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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Warum Hitler den Ersten Weltkrieg überlebt hat

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Dass es Jacques Tardi noch einmal zeichnend in den Grabenkrieg verschlagen hat, ist keine Überraschung. Es ist das Lebensthema des mittlerweile einundsiebzigjährigen Franzosen, und seine seit 1981 erschienenen Bände zum Thema haben Epoche gemacht. Kein anderer Comiczeichner stellt die elende Realität des Abschlachtens an der Westfront so kompromisslos dar, keiner hat dieselbe psychologische Tiefe traumatisierter Figuren zu bieten, und keiner schafft bei höchster historischer Detailgenauigkeit eine vergleichbare surrealistische Intensität. Das alles ist auch bei Tardis jüngstem Werk zum Ersten Weltkrieg, „Le Dernier assaut“ (Der letzte Ansturm), der Fall, das gerade auf Französisch bei Casterman erschienen ist und schon Anfang Januar in deutscher Übersetzung bei der Edition Moderne herauskommen wird. Hier kann man sich eine Anschauung davon verschaffen: https://flipbook.cantook.net/?d=%2F%2Fwww.edenlivres.fr%2Fflipbook%2Fpublications%2F233159.js&oid=936&c=&m=&l=&r=&f=pdf.

Und doch ist dieses Album anders als die Vorgänger. Denn neben neunzig Seiten Comic-Erzählung enthält es auch eine CD mit Liedern, die Tardis Frau Dominique Grange zusammen mit der Muzette-Band Accordzéâm eingespielt hat. Zwar gab es vor knapp zehn Jahren schon zwei andere gemeinsame Publikationen des Ehepaars, doch im Falle des ebenfalls dem Ersten Weltkrieg gewidmeten „Des Lendemains qui saignent“ illustrierte Tardi lediglich ein umfangreiche Begleitbuch zu Granges CD, und für „N’Effacez pas nos traces!“, einen Liederzyklus über die revolutionären Bestrebungen des Jahres 1968, zeichnete er comicstrip-artige Kurzgeschichten. Jeweils waren also Granges Lieder der Kern des Projekts. Bei „Le Dernier assaut“ dagegen zeigt schon das klassische Comicformat, was hier im Mittelpunkt steht.

Wobei der Band seinen Ausgang in gemeinsamen Auftritten von Tardi, Grange und Accordzéâm hat. Der Zeichner fertigte für ein Konzertprogramm mit eigenen Liedern seiner Frau und diversen Vertonungen zeitgenössischer Texte gegen den Krieg etliche Bilder an, die dazu projiziert wurden. Außerdem saß er selbst mit auf der Bühne und las immer wieder kleine Erzählpassagen, von denen sich einige als Einspielungen nun auch auf der neuen CD finden (die auch der deutschen Ausgabe beiliegen wird). Ob Grange beim Abfassen ihrer Texte oder aber Tardi selbst die Grundideen zum Stoff des neuen Comics entwickelt haben, kann man nur vermuten – wohl eher Tardi. Den im Anhang beigegebenen Fotos des Bandes kann man jedenfalls entnehmen, dass einzelne Bilder des Comics schon Teil des Konzertprogramms der letzten Jahre waren.

Diesmal hat sich Tardi aus dem strengen Seitenarchitekturschema gelöst, das seine letzte Erste-Weltkriegs-Publikation, „Putain de guerre“, geprägt hatte. „Le Dernier assaut“ wechselt laufend Bildformate und -dramaturgie; er will auch nicht wie der Vorgänger eine chronologische Dokumentation des ganzen Kriegs liefern, sondern erzählt vor allem eine Episode aus dem Frühjahr 1917. Der französische Sanitätssoldat Augustin verliert im Einsatz durch deutschen Granatenbeschuss seinen Kameraden Sauvageon und erstickt dann einen von beiden gerade noch transportierten Schwerverletzten, weil er fürchtet, dass dessen Schreie dem Feind verraten würden, dass es noch Leben im Graben gibt. Der Zwiespalt des Überlebens an der Front war immer schon zentraler Aspekt bei Tardis Weltkriegsgeschichten, aber noch nie zuvor ist von ihm eine solche Tat geschildert worden.

Dabei wird sie ganz kühl dargestellt, als völlig konsequent für einen Mann in verzweifelter Lage, der zudem durch die ständige Lebensgefahr als Sanitäter nervlich zerrüttet ist. Fortan wandelt Augustin wie ein Geist über das Schlachtfeld, und wir begleiten ihn bei diesem Marsch und bei seinen Erinnerungen und Reflexionen. Denn Augustin ist zwar der wichtigste Protagonist dieses Comics, doch was Tardi auch hier wieder erzählt, ist der ganze Krieg.

Bis wir überhaupt erstmals das Duo Augustin und Sauvageon mit seiner Trage zwischen den Linien sehen, braucht es vier Seiten, in denen ein einzelner französischer Soldat grausam stirbt. Seinen Namen werden wir nie erfahren, aber wir haben da schon die Erzählstimme im Ohr, die den Großteil des Textes bestreitet: nicht in streng rechteckigen Kästen wie sonst im Comic üblich, sondern in normalen Sprechblasen, die sich nur dadurch von den Dialogen der Figuren unterscheiden, dass sie keine Zuordnung mittels Ventils zu einzelnen Protagonisten haben. Was Tardi hier zeichnet, ist wie eine Lautsprecherstimme, die über dem Geschehen liegt, unbeteiligt, aber unüberhörbar und gerade deshalb in der sachlichen Schilderung besonders grausam.

Augustin ist bei seiner Tat beobachtet worden, und die Erinnerung daran ist das wiederkehrende Leitmotiv der Geschichte. Ob der Beobachter, ein anderer französischer Soldat, an seinen eigenen Verletzungen gestorben oder Augustin auch ihn getötet hat, bleibt offen. Aber dieser Beobachter gibt als (weißhäutiger) Kommandeur einer Einheit von afrikanischen Kolonialsoldaten Anlass für die erste Abschweifung von der Haupthandlung: Tardi erzählt von der Rolle dieser Kombattanten, die fernab ihrer Heimat für ein „Mutterland“ kämpfen, das ihnen den Einsatz und ihre Opfer niemals danken wird.

Später wird er weitere Seitenstränge abzweigen lassen: eine Hommage an die „Bantams“, ein britisches Regiment mit Soldaten, die nicht die notwendige Körpergröße aufwiesen, aber trotzdem an die Front geschickt wurden. Oder die Geschichte eines deutschen Unteroffiziers namens Ernst (da hat Tardi bequemerweise den in Frankreich durch Ernst Jünger bekanntesten Namen eines Weltkriegssoldaten gewählt), der seine Tapferkeit aus nationalistischer Überzeugung zieht, aber dann auch im Kampf stirbt, was Anlass ist, seine imaginäre Biographie zu erzählen, die ihn im Falle des Überlebens in die Freikorps und schließlich in die SA geführt hätte. Das klingt als narrative Idee wenig spektakulär, doch Tardi macht daraus einen brillanten Dreh, als er zu Augustin zurückkehrt, der bei seinem Herumirren zwischen den Leichenmassen an der Front ein Gewehr gefunden hat und plötzlich einen pinkelnden deutschen Soldaten entdeckt, der ihm den Rücken zukehrt. Nach langer Selbstprüfung entscheidet er sich, ihn nicht zu erschießen, doch dann setzt die Erzählstimme ein und bemerkt lapidar, dass es sich bei dem Glücklichen um einen Meldegänger namens Adolf Hitler handelte.

Immer wieder wird das Gemetzel explizit gemacht, und die klassisch-schrecklichen Tardi-Motive der Leichen in den Bäumen, der explodierenden Körper, der weggeschossenen Köpfe erreichen hier eine neue Drastik, ohne obszön zu werden. Einmal verstummt bei einem der alltäglichen Sturmangriffe der Text des Comics – sechs Seiten stiller Albtraum, denn Geräusche hat Tardi ja noch nie zum Gegenstand seiner Weltkriegscomics gemacht. Am Schluss liegt Augustin selbst schwerverletzt im Lazarett, und dort holt ihn seine Tat vom Beginn ein – mit derselben grausamen Konsequenz, die diesen Krieg geprägt hat.

Der Band ist den Tieren gewidmet, die für Frankreich starben – ein irritierender Zynismus beim großen Menschenfreund Tardi, doch Zeichen dafür, wie verzweifelt ihn dieser jüngste Ausflug ins Jahr 1917 gestimmt hat. In den Liedern von Dominique Granges CD – deren Texte alle im Anhang mit abgedruckt sind, darunter auch Brechts „Legende vom toten Soldaten“ und weitere nicht-französische Texte über die Fronterlebnisse aus England und Italien – ist es dann aber wieder allein das Leiden der Soldaten, um das es geht, darunter in einem Chanson, das genauso heißt wie der Comic, auch konkret dessen Geschichte, wobei dabei der Fokus von Augustin auf einen anderen Sanitäter, „Branco“ Broutille, verschoben wird, der in Tardis Erzählung eine wichtige, aber kleine Nebenrolle spielt.

Dass es Jacques Tardi noch einmal gelingen würde, mit einem Comic über den Ersten Weltkrieg derart zu erschüttern, zugleich aber auch derart zu begeistern, hätte ich nicht erwartet. Das Thema lässt ihn wohl auch deshalb nicht los, weil es immer noch neue Wege gibt, vom Unvorstellbaren zu erzählen.

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2 Lesermeinungen

  1. "Das Unvorstellbare "von Limpach............
    Die Wege erschüttern mir tagtäglich.
    Bedauernswert nicht übersetz im niederländischen.
    Deswegen Tardi’s Übersetzung im Deutsch ohne délai tut einfach gut ,und macht Hoffnung ![das unbedingt lesen und wissen,wollen].

  2. Deutsche Übersetzung erscheint im Januar!
    Wichtig für alle, die dieses wahnsinnig gute Werk auf Deutsch lesen möchten: DER LETZTE ANSTURM von Jacques Tardi erscheint am 10. Januar bei der Edition Moderne!

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