Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Neues Sommerhoch für Zeichnerinnen

Alle Jahre wieder kommt „Spring“. Nicht als Frühling, sondern im Sommer, denn „Spring“ ist eine Anthologie, die seit nunmehr bald anderthalb Jahrzehnten erscheint und sich dazu erfreulicherweise jene Jahreszeit aussucht, in der wir am längsten Tageslicht zum Lesen haben. Diese Publikation hat es verdient, sie wird immer besser und immer vielfältiger. Deshalb macht es so große Freude, jedes Jahr im Sommer über das jeweils neue „Spring“ zu schreiben.

Wenn ich „vielfältiger“ sag, meine ich das natürlich nicht im Sinne dessen, dass nunmehr aufgeweicht würde, was „Spring“ so ganz besonders macht: die Tatsache, dass daran ausschließlich Zeichnerinnen beteiligt sind. Sondern im Sinne dessen, dass deren Kreis sich kontinuierlich erweitert und nun auch konsequent internationalisiert. Zwar haben für die Nummer 13 der Anthologie diesmal nur acht Frauen aus dem in Hamburg situierten „Spring“-Kollektiv (was allerdings nicht heißt, dass alle dessen Mitglieder dort wohnten) zur Feder gegriffen, aber es sind dennoch sechzehn Zeichnerinnen vertreten. Denn für das Heft unter dem Titel „The Elephant in the Room“ hat man Mitstreiterinnen aus der Ferne gewonnen: Die Hälfte des mehr als 230 Comicseiten dicken Bandes stammt diesmal aus Indien.

Dort, konkret in einer Schriftstellerresidenz nicht weit weg von Bangalore, das sich zum Zentrum deutsch-indischer Comic-Kultur zu entwickeln scheint (man denke nur an Sebastian Lörschers wunderbaren Comic „Making Friends in Bangalore“), haben die „Spring“-Künstlerinnen im Frühjahr 2016 die einheimischen Teilnehmerinnen eines Workshops getroffen, der vor zwei Jahren vom Goethe-Institut in Neu Delhi ausgerichtet und unter anderem von den Springerinnen Ludmilla Bartscht und Larissa Bertonasco geleitet worden war. Bei uns weiß man wenig oder gar nichts von indischen Comics, und da es sich bei Indien um ein immer noch patriarchalisch geprägtes Land handelt, mit dem größten Ungleichgewicht zwischen Geburten von Mädchen und Jungen handelt (wie so viele weibliche Föten abgetrieben werden), war aus Laiensicht mit vielen dortigen Comiczeichnerinnen kaum zu rechnen. Aber von wegen: Nicht nur, dass man ein Gleichgewicht der Zahl in „Spring“ Nr. 13 herstellen konnte, es ist auch eines der Qualität entstanden.

Das will einiges heißen angesichts von prominenten Teilnehmerinnen auf deutscher Seite wie Ulli Lust und Barbara Yelin. Und marialuisa, Katrin Stangl, Stephanie Wunderlich und Nina Pagalies sind ja wie die bereits erwähnten Bertonasco und Bartscht auch keine Unbekannten, sondern längst etablierte Illustratorinnen. Wer hätte dagegen in Europa von Priya Kuriyan gehört, der dritten Workshop-Leiterin, die in der Publizistikszene ihrer Heimat eine große Nummer ist und das mit ihrem autobiographischen Comic „Ebony and Ivory“, der die aktuelle Ausgabe von „Spring“ als umfangreichste Geschichte beschließt, auch den deutschen Lesern beweist? Auf mehr als zwanzig Seiten erzählt sie von der Ehe ihrer Großeltern mütterlicherseits, bei der der Großvater als liberaler Freigeist galt, während die Großmutter als verstockte Traditionalistin gesehen wurde. Plötzlich aber wird diese Deutung auf den Kopf gestellt, und das ist nicht die einzige Überraschung, die die indischen Zeichnerinnen zu bieten haben.

Die anderen sieben sind Archana Sreenavisam, Garima Gupta, Krutika Susarla, Anpu Varkey, Reshu Singh, Prabha Mallya und Kaveri Gopalakrishan, und leider würde es zu weit führen, hier alle ihre Arbeiten vorzustellen. Bemerkenswert aber ist zum Beispiel das mehrfach wiederkehrende Thema von gewollter Kinderlosigkeit einiger Zeichnerinnen, womit in Indien an ein gesellschaftliches Tabu gerührt wird. Als moderne Frauen stoßen die Künstlerinnen auf den Widerstand von Familien und Gesellschaft. Am drastischsten setzt Prabha Mallya die Situation von indischen Frauen ins Bild: Ihre Bilderfolge „Bitch“ zeigt eine selbstbewusste und sexuell frei agierende Hündin, gezeichnet in einem Stil, der von internationaler Verständlichkeit ist – wie überhaupt Exotismusklischees graphisch nie bedient werden. Ein paar Seiten kann man hier sehen: http://www.springmagazin.de/index.php?/ausgaben/13-the-elephant-in-the-room/.

Es ist bemerkenswert, wie absolut weltläufig die Geschichten der Zeichnerinnen aus Indien wirken. Nun mögen manche Leser den Verlust nationaler Eigenheiten in der Graphik beklagen. Aber auch wenn es hier keine als typisch indisch – was immer das bei diesem Schmelztiegel der Kulturen, Religionen auch sein sollte – erkennbare Gestaltung gibt, so sind die Erzählweisen doch jeweils andere. Die deutschen Zeichnerinnen sind expliziter bei ihren Einblicken ins Private, bei denen Penisgrößen ebenso thematisiert werden wie versuchte oder erfolgte Vergewaltigungen. Aber die Unmittelbarkeit des Sprechens übers Private ist bei den indischen Beiträgen dringlicher, getriebener, auch kompromissloser. So werden familiäre Konflikte viel wichtiger genommen als in den deutschen Geschichten, und die Fremdheitsgefühle einer jungen Generation sind stärker ausgeprägt sichtbar als bei den (auch im Schnitt etwas älteren) deutschen Zeichnerinnen. Aber es wird auch deutlich, dass es verbindende Erfahrungen von Frauen über Kontinente und Kulturen hinweg gibt, und diese Erkenntnis wird deutlich im Buchtitel „The Elephant in the Room“: die Frage, was es bedeutet, Frau zu sein, im Beruf, im Alltag, wird selten gestellt. Sie ist der aus dem englischen Sprichwörterschatz stammende Elefant im Zimmer – ein gewaltiges Tier, über das niemand spricht.

Wie stets bei „Spring“ ist die Ausgabe zweisprachig, englisch-deutsch, jeweils mit Untertiteln in der anderen Sprache. Dadurch wird das Buch, das von kommender Woche an in Deutschland durch den engagierten Mairisch-Verlag vertrieben wird, hoffentlich auch in Indien Verbreitung finden. Auf dem Comicsalon von Erlangen von Mitte Mai, wo vorab schon ein paar „Spring“-Exemplare dieser Ausgabe zu bekommen waren, boten die deutschen Zeichnerinnen auch indische Publikationen der Kolleginnen an, die dank internationaler Förderung zustande gekommen waren. Die Hefte waren binnen zweier Tage vergriffen. Möge es „Spring“ Nr. 13 genauso ergehen.

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