Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Erst kommt das Beste, dann kommt die Moral

Spanische Comics, jahrzehntelang kaum beachtet in Deutschland, habe jüngst eine kleine Renaissance erlebt. Prominentester Vertreter einer jüngeren Generation von nun übersetzten Autoren ist Paco Roca, der bereits mit vier Titeln bei Reprodukt vertreten ist und konsequent zwischen historischen und autobiographischen Stoffen wechselt (sie bisweilen auch miteinander vermittelt). Die Neugier der spanischen Comicschaffenden auf Zeitgeschichte ist jedenfalls evident.

Das ist auch bei einem nun bei Carlsen erschienen Titel so, den man angesichts des Titels, des Namens der Verfasserin und auch des oberflächlich betrachteten Inhalts gar nicht in Spanien ansiedeln würde: „Tante Wussi“ von Katrin Bacher. Darin wird die Geschichte der Familie Orsinger aus Freiburg erzählt, mit dem Fokus auf der mittleren von drei Töchtern (neben einem Sohn), ebenjener Wussi, die eigentlich Marianne heißt. Die jüdische Mutter konvertierte, um einen Katholiken heiraten zu können, doch das sollte dem Ehepaar später im „Dritten Reich“ nichts nutzen. Allerdings war die Familie schon im Sommer 1933 aus gesundheitlichen Gründen nach Mallorca ausgewandert, wo der Vater ein Fotostudio eröffnete. Hier kommt endlich Spanien ins Spiel.

Katrin Bacher, die Szenaristin des Comics „Tante Wussi“, ist die reale Großnichte von Marianne, lebt in Barcelona und ließ sich von ihrer Großtante deren Lebensgeschichte erzählen, bevor diese starb. Diese Berichte, angereichert um autobiographische Episoden, in denen Bacher nach dem Vorbild von Art Spiegelmans „Maus“ über die Entstehungsgeschichte des Comics, also die eigenen Begegnungen mit Tante Wussi, erzählt, hat der spanische Zeichner Tyto Alba (1975 geboren; der Name ist ein Pseudonym, das sich aus der zoologischen Bezeichnung der Schleiereule herleitet) dann gezeichnet, und erschienen ist der Band 2015 zunächst in Spanien, ehe der Carlsen Verlag ihn der deutschen Thematik wegen übernahm. Dass dabei auch eine Rolle gespielt haben dürfte, dass solche über drei Generationen ausgreifende Familiengeschichten mit Barbara Yelins „Irmina“ und Birgit Weyhes „Im Himmel „ist Jahrmarkt“ gleich zwei großartige Vorbilder in Deutschland kennen, ist klar.

Tyto Alba ist für seinen aquarellierten Zeichenstil beim italienischen Erfolgsautor Gipi in die Schule gegangen (eine Leseprobe findet sich unter https://www.carlsen.de/hardcover/tante-wussi/78288). Durch Variation der Seitenarchitektur rhythmisiert er das Erzähltempo und bringt in den ruhigen Fluss der Erinnerungen von Tante Wussi Beschleunigungen unter, die aber nur durch die Bilddynamik erzielt werden. Katrin Bacher bleibt in ihrem Text der Erzählstimme treu, und das ist auch Ausdruck des Respekts der jüngeren vor der alten Frau.

Dass es unerquickliche Episoden gibt, ist beim konkreten Handlungszeitraum unvermeidlich. Zumal Teile der Familie, darunter Marianne, angesichts des Bürgerkriegs in Spanien wieder nach Deutschland zurückehren, wo für die Kinder einer Jüdin ständige Gefahr besteht, inhaftiert oder gar deportiert zu werden. Einige Verwandte mütterlicherseits sind denn auch ermordet worden, darunter Mariannes beste Freundin Pitt, die auf dem Titelbild neben der Titelheldin in einem regnerisch-grauen Berlin zu sehen ist: zwei junge Mädchen unter einem Schirm, aus dem ein Lichtkegel auf die scherzenden Kinder fällt – eine Szene, die sich ganz dem Vorbild von Sempé verdankt, was aber ein Sonderfall im Buch bleibt. Gut gewählt als Umschlagzeichnung ist sie dennoch.

Wobei das Risiko besteht, dass die Leichtigkeit dieser Komposition auf die falsche Spur führt. Die übliche Hakenkreuzdarstellung im Hintergrund, die in Comics über das „Dritte Reich“ zum festen Inventar des Dekors gehört, ist hier auf die Rückseite des Buchs verbannt. Und auch die Vorsatzpapiere, auf denen authentische Familienschnappschüsse abgedruckt werden, lässt bestenfalls über eine zeitliche Einordnung Assoziationen zum NS-Regime aufkommen. Diese graphisch periphäre Anbindung des individuellen Schicksals von Wussi an die politischen Zeitläufte ist aber ein geschickter Kunstgriff, weil dann die eigentliche Geschichte umso überraschender daherkommt. Und es passt auch zur undramatischen, wenn auch tieftraurigen Erzählung von Tante Wussi.

Der Band ist aber nicht nur der deutschen Thematik wegen interessant, sondern gerade auch dank der wenigen spanischen Szenen. So wird jeder, der Albert Vigoleis Thelens Mallorca-Exilroman „Insel des zweiten Gesichts“ kennt, vertraute Motive wiederfinden, und wie im Spiegel dieses idyllischen Zufluchtsorts die Weltpolitik in all ihrer damaligen Verzerrung wiederkehrt, das ist ebenso faszinierend wie deprimierend.

115 Seiten lang ist die eigentliche Geschichte, doch auf den letzten beiden Seiten gibt es noch eine Moral. Katrin Bacher zeigt sich selbst bei Recherchen in Berlin, und dabei begegnet sie einer Demonstration gegen Fremdfeindlichkeit. Vor der Menge steht ein martialisch gekleideter Polizist. Nach dem Umblättern der Seite sieht man dann da, was die Demonstranten vor Augen haben: einen Polizistengruppe, hinter der eine andere Demonstration steht, die als „deutsche Patrioten“ gegen die Islamisierung Europas protestiert, mit einem Wort: Pegida und Konsorten. Das ist angesichts der Subtilität der vorange0gangenen Haupterzählung ein zu moralisierender Schluss, zumal die Polizisten, die der Trennung beider Demonstrationszüge dienen, sich nur den Gegendemonstranten zugewendet haben. Die Botschaft ist deutlich: Der Schoß ist fruchtbar noch … Doch das hätten wir auch so verstanden.

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