Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Es ist alles rot, was glänzt

Von den zehn diesjährigen Finalisten des Comicpreises der Berthold-Leibinger-Stiftung haben zwei ihre eingereichten Arbeiten schon veröffentlicht. Das ist insofern bemerkenswert, als die Auszeichnung (mit 15.000 Euro für den Gewinner die höchstdotierte in Deutschland für Comics) ein Förderpreis ist, also nicht ein bereits erschienenes, sondern noch im Entstehen begriffenes Werk unterstützen soll. Da die Verleihung erst wenige Monate zurückliegt, haben zwei der zehn Finalisten (von denen neun immerhin auch noch jeweils tausend Euro erhalten) offenbar höchst konzentriert gearbeitet. Einer der beiden Bände wurde an dieser Stelle schon gefeiert: Max Baitingers „Röhner“ (http://blogs.faz.net/comic/2016/04/04/individuell-humo…nente-reicht-das-848/) – und zwar sogar schon vor der Preisverleihung, was daran lag, dass Baitinger nicht wusste, dass seine prämierte Arbeit noch gar nicht publiziert hätte sein dürfen. Ein Kommunikationsproblem und deshalb ausnahmsweise ohne Folgen.

Bei Burcu Türkers Band „Süße Zitronen“ ist es dagegen wirklich so, dass die Kasseler Illustrationsstudentin sofort nach der Preisverleihung an die Fertigstellung ging, und der beeindruckend qualitätvolle Jaja Verlag hat rasch ein Buch daraus gemacht. Erzählt wird darin eine mutmaßlich autobiographisch inspirierte Geschichte, die den Umgang einer jungen türkischstämmigen Deutschen mit dem Tod ihrer Mutter thematisiert. Das klingt bedrückend, doch es ist alles andere als das. „Süße Zitronen“ ist ein durch genaue Beobachtung, leise Melancholie und subtilen Humor höchst unterhaltsames, aber auch durchaus trostreiches Buch. Ein Comic, der so unaufgeregt und doch so intensiv über eine Mutter-Tochter-Beziehung berichtet, verdient Beachtung.

Dass es sich dabei um das Debüt der 1984 geborenen Burcu Türker handelt, mag man kaum glauben. Sie beherrscht die Mittel ihres Metiers schon nahezu perfekt. Kaum ein anderer deutscher Comic etwa hat rahmenlose Bilder so elegant eingesetzt wie dieser. Bisweilen fließen die Panels ineinander, sorgen dadurch für Abwechslung bei der Seitenarchitektur und schaffen prinzipiell eine Bewegung, die dem zwischen Gegenwart und Erinnerungen hin und her springenden Geschehen aufs Schönste entspricht. Auf der Verlagsseite kann man sich das an ein paar Beispielen anschauen: http://www.jajaverlag.com/s%C3%BC%C3%9Fe-zitronen/.

Die Mutter der jungen Protagonistin war Schauspielerin in der Türkei; mit der Auswanderung nach Deutschland endete diese Karriere. Doch die künstlerische Ader blieb, und die Tochter, die nun ein Kunststudium aufgenommen hat, findet darin ein Vorbild, obwohl es zu Lebzeiten durchaus auch Spannungen gab. Beide Frauen verbindet aber die Erfahrung des Verlustes der eigenen Mutter, nur dass die Großmutter der jungen Frau schon starb, als die Mutter noch ein Kleinkind war. In der Tatsache, dass der Tochter das Ausmaß dieses Verlustes erst begreiflich wird, als sie ihn selbst erleben muss, liegt eine grundlegende Tragik des Miteinanderredens über den Tod: Ihre Mutter ganz verstehen, kann die Tochter erst, nachdem jene gestorben ist.

Aber wie gesagt: „Süße Zitronen“ ist kein depressives und schon gar kein deprimierendes Buch. Die Bleistiftzeichnungen von Burcu Türker habe einen Schwung, der Lebenslust auch in traurigen Situationen vermittelt, und wie sie die Farbe Rot als Vitalitätssymbol einsetzt – die junge Frau ist rothaarig, aber zugleich dominiert diese Farbe auch die Rückblicke auf die türkische Vergangenheit der Mutter –, gehört zu den kleinen Meisterstücken der jüngeren Comicgeschichte. Es mag pathetisch klingen, aber dieses Buch macht glücklich. Also sollte man es lesen, bis dann der diesjährige Gewinner des Leibinger-Comicpreises mit seinem Projekt ans Ende kommt. Und das wird dauern, denn Uli Oesterles prämiert, ebenfalls autobiographisch motivierte Geschichte „Vatermilch“ wird nicht vor 2018 erscheinen, und auch dann steht lediglich der erste von zwei geplanten Bänden an. Umso mehr Zeit für „Süße Zitronen“. Nicht das Schlechteste, was Warten bedeuten kann.