Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Vier Doppelseiten für eine Explosion

Im spanischen Teil des Baskenlands wohnen die wenigsten Bürgermeister in den Orten, denen sie vorstehen. Aus Sicherheitsgründen leben sie in der nächsten größeren Stadt, denn in den Dörfern und Kleinstädten regiert ETA, die Terrororganisation, die jahrzehntelang für einen eigenen baskischen Staat mordete, bis 2011 ein Waffenstillstand verkündet wurde, von dem aber niemand sicher sagen kann, ob er das letzte Wort der Separatisten ist.

Der Comic „Mikel“ hat seine Handlungszeit in den Jahren 2006 bis 2010, als jedem Politiker im Baskenland auf dessen Anforderung Personenschützer zugeteilt wurden, auf Baskisch sogenannte „Txakurras“ (Hunde). Einer von ihnen war Mark Bellido, geboren 1975 im südspanischen Sevilla, also weit weg vom Baskenland. Mittlerweile lebt er als Schriftsteller in Brüssel – nach dem Waffenstillstand wurden die von privaten Sicherheitsdiensten gestellten Leibwächter meist arbeitslos – und schreibt auch Comics. So lernte er die belgische Zeichnerin Judith Vanistendael kennen, und gemeinsam entwickelten sie eine Geschichte, die auf Bellidos Erlebnissen als „Txakurra“ beruht du auf Französische unter dem Titel „Salto“ erschienen ist, im flämischen Original aber nach dem Namen des Protagonisten „Mikel“ heißt, und so ist nun auch der deutsche Titel. Wie Vanistendaels beide Vorgängercomics, „Kafka für Afrikaner“ und „Als David seine Stimme verlor“, ist auch der neue mehr als 360 Seiten dicke Band wieder bei Reprodukt erschienen.

Obwohl er so umfangreich ist, liest sich „Mikel“ sehr schnell. Das hat auch damit zu tun, dass Vanistendael bisweilen lange wortlose Sequenzen einschaltet, die der steten Aufmerksamkeit, die einem Leibwächter abverlangt werden, gerecht werden (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/mikel-die-geschichte-des-bonbonverkaufers-der-im-regen-verschwand/). Ablenken lassen vom Beobachten der Umgebung darf man sich nicht, und genauso ist bisweilen auch dieser Comic gearbeitet, der selbst falsche Spuren legt, um die Fehlbarkeit von Einschätzungen zu dokumentieren oder auch einmal eine buchstäbliche Ruhe vor dem Sturm illustriert, ehe dann gleich vier Doppelseiten eine Explosion abbilden, die nicht nur das Sicherheitsgefühl von Mikel und seiner baskischen Kollegin Rosa erschüttert, sondern auch das des Lesers. Man weiß nicht, was einen bei Bellido und Vanistendael auf der nächsten Seite erwartet.

Und dann gibt es den Leerlauf eines Berufsalltags, bei dem alles auf den Rhythmus des zu Beschützenden abgestellt ist und somit den Beschützern gar kein eigenes Privatleben mehr möglich ist. Mikels Ehe zerbricht daran, und das ein mindestens so zentrales Element dieser Geschichte wie die Attentate der baskischen Extremisten. Zumal das Buch anhebt mit einer Schelmenepisode aus Mikels früherem Leben als Bonbonlieferant in Andalusien. Dort ist alles bunt und harmlos, nur die Familienpflichten als Gatte und Vater bringen Unordnung in eine sorglose Existenz. Mit dem freiwilligen Umzug ins Baskenland – Mikel hat schriftstellerische Ambitionen und will als Leibwächter Stoff für einen Roman sammeln – wird alles grau und regnerisch und bedrohlich. Zur familiären Unordnung kommt die politische dazu.

Die Farbkontraste beim Schauplatzwechsel aus dem Süden in den Norden haben wir im französischen Spielfilm „Willkommen bei den Sch’tis“ 2008 bereits ausgiebig vorgeführt bekommen, das ist also ein abgedroschener Effekt. Und der Untertitel des Buchs, „Die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöst“, ist so ziemlich das Furchtbarste, was ich je auf einem Comic gelesen habe. Aber so wollten es Bellido und Vanistendael, die Übersetzerin Ruth Notowicz kann nichts dafür und hat gute Arbeit bei der Übertragung aus dem Niederländischen (ja, so steht das im Buch vermerkt, nicht „aus dem Flämischen“) geleistet. Das allegorische Covermotiv ist ein weiteres Unglück dieses Buchs. Nichts weist darauf hin, was für eine brisante und interessante Story sich dahinter verbirgt.

Also Augen zu beim Kauf und erst wieder aufgemacht beim Hineinblättern. Dann packt einen das Buch und erweist einmal mehr den graphischen Einfallsreichtum von Judith Vanistendael, die zu den interessantesten belgischen Comiczeichnern zählt. An diesem Werk hat sie gemeinsam mit Bellido mehrere Jahre gearbeitet, und die einzige Parallele beim Geschick in der Bilddramaturgie in Verbindung mit einem tagesaktuellen Thema sehe ich bei Baru, dem großen Comic-Chronisten der Migranten in Frankreich. Wie er hat Judith Vanistendael ein sicheres Gespür für pathetische Seitenarchitektur und Rhythmuswechsel. Schon technisch betrachtet ist „Mikel“ ein Lehrstück. Was es dann inhaltlich zu bieten hat, ist noch bemerkenswerter: Zeitgeschichte, von der man nur hoffen kann, dass sie im Baskenland nun wirklich Geschichte ist.

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