Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

In Erlangen erlangt man traurige Erkenntnis

Manchmal ist die Diskrepanz zwischen Inhalt und Form eines Comics gewaltig. Für Veranstaltungen gilt das Gleiche, du nicht nur für solche, die mit Comics zu tun haben. Aber eben auch für diese. So etwa für die Gala des diesjährigen Erlanger Comicsalons, auf der die Max-und-Moritz-Preise verliehen wurden. Ich habe jetzt ein paar Tage über diese Veranstaltung nachgedacht, und meine Verärgerung über deren Form ist nicht kleiner geworden.

Zunächst das vorab: Die Preise gingen alle in Ordnung, sind teilweise sogar zwingend (Barbara Yelin als beste deutsche Comic-Künstlerin, Birgit Weyhes „Madgermanes“ als bester deutscher Comic, Katharina Greves „102 Etagen“ als bester Comic-Strip). Dass sich „Ein Sommer am See“ von Mariko und Jillian Tamaki (bester ausländischer Comic) mit einem Jahr Abstand nicht ganz so gut gehalten hat, wie ich das selbst damals noch vermutete, spricht nicht gegen die Intensität dieser Geschichte um eine Mädchenjugend. Und Claire Bretécher für ihr Lebenswerk zu ehren, war überfällig, und das Bedauern darüber, dass sie selbst dazu nicht nach Erlangen kommen konnte, hat meine Freude über die Entscheidung der Jury nicht vermindert.

Aber da geht es los. Warum ist es dem Salon und noch mehr dem deutschen Verlag von Bretécher (derzeit Reprodukt) nicht wenigstens geglückt, der großen alten Dame ein Wort des Dankes zu entlocken. Von Videobotschaft will ich gar nicht erst anfangen, es kann Gründe dafür geben, darauf zu verzichten, aber gar kein Satz zur Ehrung des eigenen Lebenswerks? Das brüskiert den Salon, egal, ob man Madame Bretécher überhaupt gefragt hat oder nicht. Denn sollte Reprodukt es versäumt haben, ist die Brüskierung nicht geringer, nur eben durch den Verlag.

Und das würde passen. Dass die Tamaki-Cousinen nicht nach Deutschland kommen konnten, kann man verstehen, dass der Verlagsvertreter von Reprodukt, der für sie den Preis entgegennahm, aber nicht einmal sagen konnte, wo sie denn gerade sonst waren, zeigt, dass man sich verlagsseitig um nichts gekümmert hat. Die Zeichnung, die Jillian Tamaki zum Dank für die Auszeichnung ihres Comics geschickt hatte, ist an den Salon selbst gegangen, also hatte Reprodukt auch damit nichts zu tun. Aber der Gipfelpunkt im schlechten Umgang mit der dem Haus seit Jahren sehr gewogenen Veranstaltung war noch gar nicht erreicht.

Dazu brauchte es die Verlesung der Erklärung von Patrick Wirbeleit, eines weiteren abwesenden Reprodukt-Preisträgers, dessen Comicreihe „Kiste“ von der Jury zum besten Kinder-Comic bestimmt worden war. Die recht selbstverliebte Erklärung, in der über seinen Co-Autor Uwe Heidschötter kein Wort verloren wurde, endete mit der Ablehnung des Preises, weil die Erlanger Jurys bislang die von Wirbeleit geschätzten Zeichner Kim Schmidt und Sascha Wüstefeld ignoriert hätten. Das mag er so sehen, eine Prüfung der Arbeiten von Schmidt und Wüstefeld kann ja dankenswerterweise jeder selbst übernehmen und dann sehen, ob sie etwas von Yelins „Irmina“ oder Weyhes „Madgermanes“ unterscheidet. Aber da es sich in Erlangen nicht um Überraschungssieger handelt (man will ja die Gewinner im Saal haben, also werden sie selbst oder die Verlage meist vorher informiert), hatte Reprodukt die Ablehnung seines Autors auch schon vorher erhalten. Es hätte Größe gehabt, sie dem Salon vorab mitzuteilen, um allen Beteiligten ( inklusive des abwesenden Herrn Wirbeleits) den peinlichen Moment zu ersparen.

Natürlich muss ein Künstler das Recht haben, einen Preis abzulehnen. Dann aber auch den Mut, es vorher zu tun oder wenigstens persönlich dazu zu stehen. So bleibt nur der Eindruck eines wenig couragierten Herrn, der sich ärgert, wenn seine Favoriten nicht abräumen. Nun denn, wenn’s der Wahnsinnsfindung dient.

Soviel zum Ärger über Reprodukt, die ein tolles Comicprogramm haben, aber offenbar von Preisen dafür etwas zu verwöhnt wurden. Nun zum Zorn über etwas Wichtigeres: die Moderation. Sie wird seit 2010 von dem Duo Hella von Sinnen und Christian Gasser durchgeführt, und das war am Anfang sehr erfrischend. Jetzt ist es nur noch sehr ermüdend. Gasser ist daran unschuldig, obwohl man sich wünschen würde, er brächte seine konkurrenzlose Sachkompetenz auch in die Vorbesprechungen zur Moderation ein. Aber mutmaßlich ist Hella von Sinnen, die mir als Donaldistin prinzipiell sehr sympathisch ist, beratungsresistent. Sonst hätte sie für ihre mittlerweile vierte Verleihung doch einmal alle 25 nominierten Comics gelesen und vielleicht sogar mal einen Blick in die Biographie von deren Autoren geworfen, damit uns ein Satz wie der zur Zeichnerin Anna Haifisch („Sie ist wie Karl May, der war auch nie in Amerika“) angesichts eines einjährigen Studienaufenthalt Haifischs in den Vereinigten Staaten erspart geblieben wäre. Aber vielleicht haben Moderatorin und Zeichnerin sich ja nach der Gala bei dem Treffen ausgesprochen, zu dem Hella von Sinnen ihre angeblich derzeitige Lieblingsautorin von der Bühne herab einlud.

Interessiert uns, wen oder was Hella von Sinnen gerade schätzt? Aber ja, wenn es etwas mit den Preisen zu tun hat, jedoch nicht ausschließlich. Mehr als eigene Begeisterung oder Langeweile hat de Moderatorin leider nicht zu bieten. Das ist lebendig, aber inkompetent. Immerhin sorgte sie für den Höhepunkt des Abends, als sie dem für „Fahrradmod“ nominierten Tobi Dahmen die Vorführung einiger Mod-Tanzschritte abverlangte. Die Peinlichkeit dieser Zumutung wich, als Dahmen sie so souverän absolvierte, wie man es sich nur erträumen konnte. Aber die Peinlichkeit, dass eine sechsundfünfzigjährige Frau noch nie von Mods gehört haben will, vergeht so schnell nicht.

Hella von Sinnen gefällt sich darin, als Abzockerin aufzutreten. Gerne betonte sie, dass ihr die Comics vom Salon zur Vorbereitung gratis zugeschickt wurden, was ja völlig in Ordnung wäre, wenn sie die Bände dann auch lesen würde. Aber dass sie die von Jillian Tamaki an den Salon eingesandte Dankeszeichnung an sich bringen wollte (ein Segen, dass das Blatt nur digital vorlag), weil sie sich ja so genau in einer der beiden Hauptpersonen getroffen sehe, das war von einer Frechheit, die den Atem raubte. Wie schon ganz zu Beginn, als sie den Erlanger Oberbürgermeister, der in fünf Minuten mehr Substanzielles zur Lage der Comics im Allgemeinen und der des Salons im Speziellen zu sagen hatte als Hella von Sinnen in zweieinhalb Stunden, zur Eile drängte, weil man wenig Zeit habe. Dann aber bei so ziemlich jeder Nominierung, die sie im Folgenden vorzustellen hatte, länger schwafelte als der Bürgermeister. Es waren sehr lange zweieinhalb Stunden auf dieser Gala mit Hella von Sinnen, aber gewiss meine letzten, wenn es bei dieser Besetzung bleiben sollte.

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