Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Werther ist wieder da

Literarische Vorlagen sind für Comiczeichner mittlerweile rund um die Welt ein gefundenes Fressen. Und nachdem sogar Proust und Joyce mit ihren Hauptwerken Zeichner gefunden haben, die sich daran wagten, dürfte es wohl kaum noch etwas geben, bei dem gezögert würde. Ganz gewiss jedenfalls nicht gegenüber einem Buch wie „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang Goethe.

Es dürfte immer noch das wirkungsmächtigste Buch der deutschen Literaturgeschichte sein, nicht, weil es das anspruchsvollste wäre, aber einen europäischen Erfolg zu Lebzeiten, wie Goethe ihn als junger Mann mit seinem Debütroman von 1774 erlebte, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kafka starb lange, bevor seiner Bücher gelesen wurden, Thomas Mann und Stefan Zweig waren zwar weltweit erfolgreich, doch niemandem wurde ein solcher Kult entgegengebracht wie Goethe, in dessen Titelfigur sich unglücklich Verliebte vom ganzen Kontinent wiederfanden (und sich nicht nur wie dieser papageienbunt kleideten, sondern auch munter wie er umbrachten). Ein Klassiker ohne allzu viel Staub, wie man als Leser merkte, als Ulrich Plenzdorf es 1972 für die Gegenwart der DDR aktualisierte („Die neuen Leiden des jungen W.“). Das wurde dann zumindest noch ein gesamtdeutscher Erfolg. In Werther findet man sich auch heute noch gut porträtiert.

Nun gibt es den Comic dazu. Nicht den Comic davon. Denn Franziska Walther hat nicht Goethes (oder Plenzdorfs) „Werther“ als Comic adaptiert, sondern eine Bildinterpretation gewagt, die mit Goethes Originaltext arbeitet, aber das Geschehen ins New York der unmittelbaren Gegenwart versetzt: „Werther Reloaded“ heißt es nun. Walthers Werther treibt es äußerlich immer noch bunt, aber das ist heute im Multikulti-Gemenge einer Metropole nichts Besonderes mehr. Als Mitarbeiter ist der junge Hipster Werther Teil der Szene, doch einsam ist er wie sein Vorgänger vor einem Vierteljahrhundert. Seine entsprechenden Selbstbetrachtungen teilt er jedoch natürlich nicht mehr über Briefe mit, sondern auf den Sozialen Medien.

Soweit, so banal „reloaded“. Großartig aber ist, dass Franziska Walther tatsächlich keinerlei aktualisierten Text verwendet, sondern nur reinen Goethe, und die gewählten Ausschnitte sind grandiose Ausgangspunkte für ihre stummen Bildsequenzen. Und umgekehrt. Denn bis überhaupt der erste Goethe-Text kommt, ist ein rundes Drittel der Geschichte schon vorbei, und wir haben Werther selbst und seinen Alltag trotzdem bestens kennengelernt: rein visuell. Danach werden die Auszüge aus dem Roman immer dichter und länger, und nach scheinbarem Abschluss des Comics auf Seite 112 folgt noch eine Seite, die die Behauptung erhebt: „Das ist nicht das Ende!“ Egal, ob man das auf Werthers Schicksal bezieht oder aufs Buch selbst – jedenfalls folgt danach noch der ganze Prosatext des Buchs von 1774, weitere hundert Seiten. Ehe sich Goethes Held erschießt. Das ist dann doch das Ende, und Franziska Walthers dunkelviolette Baumwipfel rauschen.

Normalerwiese bin ich kein Freund von als Anhang abgedruckter Prosa, die die eigentliche Adaption dadurch entwertet, dass sie ein Misstrauen artikuliert, ob denn das Original noch zu verstehen wäre, wenn es nur bei den Bildern bliebe. Aber hier ist die Bearbeitung so frei und jahrhunderteübergreifend, dass der Reiz der Re-Lektüre groß ist. Zumal dadurch die Text-Auswahl von Franziska Walther in ihrer Plausibilität überprüfbar wird.

Und wie zeichnet die 1980 in Weimar (das passt ja!) geborene Illustratorin? Hier ist es zu sehen: http://kunstanstifter.de/buecher/werther-reloaded. In Buntstift, mit großen Rhythmuswechseln zwischen Doppelseiten und ganz kleinteilig aufgebauten Sequenzen. Ihr Werther kommt mit seinen fahlblauen Haaren daher wie ein Schnösel, aber etwas von einer edlen Seele steckt doch auch in ihm, obwohl die Gefühlskälte unserer Zeit im Vergleich mit Goethes emotional leicht erregbarer Generation im coolen Look des Wiedergängers den rechten Ausdruck findet. Gedruckt hat der Kunstanstifter Verlag, der seit Jahren mit prachtvollen Bilderbüchern überzeugt, das Ganze sehr schön; nur das rosa Papier, auf dem der Original-Werther-Text steht, ist eine schlechte Wahl, weil farbige Seiten für bloßen Text nicht eben augenfreundlich sind (und rosarot sieht Werther sein Leben ja gerade nicht). Gesetzt den Fall, es gäbe eine jugendlich-männliche Zielgruppe für dieses prächtige Projekt, dann dürfte die durchs feminin-süßliche Kolorit wohl auch eher befremdet sein. Aber Franziska Walthers Werther ist denn doch viril (und unverschämt) genug, um nicht nur auf einen Metrosexuellen reduziert zu werden.