei „Shit is real“ ansehe, möchte ich nur schnell wegsehen.
    Lieber roll ich mich am Abend mit dem Comic „Baikonur mon amie“ zusammen. Hier finde ich wenigstens Charaktere und schöne, sowie hässliche Bilder…

Kommentare sind deaktiviert.