Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Muss es beim Museum so museal zugehen?

Wenn es gälte, den stilistisch vielseitigsten europäischen Comiczeichner zu benennen, dann wäre Manuele Fior ein heißer Kandidat. Unter den bisher erst sieben Comics des 1975 geborenen Italieners gibt es kaum einen, der den anderen gliche. Das gilt auch für sein jüngstes Werk, das in Zusammenarbeit mit dem Pariser Musée d’Orsay erschiene Album „D’Orsay-Variationen“. Zwar könnte man sich bei den ersten Bildern an die 2010 publizierte Schnitzler-Adaption „Fräulein Else“ erinnert fühlen, weil die Zeit der Handlung und somit der Dekor gleich sind: Fin de Siècle. Doch das, was Fior dann in seiner eigenen Geschichte anstellt, geht in eine ganz andere Richtung als die einigermaßen strenge Bebilderung der Schnitzler-Novelle.

Die „D’Orsay-Variationen“, ein Jahr nach dem französischen Original nun auch auf Deutsch erschienen (beim Avant Verlag), sind genau, was der Titel besagen will: freie Erzählungen über Künstler und Werke, die in dem 1986 eröffneten Museum für die Kunst der zweiten Hälfte des neunzehnten und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu finden sind. Fior nimmt die Biographien einiger der Berühmtesten unter ihnen – Degas, Ingres, Monet, Morisot – als Anregungen für eine locker gestrickte Handlung um die zeitgenössischen Akzeptanzprobleme jener Kunst, die wir heute „Impressionismus“ nennen. Und er bettet diese Zeitreise ein in den Traum einer Museumswärterin, die vor Henri Rousseaus „Schlangenbeschwörerin“ sitzt – dem zentralen Bild dieses Comics, weil Fior sich aus der surrealistisch-traumwandlerischen Stimmung des Gemäldes die eigene Erzählhaltung besorgt (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/d_orsay_variationen).

Das hätte grandios werden können, doch dem wurde nicht so. Woran liegt es? Daran, dass mittlerweile die Zahl der in Kooperation mit französischen Museen entstandenen Comics sehr groß ist – allein der Louvre hat seit 2006 schon zehn zu bieten. Immer soll es sich dabei um Geschichten drehen, die von den Werken der jeweiligen Häuser ihren Ausgang nehmen, und normalerweise sieht das so aus, dass irgendwelche Besucher in die jeweiligen Bilderwelten hereingezogen werden.So macht es auch Fior, und dieses Rezept ist mittlerweile etwas zu bekannt, als dass man es noch einmal erleben möchte.

Dazu kommt, dass er sich etliche der allerberühmtesten Werke im Musée d’Orsay ausgesucht hat, über die man als einigermaßen kunstinteressierter Leser auch schon einiges weiß, so dass die Anekdoten, die hier zur Sprache kommen, nicht eben überraschend sind. Die interessanteste Herausforderung liegt in ihrer Verbindung untereinander, und dazu hat Fior Edgar Degas ausersehen, der über mehrere Jahrzehnte in seiner künstlerischen und persönlichen Entwicklung begleitet wird, doch das wiederum verträgt sich nicht mit dem Ein- und Ausgangsbild „Die Schlangenbeschwörerin“ von Rousseau. Bloße Aneinanderreihung von Assoziationen würden in einem Comic zur surrealistischen Kunst plausibel wirken, nicht aber in dieser mühsam verbundenen Pseudobiographie des Impressionismus.

Zudem entspricht Fiors hier gewählter eigener Stil viel mehr der klassischen Salonkunst als dem damals neuen impressionistischen Phänomen. Die Statik der Figuren, deren Ausstaffierung und die durchaus aufwendig und zeitgemäß ausgeführten Hintergründe knüpfen alle bei dem Mann an, der zwar als Leitfigur von Degas vorgestellt, aber denn doch von ihm überwunden wird: bei Ingres. Allerdings einem Ingres, der in die pastellene Farbpalette von Degas getaucht ist, was ein seltsam eklektisches Erscheinungsbild entstehen lässt, das jegliche Bindung an die porträtierten Künstler negiert. Dadurch bekommt der Band nicht den Charakter von Variationen, sondern von Perversionen: Die jeweiligen individuellen Handschriften werden malträtiert, statt weiterentwickelt.

Die Ehre, von einigen der berühmtesten Museen der Welt angesprochen zu werden, macht Comiczeichner offenbar blind für die Herausforderung, die darin liegt. Sie ergehen sich in Anspielungen und Reminiszenzen, statt den Auftrag als Möglichkeit zu nutzen, ihre eigenen Themen und Fähigkeiten einem anderen Publikum vorzuführen. Durch den Verkauf in den Museen haben solche Bände ja zumindest das Potential dazu. Doch es ist evident, dass es den Beteiligten vor allem um Gefälligkeit geht – Ausnahmen wie Marc-Antoine Mathieus „Les Sous-Sols du Révolu““ von 2006 bestätigen die Regel. Bezeichnend, dass das der Auftaktband zur Louvre-Comicreihe war und seitdem auch nichts annähernd vergleichbar Interessantes mehr erschienen ist. So gesehen reiht sich Fior nahtlos ins viel zu schön sein wollende Elend dieser Versuche ein.

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