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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die zwei Asterix-Arbeiten des Uderzo

Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Damals kam „Asterix erobert Rom“ in die Kinos, ein Trickfilm, der im Gegensatz zu den beiden zuvor erschienenen „Asterix“-Filmen nicht auf ein existierendes Album zurückging, sondern eigen fürs Kino geschrieben worden war, und zwar von René Goscinny persönlich. Was das hieß, war mir damals gar nicht klar, denn als Zehnjähriger denkt man nicht darüber nach, dass die Zeit von Menschen begrenzt ist. Goscinny schrieb wie ein Wahnsinniger an „Asterix“, „Lucky Luke“ und „Isnogud“, und dass er einfach noch ein Drehbuch zwischenschieben konnte, bei dem Film Co-Regie führte und dann noch den Text zu einem Bilderbuch daraus machte, das schien mir ganz normal. Ein Jahr später war der nimmermüde Goscinny tot.

Hätte er doch die Zeit, die der Film kostete, lieber noch auf ein normales „Asterix“-Album verwendet! Meinethalben sogar mit er Geschichte von „Asterix erobert Rom“, den die ist so übel nicht. Nach dem Vorbild der Arbeiten des Herkules (im französischen Original heißt der Film auch „Les douze traveaux d’Astérix“) müssen die gallischen Helden von Caesar gestellte Aufgaben bewältigen. Schaffen Sie es, will der römische Herrscher sie als Götter anerkennen und in Frieden lassen, versagen sie, müssen sie sich samt ihres ganzen Dorfes Rom unterwerfen. I Deutschland wollten das damals mehr als sieben Millionen Zuschauer sehen, mehr als drei Mal so viele wie in Frankreich. Dabei dürfte niemand überrascht gewesen sein, wie die Sache ausgeht: Am Ende ist Caesar Privatmann.

Das wäre der Comic geworden, mit dem Goscinny die „Asterix“-Serie zu einem Abschluss hätte bringen können, und deshalb wurde es auch kein Comic. Oder nur ein seltsamer, denn für französische Zeitungen wurde „Asterix erobert Rom“ tatsächlich als Comic-Strip umgesetzt, allerdings nicht vom etatmäßigen Zeichner Albert Uderzo, sondern von dessen Bruder Marcel, der die Sache gar nicht übel löste, allerdings mit der Ausnahme von vier Seiten nur in Schwarzweiß. Auf Deutsch ist ein Großteil der insgesamt 35 Seiten damals in der Fachzeitschrift „Comixene“ erschienen, also quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber es kam 1976 auch ein Album in den Handel, im üblichen Großformat und in prächtigen Farben, 58 Seiten stark, gezeichnet von Albert Uderzo. Nur war das die Geschichte, die ich eben „Bilderbuch“ genannt habe. Für dieses „große Buch zum Film“ hatte Goscinny den halbdialogischen Text verfasst und Albert Uderzo insgesamt 110 Illustrationen angefertigt, darunter einige, die wie Comicsequenzen funktionierten, allerdings jeweils ohne Sprechblasen.

Was Albert Uderzo vierzig Jahre später dazu getrieben hat, just diese Geschichte noch einmal ganz neu zu illustrieren, weiß Teutates. Jedenfalls ist jetzt noch einmal als „Album zum Film“ ein Heft erschienen, das zwar „Asterix erobert Rom“ heißt und dieselbe Geschichte erzählt, aber weder textlich noch graphisch mit dem Band von 1976 übereinstimmt. Der Text, so ist es auf dem Titelbild vermerkt, ist nach dem Szenario von René Goscinny bearbeitet – die zuvor prägenden Dialogpassagen sind beseitigt, es gibt nur noch gelegentlich wörtliche Rede. Wer hier am Werk war, wird verschwiegen. Neu übersetzt worden ist das alles jedenfalls auch. Die Zeichnungen wiederum sind auf sechzig eingedampft worden, darunter nur noch zwei-, dreimal Sequenzen, ansonsten meist eine große Illustration pro Doppelseite, weshalb der Umfang jetzt auch satte achtzig Seiten beträgt. Da der deutsche Verlag sich eine Leseprobe schenkt, sei auf den französischen verwiesen, der immerhin einiges Material zugänglich macht: http://www.asterix.com/la-collection/les-albums-de-films/les-douze-travaux-d-asterix.html.

Orientiert hat sich Uderzo größtenteils an den Zeichnungen von damals; sie hat er in den weichen, dreidimensional wirkenden Stil seines Spätwerks versetzt. Wobei dies hier ein Spätestwerk ist, denn Uderzo wird im nächsten Jahr neunzig, und dass er jemals wieder selbst eine solche Herkulesaufgabe angehen würde, dürfte niemand geglaubt haben. Er selbst nennt als Grund im Vorwort, dass das Drehbuch seines Freundes Goscinny einen „würdigen Rahmen“ verdient habe, aber ob die heutigen Bilder würdiger sind als die von 1976 ist Geschmackssache. Entdeckungen lassen sich jedenfalls kaum machen, denn im Großen und Ganzen hat Uderzo nur das, was wir schon kannten, noch einmal neu gezeichnet.

Immerhin gibt es eine schöne Hommage an René Goscinny, der als Werbeträger in einem U-Bahnhof auftaucht (eine der Aufgabe für Asterix und Obelix besteht darin, dass sie die Höhle einer Bestie erforschen sollen, in der sie kurzfristig in die Moderne transportiert werden). Und die auf Doppelseiten kaprizierte Gestaltung sogt bei etlichen Motiven für mehr Detailreichtum und spektakulärere Dramaturgie. Aber das macht den Verlust an klarer Linie, den Uderzo mit seiner späten Liebe zu Plastizität Farbverläufen erzwingt, nicht wett. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass der Band als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den Koloristen Thierry Mébarki gedacht ist, der als vom Meister präferierter Nachfolgezeichner bei den neuen „Asterix“-Comics durch Didier Conrad abgelöst wurde, weil er mit dem neuen Szenaristen Jean-Yves Ferri nicht zurechtkam.

Und so liest man auch das überschwengliche Lob Uderzos auf den verstorbenen Goscinny unwillentlich als einen Hieb gegen Ferri, der dessen Erbe als Szenarist angetreten hat (und das von Uderzo selbst, denn leider hatte der sich ja neun Alben lang auch als Autor betätigt). Da der Vorgängerband von 1976 aber längst vergrffen ist und nie wieder aufgelegt wurde, ist die umgearbeitete Version eine sinnvolle Ergänzung der „Asterix“-Reihe. Ein simpler Nachdruck wäre zwar zufriedenstellender gewesen. Doch das reichte Herrn Uderzo leider nicht. Wer hätte gedacht, dass der alte Mann noch so viel Glut in sich hat?

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