Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Grandhotel als Flüchtlingsmodell

Augsburg ist nicht eben bekannt als Comic-Hauptstadt, aber der dortige Studiengang Kommunikationsdesign hat mit der 2006 gegründeten Projektklasse Comicwerkstatt und der von ihr herausgegebenen Anthologie „Strichnin“ ein bemerkenswertes Forum für den Zeichnernachwuchs geschaffen. Sechs Hefte sind bereits erschienen, den Max-und-Moritz-Preis für die beste studentische Publikation hat man dafür gewonnen, und nun ist eine Publikation in Augsburg entstanden, die nach noch Höherem strebt: „Nachrichten aus dem Grandhotel“. Auch das ist eine Anthologie, aber eine, die acht Reportagen zum groß angelegten Porträt einer hochinteressanten lokalen Institution bündelt. Das Grandhotel Cosmopolis ist eine soziale Einrichtung, die 2011 in einem verlassenen Altersheim mitten in der Stadt entstand und mittlerweile Beherbergung, Café-Ausschank und Flüchtlingsunterkunft unter einem Dach vereint.

2012 wurde dort ein „Strichnin“-Heft vorgestellt, und die Atmosphäre in dem selbstverwalteten Projekt begeisterte die Studenten derart, dass man in Kontakt blieb. Im vergangenen Jahr wurde dann ein konkretes Publikationsvorhaben aus der wechselseitigen Sympathie: Acht Mitglieder der Projektklasse Comicwerkstatt führen Gespräche mit Gründern, Mitarbeitern, vor allem jedoch dort ansässigen Flüchtlingen und zeichneten jeweils kleine Geschichten von jeweils unter zehn Seiten. Entstanden sind sowohl anekdotische wie höchst aufwühlende Berichte – je nach Schicksal der Gesprächspartner. Da ist der nur knapp dem Tod durchs Ertrinken entronnene Flüchtling ebenso vertreten wie der durch Drohungen aus seiner Heimat vertriebene afghanische Arzt, da ist die unter dramatischen Umständen aus dem Kosovo geflüchtete Schülerin, aber auch der Augsburger Aktivist, der an der Etablierung des Grandhotels Cosmopolis beteiligt war.

Jeder Beteiligte – man muss sie hier einfach alle namentlich nennen: Samuel Boeck, Dennis Ego, Hannah Hageraats, Marte Negele, Paul Rietzl, Wolfgang Speer, Julian Wienand und Miriam Wöllner – hat seinen eigenen Stil für die resultierenden Comicreportagen gewählt (Leseprobe unter http://comicwerkstatt-augsburg.de/weitere-publikationen/grandhotel; wobei sich die Genrefrage stellt, denn nicht jeder Bericht ist auch gleich eine Reportage, aber sei’s drum), und am eindrucksvollsten ist Dennis Egos Protokoll der Erlebnisse eines syrischen Flüchtlings geraten, weil er sich für einen schönen Kunstgriff entschieden hat: Sein syrischer Gesprächspartner ist selbst Zeichner, und den Großteil von dessen Bericht hat Ego als Skizzen gestaltet – als hätte er das Notizbuch seines Gegenübers geplündert. Die simulierte Spontaneität und bewusste Einfachheit passt zur Extremsituation der dokumentierten Flucht, und der Kontrast zu Auftakt und Abschluss der achtseitigen Erzählung, in denen keine Bedrohung an Leib und Leben besteht, ist graphisch dadurch zum Ausdruck gebracht, dass dort klassisch-realistische Zeichnungen zum Einsatz kommen.

Das ist die einzige Geschichte, die in sich den Stil wechselt, aber das Buch selbst, satte neunzig Seiten stark, ist natürlich durch die verschiedenen eingesetzten graphischen Handschriften unterschiedlich genug. Doch alle Einzelberichte sind dadurch miteinander verbunden, dass der Amerikaner Mike Loos, der an der Augsburger Hochschule für Gestaltung seit 2004 Illustration lehrt und von Beginn an die Projektgruppe Comicwerkstatt leitet, Übergänge gezeichnet hat, die aus den „Geschichten aus dem Grandhotel“ eine große Geschichte machen. Das Prinzip kennt man aus den frühen Lustigen Taschenbüchern, in denen zuvor separat publizierte Disney-Comics durch Rahmenerzählungen zu einem großen Erzählstrom vereinigt wurden. Das hatte einen skurrilen Reiz, weil dadurch bisweilen über die eigentlich intendierte Geschichte hinaus erzählt wurde, und zumindest ich habe sehr bedauert, dass der italienische Mondadori-Verlag dieses Prinzip vor einem Vierteljahrhundert aufgegeben hat.

In „Nachrichten aus dem Grandhotel“ feiert es seine Wiederkehr, wobei sich Loos sehr bemüht, den Arbeiten seiner Studenten nicht die Wirkung zu nehmen. Er stellt sich in den Dienst ihrer Reportagen und reichert den Korpus des Erzählten vor allem durch Lokalkolorit an – als erfahrener Comiczeichner lässt er aufwendige Dekors zu, die bei den jüngeren Kollegen eher kurz kommen, doch dafür sind es die Studenten, die die spektakulären Geschichten zu bieten haben. Die Idee, eine Taube zur Protagonistin von Loos‘ Rahmenerzählung zu machen, ist ein wenig arg schlicht (Friedenssymbol), und seien Graphik ist auch nahe am Kitsch gebaut, aber es ist wiederum hochinteressant, wie er von den Reportagen vorgegebene Figuren aufnimmt und sich somit acht verschiedenen Stilen anzupassen hat, ohne dass er seine eigene Handschrift verleugnete. Das geht bis zum Einsatz von Farbe in der Überleitung zu Wolfgang Speers Porträt des Flüchtlings Hayder, die als einzige bunt gehalten ist.

Alle Geschichten entstanden im vergangenen Sommer, noch vor der Zuspitzung der Flüchtlingskrise. Trotzdem haben sie nichts an Relevanz eingebüßt, im Gegenteil: Die Konzentration auf individuelle Schicksale ist wohltuend angesichts der steten Wahrnehmung von Masse, die über bloße Zahlennennung und Bilder mit den Ankünften ganzer Schiffe oder Züge von Flüchtlingen forciert wird. Darüberhinaus wird mit dem Augsburger Grandhotel ein Modell der Integration vorgestellt, das auf ganz andere Weise arbeitet als die in bürokratischer Hand liegenden Abläufe.

Der schön gedruckte Band ist übrigens spottbillig: 12,80 Euro. Das ist der Unterstützung durch die Hans-Benedikt-Stiftung, die sich der Unterstützung der Augsburger Hochschule verschrieben hat. Erschienen beim lokalen Wißner Verlag, der sich bislang nicht mit Comics profiliert hat, dürfte es schwierig sein, den schönen Band im normalen Buchhandel außerhalb Schwabens zu finden. Also bitte bestellen. Es lohnt sich.

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