Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wann kriegt dieser Mann den längst verdienten großen Preis?

In der vergangenen Woche gab die Stadt Leipzig den nächsten Buchpreisträger für Europäische Verständigung bekannt: Mathias Énard, einen französischen Schriftsteller, Übersetzer und Orientkenner, der in seinen Büchern immer wieder die wechselseitigen Einflüsse von morgen- und abendländischer Kultur herausgestellt hat. Sein Roman „Kompass“, der vor wenigen Monaten in deutscher Übersetzung erschienen ist (und den die Jury besonders hervorhebt), kann als Musterbeispiel dienen, wie ein Erzähler Gräben zwischen Kulturen überwinden, gegenseitige Vorurteile abbauen und Wissen über Fremdes vermitteln kann. Das alles gilt auch für das Werk eines Landsmannes von Énard, den Comiczeichner David Beauchard alias David B.

Nur eines gilt nicht für ihn: Den Buchpreis für Europäische Verständigung wird er nicht erhalten, obwohl David B. schon seit zwanzig Jahren genau das in seinen Comics leistet, was die Leipziger Jury an Énards Werk nun preist. Sie wird das Werk von David B. gar nicht kennen, und das wiederum gilt wohl auch für das Schaffen aller anderen Comiczeichner und für alle anderen literarischen Jurys, denn wie hätte sonst zum Beispiel der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bislang an Art Spiegelman vorbeigehen können? Oder nehmen wir den Deutschen Literaturfonds, der Jahr für Jahr rund eine Million Euro an Stipendien für Autoren vergibt. Hat jemals ein Comicautor eines davon erhalten? Nein. Und sage niemand, es hätte sich dafür mutmaßlich auch noch nie einer beworben. Wenn die fördernde Institution sich für den Comic öffnen wollte, könnte sie ja auch zu Einreichungen aufrufen.

Es fehlt, kurz gesagt, an Kompetenz zur Beurteilung erzählerischer Leistungen im Comic. Nicht, dass Énard nicht aller Ehren wert wäre. Aber die Ähnlichkeit in Erzählstoffen und -handlung mit David B., bei gleichzeitig grotesk anderer Würdigung ist augenfällig. Wobei immerhin David B. zu den anspruchsvollen französischen Comickünstlern gehört, die weltweit übersetzt werden, auch ins Deutsche. Sein jüngster Band wird deshalb wohl bei uns nicht lange auf sich warten lassen. Es handelt sich um sein bislang politischstes Werk, obwohl es der dritte Teil einer Serie ist, die ohnehin kaum politischer gedacht werden kann (die ersten beiden Bände sind beim Berliner Avant Verlag erschienen, die Originale bei Futuropolis). Nach gemeinsam mit dem Nahost-Historiker Jean-Pierre Filiu verfassten Szenarien erzählt David B. auf nunmehr zusammen fast dreihundert Seiten die Geschichte der politischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Nahen Osten. Der Titel der Trilogie lautet: „Les meilleurs ennemis“ (Beste Feinde).

Der aktuelle Band schließt diese Geschichte vorerst ab: mit den Jahren von 1984 bis 2013. Wir gelangen also bis an die Gegenwart heran, und das Album schließt mit der Eskalation des Kriegs in Syrien, aus dem die Vereinigten Staaten sich auffällig heraushalten. Das letzte Bild, eine Doppelseite mit lauter Porträts von Menschen aus dem Nahen Osten, Zivilisten und Soldaten, Mullahs und Mütterchen, Terroristen und Kindern, könnte von heute stammen. Der Text dazu lautet: „Obama hat das Ende der langen Geschichte Amerikas im Nahen Osten beschlossen. Es hat nie aus guten Gründen dort eingegriffen, zieht sich aber nun im schlechtesten Moment zurück. Dadurch sind die Bevölkerungen von Pakistan bis Libyen, von der Türkei bis zum Jemen dem Krieg, dem Hunger und dem Exil preisgegeben – und einem Terrorismus, der auch Europa und die Vereinigten Staaten erreicht.“

Filiu hat die Recherchen für den Band durchgeführt, aber David B. ist als Co-Auto ausgewiesen, und die Bilder sind natürlich allein seine Domäne (hier kann man ein paar sehen: http://www.futuropolis.fr/planche.php?id_article=790584). So ist es ein David-B.-Album, wie man es sich wünscht: voller Orientalismen in der Graphik, voller origineller Bildeinfälle, über die kaum ein anderer Zeichner derart souverän verfügt, voller Anschaulichkeit, denn David B. beherrscht die Bildgrammatik des Comics bis ins kleinste Detail und weiß deshalb, was nicht mehr mit Worten erzählt werden muss, weil seine Zeichnungen schon genug sagen. Obwohl „Beste Feinde“ eine Faktenfülle bietet, die der darin dokumentierten 230 Jahre umfassenden Geschichte entspricht, wird man nie erdrückt durch Jahreszahlen oder Namen, weil die Visualisierung von Wissen im Mittelpunkt steht. Dass Frankreich als weitere langjährige Ordnungsmacht im Nahen Osten etwas prominenter zur Geltung kommt, als es aus deutscher Perspektive plausibel ist, muss man nachsehen. Gerade dass die Franzosen nach 1918 Syrien als Protektorat verwalteten, erklärt erst, warum Filiu und David B. vom dortigen Krieg noch viel mehr erschüttert sind als von allen anderen Konflikten der letzten dreißig Jahre.

Und da waren ja mehr als genug: beide Golfkriege, der Krieg gegen den Terror, die auf den Arabischen Frühling folgenden Bürgerkriege, die israelischen Invasionen in Libanon, Westjordanland und Gazastreifen, die Intifadas. So ist der dritte Band mehr als die beiden Vorgänger Kriegsberichterstattung, und die Hoffnungszeichen sind spärlich und vor allem nicht von Dauer. Dass David B. dafür harte Schwarzweiß-Kontraste wählt, ist nur zu verständlich. Mit diesem Stil wurde er berühmt, und seine opulente Farbpalette hat er jenen Projekten vorbehalten, die einen märchenhaften Orient präsentieren: „Les Chercheurs de trésor“ zum Beispiel oder die jüngst entstandene „Tausendundeine Nacht“-Adaption „Hasib et la Reine des serpents“.

Denn David B. ist ein Künstler, ein Erzähler, der nie schwarzweiß denkt, auch wenn er so zeichnet. Von ihm lernt man so viel über Ästhetik, Mentalität und Geschichte des Orients, dass man ihn zumindest allmählich mal irgendwo als Ehrendoktor erwägen sollte. Wenn’s schon nicht für einen der klassischen Literaturpreie reicht.

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