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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wie erzählt man 112 Tage Warten?

Was passierte zwischen dem 1. Juli 1997 und dem 20. Oktober desselben Jahres? Kaum jemand von uns wird noch viel davon wissen, gerade weil in diesen 112 Tagen so viel passiert sein dürfte. Christophe André, ein französischer Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“, dagegen weiß es genau, weil ihm in diesem Zeitraum nur eines passiert ist: Er war Geisel der tschetschenischen Separatisten, verschleppt am 1. Juli 1997 aus dem Ort Nazran in der Kaukasusrepublik Inguschetien, wo er im Einsatz war, freigekommen am 20. Oktober 1997 in der Nähe der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Dazwischen lagen 112 Tage Geiselhaft, die darin bestanden, dass er mit einer Handschelle angekettet auf einer Matratze liegen musste und dreimal am Tag losgemacht wurde, um zu essen und die Toilette aufzusuchen. Das war alles.

Und doch natürlich viel mehr, nämlich Angst, Zorn, Ungeduld, Frustration. Davon erzählt Guy Delisle in seinem gerade in Frankreich bei Dargaud erschienenen Comic „S’Enfuir“ (Entfliehen), in dem er die Erlebnisse von Christophe André, die dieser ihm schon vor Jahren erzählt hat, in eine mehr als vierhundertseitige Chronik umsetzt. Das ist selbst für Delisle viel, dessen vor fünf Jahren erschienener Welterfolg „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ immerhin auch schon 330 Seiten lang war. Aber darin erzählter nicht nur von einem ganzen Jahr, sondern auch von eigenen Beobachtungen, die er in Israel machte, wo er 2008/09 gelebt hat – übrigens als Ehemann einer Mitarbeiterin von „Ärzte ohne Grenzen“.

Warum brauchen fremde Erlebnisse in nicht einmal einem Drittel der Zeit noch mehr Platz? Weil Delisle in „S’Enfuir“ die Monotonie der Geiselhaft in den Mittelpunkt stellt, das unendliche Warten ohne jedes Wissen um das, was außerhalb des Hauses passiert, in dem André gefangengehalten wurde. Er sprach kein Russisch, geschweige denn Tschetschenisch, konnte sich also mit seinen Bewachern nur mittels englischer Brocken und Zeichensprache verständigen, aber die hatten auch gar kein Interesse, sich mit ihrer Geisel auszutauschen. Nachrichten drangen nicht zu ihm vor, ein einziges Mal sah er während der 112 Tage eine französische Tageszeitung, doch die durfte er nicht lesen. Ob man ihn für tot hielt, ob man sich um seine Rettung bemühte, was die Bedingungen für seine Freilassung sein könnten – all das wusste er nicht. Ablenkung gab es die ganze Zeit über nicht. André konnte nur über seine Situation nachdenken.

Davon erzählt Delisle, konsequent aus der Perspektive des Entführungsopfers. Und um die Unendlichkeit des ratlosen Wartens deutlich zu machen, braucht er die mehr als vierhundert Seiten. Und doch ist es auch eine Abenteuergeschichte, denn tatsächlich gleicht kein Tag in Geiselhaft dem anderen, weil jede Winzigkeit von André genau registriert wird, jedes Jota an errungener Selbständigkeit ein riesiger Triumph und jede Enttäuschung seiner Hoffnungen eine gewaltige Katastrophe ist. Gequält wird er nie, hungern muss er nicht, er wird nicht einmal schikaniert – dass ihn die Handschelle einmal schrecklich schmerzt, ist einem eigenen Befreiungsversuch geschuldet, der von den Bewachern nicht einmal bemerkt wird.

Die Kapiteleinteilung erfolgt nach Dauer der Geiselhaft, von 1 bis 111 (warum Delisle die Tage nicht richtig aufaddiert, ist ebenso rätselhaft wie eine fehlerhafte Chronologie zwischendurch). Und deutsche Leser, die seinerzeit den Fall bestenfalls registriert, aber sich nicht in den Details gemerkt haben, genießen den Vorteil, dass sie nicht wissen, wie es ausgeht. Selbstverständlich muss Christoph André davongekommen sein, sonst hätte er ja gar nicht von seinem Schicksal erzählen können, aber wie er davonkommt, dass ist am Schluss so verblüffend wie nur denkbar. Und deshalb wird es hier auch nicht verraten.

Der Band wird sicher bald auf Deutsch erscheinen, denn dazu ist Delisle auch hierzulande zu erfolgreich. Der kanadische Zeichner ist neben Joe Sacco zweifellos der bekannteste und erfolgreichste Comic-Dokumentarist. Ja, zusammen mit Sacco hat er diese Disziplin erst wirklich ins Bewusstsein gerückt, auch wenn Delisle mit seinen Berichten aus China, Nordkorea, Burma und Israel erst zehn Jahre nach Saccos ersten Reportagecomis begann. Gegenüber dem amerikanischen Kollegen ist bei Delisle immer Selbstironie ein wichtiger Faktor gewesen, auch widergespiegelt in der cartoonartigen Graphik. Das ist bei „S’Enfuir“ nun anders, denn Ironie steht ihm als Chronist der fremden Erlebnisse nur dann zu, wenn Christoph André sie selbst anklingen gelassen hätte, und das ist kaum der Fall. Und auch der Stil (eine leider arg kurze Leseprobe findet sich hier: http://www.dargaud.com/bd-en-ligne/s-enfuir-recit-d-un-otage,24226-ed5c9d1eae9ece13b79bb7c0436868c7) ist diesmal anders als bisher: immer noch stilisiert in der Personendarstellung, doch realistischer in den Proportionen und Gesichtszügen. Gleichzeitig aber ist sein Protagonist auf wenige individualistische Charakteristika beschränkt, von denen das markanteste noch der wachsende Bart ist. Trotz der persönlichen Geschichte sind es Typen, die hier auftreten – auch deshalb, weil André seine Bewacher so wahrgenommen hat.

Delisles Mut bei diesem Comic ist bemerkenswert. Nicht nur, dass der reale Fall fast zwanzig Jahre zurückliegt und Tschetschenien aus der Wahrnehmung der Welt so gut wie verschwunden ist. Auch der Bruch mit dem Erfolgsrezept autobiographischer Stoffe hätte die Rezeption erschweren können. Doch das Gegenteil ist eingetreten: In Frankreich hat sich „S’Enfuir“ sofort nach Erscheinen an die Spitze der Comic-Verkaufslisten gesetzt, zum ersten Mal in Delisles ohnehin schon erfolgreicher Karriere. Hier wird etwas geleistet, was zum Schwierigsten überhaupt gehört: die Spürbarmachung langsam verrinnender Zeit, ohne dass dabei ja Langeweile entstünde. Man ist vielmehr genauso gefesselt wie Christophe André: Geisel dieser Lektüre, die man ebenso wenig verlassen kann. Nur ist hier das Ende klar bestimmt. Was für ein Leseerlebnis.

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