Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein kleines Leben in der großen Geschichte

Jedes Jahr warte ich mit Spannung auf den Gewinner des „Afkat“, jenes Comicpreises mit dem rätselhaftesten aller Namen (was ich anfangs für eine Abkürzung hielt, entpuppte sich als plattdeutsches Wort für „Rechtsanwalt“, denn die Auszeichnung wird von einer Anwaltssozietät gestiftet). Verliehen wird er in Hamburg als Förderpreis für eine noch nicht publizierte Graphic Novel und das seit 2011 – damit ging der Afkat dem erstmals 2014 verliehenen Berthold-Leibinger-Comicpreis voraus. Allerdings bekommt der Gewinner kein Geld, sondern einen Verlagsvertrag für das prämierte Werk: beim Mairisch-Verlag, der dadurch zu einer schönen Reihe von Comicpublikationen gekommen ist. Allerdings sind sie bislang alle eher kleinformatig; ob das Zufall oder Pragmatismus der Jury ist, weiß ich nicht. Jedenfalls war es auch beim letztjährigen, dem insgesamt fünften Gewinner, Sebastian Jungs“ Albert“, wieder so.

Leider weist die Homepage des Preises seitdem keine neue Ausschreibung aus, also steht es in den Sternen, ob 2017 wieder ein Comic im Mairisch-Verlag mit dem Afkat-Prädikat erscheinen wird. Dasa wäre schade, denn der Preis hat sich dadurch profiliert, das er Grenzgänger zwischen Comic und Bildergeschichten bevorzugte und tatsächlich noch unbekannte Zeichner auswählte: Tilo Richter, Karin Krämer (beide zusammen habe ich an dieser Stelle besprochen: http://blogs.faz.net/comic/2012/05/02/was-um-alles-in-der-welt-ist-afkat-229/), Sohyun Jung (http://blogs.faz.net/comic/2014/03/17/koreanisch-kochen-bildern-482/), Raphaela Buder (http://blogs.faz.net/comic/2015/03/02/verfolgungswahn-und-mutterliebe-656/) und zuletzt eben Sebastian Jung. Auffällig ist, dass die letzten drei Preisträger autobiographisch erzählen – ein Trend im deutschen Comicgeschehen. Wobei Jungs „Albert“ nicht die eigene, sondern die Geschichte des Großvaters der Autors in den Mittelpunkt stellt. Der 1922 im Westerwald geborene Albert Jung wurde im Zweiten Weltkrieg schwerverletzt und kam 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Erst vier Jahre später kehrte er nach Hause zurück,

Im Mittelpunkt stehen aber nicht die großen Weltereignisse, sondern die Rolle eines kleinen Mannes von eher schlichtem Gemüt darin. Deshalb finden sich die bewegendsten Schilderungen in den Abschnitten zu den Jahren nach 1949, als Albert sich wieder ins Leben in der jungen Bundesrepublik hineinkämpfen muss, und dieser Kampf ist zwar unblutig, aber nicht weniger hart zu bestehen wie die Kriegszeit. Als Grubenarbeiter in einem daniedergehenden Bergbaugebiet, das nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung steht (wer die A3 von Köln nach Frankfurt fährt, kann nach einem Drittel der Strecke noch einen Förderturm als Industriedenkmal im Westerwald bewundern), ruinierte er sich die Gesundheit, und weil die Bundeswehr eingeführt worden war, stand in der Familie ein Konflikt darüber an, ob die Söhne von Albert den Wehrdienst ableisten sollten. Das Erbe des Kriegs wurde er nie wieder los, nicht physisch und nicht psychisch. Albert Jung starb nach mehreren Schlaganfällen, die ihm schon vorher das Sprechen unmöglich gemacht hatten, im Jahr 2006.

Da war sein Enkel Sebastian zwanzig Jahre alt, aber durch die Schlaganfälle des Großvaters hatte er mit ihm nicht über die Vergangenheit reden können. Anders als beim letzte Woche an dieser Stelle vorgestellten Band „Tante Wussi“ hat es also für „Albert“ unmittelbares Gespräch zwischen dem Zeitzeugen und dem Buchautor gegeben. Sebastian Jung ließ sich von seinem Vater die Geschichte von Albert erzählen, und diese vermittelte Sicht wird auch wieder zum Thema in „Albert“. In der ersten Zeichnung des Buches wird Albert als „Hauptperson“, der Vater Eberhard als „Erzähler“ und der Enkel Sebastian als „Illustrator“ bezeichnet. Auf dem Titelbild aber steht nur Sebastian Jung als Autor.  „Was ich hörte und dann gestaltet hab“, schreibt er im Buch, „ist meine Wahrnehmung und ein Versuch, mit den Augen meines Großvaters zu sehen,“

„Illustrator“ ist also in der Tat zu wenig, aber es passt insofern wieder gut, als Sebastian Jung gar keinen Comic gezeichnet hat, sondern ein Bilderbuch ( siehe auf https://www.mairisch.de/programm/sebastian-jung-albert/). Für Comics charakteristische Bildsequenzen gibt es gar keine, auch keine Sprechblasen oder Textkästen. Die Erzählung ist auf liniertem Papier per Hand niedergeschrieben, und dazu gibt es sowohl dokumentarische Tuschezeichnungen (die etwas an Reinhard Kleist und Emanuel Guibert erinnern, aber wie sollte das bei dem Thema auch nicht der Fall sein?) und bisweilen werden Fotos und Dokumente als Bebilderung verwendet. Es ist eine eindrucksvolle Abfolge, aber hierfür einen Comicpreis zu verleihen strapaziert das Genreverständnis schon sehr.

Die beste Bildidee hat Sebastian Jung gleich auf dem Umschlag verwendet: Albert zerfällt in Puzzlestücke. Oder setzt sich aus ihnen zusammen – ganz wie man will. Auf braunem Pappkarton gedruckt, kommt das Buch wie eine alte Kladde daher, als Notizbuch wie aus Wehrmachtszeiten. Auch das ist meisterhaft gestaltet. Als Buchobjekt ist „Albert“ also ein Kleinod, als Graphic Novel wird er Leser enttäuschen, die an einem konventionellen Comic-Verständnis dieser Form hängen und nicht anerkennen wollen, dass hier geradezu mustergültig der im Begriff enthaltene Anspruch eines „gezeichneten Romans“ erfüllt wird.. Auch deshalb wäre es schade, wenn dieses Buch das letzte Wort des Afkat bliebe. Ein gewichtiges zweifellos, aber gerade kein Advokat für die spezifische Erzählform des Comics.

 

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