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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Neu adaptiert, auf alt getrimmt

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Am vorigen Freitag wurde in Berlin ein Comic vorgestellt, von dem man auf den ersten Blick nicht annehmen sollte, dass er neuen Datums wäre. Denn Thilo Krapp, geboren 1975 und seit etlichen Jahren in der Hauptstadt tätig, hat seiner Adaption des berühmtesten Science-Fiction-Romans der Weltliteratur, H.G. Wells‘ „Krieg der Welten“, im Original 1898 erschienen, ein Aussehen verpasst, als käme der Umschlag direkt aus dem Jugendstil. Erst die Figur des sich vor den berüchtigten Dreibeinen versteckenden Erzählers (der bei Wells keinen Namen trägt, bei Krapp aber Robert heißt) erweist den ersten Eindruck als falsch: Dieser Teil der Einbandgestaltung ist vielmehr wie aus Will Eisners Atelier importiert. Wie der amerikanische Altmeister versteht Krapp es, historische Dekors in höchst variabel eingesetzte Seitenarchitekturen zu setzen. Und die Figuren sind semirealistisch gehalten: mal auf wenige Punkte und Striche für die Gesichter reduziert, dann wieder sehr elaboriert gezeichnet. „Opulent“ ist wohl das Wort, das hier am besten passt. Einen Eindruck davon bekommt man auf dem Blog des zeichners: http://thilo-krapp.blogspot.de/2016/05/der-krieg-der-welten-graphic-novel-in.html.

Was begeistert einen Comiczeichner wie Krapp an einem Stoff, der zu den meistbearbeiteten und am häufigsten in andere Erzählformen transponierten überhaupt gehören dürfte? Er selbst geriet als Elfjähriger in den Bann von Orson Welles‘ berühmtem Hörspiel von „Der Krieg der Welten“. Das war 1986, fast fünfzig Jahre nach der Erstausstrahlung in den Vereinigten Staaten, die damals eine Massenpanik ausgelöst haben soll, weil die Zuhörer den Angriff vom Mars für echt hielten. Dass diese Adaption so viel später und in eine andere Sprache übersetzt immer noch derart beeindruckend wirken konnte, spricht für Welles, ohne den Wells wohl nicht mehr so berühmt wäre.

Gleichzeitig ist es mutig von Krapp, eine eigene prägende ästhetische Erfahrung zum Anlass für eine Neubearbeitung des Stoffs zu machen. Dass hier alles etwas konventioneller zugeht als bei Wells (und bei Welles) liegt an der größeren Anschaulichkeit des Comics: Wir sehen, was passiert, wir müssen es uns nicht vorstellen. Deshalb haben nur Großmeister des Horrors wie etwa Alan Moore es bislang vermocht, Comics zu verfassen, die ähnliche Beklemmung auslösen wie die Meisterwerke der entsprechenden Belletristik. Unheimlich ist Krapps Version des „Kriegs der Welten“ in der Tat nicht. Aber spannend.

Das liegt daran, dass Krapp das Prinzip der Seitendramaturgie beherrscht und uns jeweils am Ende einer Doppelseite zu einem Spannungsmoment bringt, der uns durch das Buch fliegen lässt. Die 144 Seiten (wieder mal ein Comic ohne Seitenzahlen – Schande über den Egmont-Verlag!) lesen sich in einem Rutsch, und der Textanteil ist gering, weil sich Krapp auf die Kraft der Bilder verlässt. Eine Karte auf den Vorsatzpapieren lässt den Nachvollzug der atemlos geschilderten Flucht vor den Invasoren durch Südengland zu, aber mit der akribischen Wiedergabe von bekannten dortigen Sehenswürdigkeiten oder auch spezifisch englischen Versatzstücken des Dekors hält Krapp sich nicht groß auf. Von Eisner hat er auch gelernt, wie man mit gelegentlichen Akzenten Stimmungen und Glaubwürdigkeit erzeugt. Dass aber in diese wenigen aufwendigeren Bilder sorgfältige eigene Recherche geflossen ist, wird im Bonusmaterial zur Geschichte deutlich, das einige Skizzen von Krapp zu englischen Interieurs enthält.

Robert ist als wichtigster Protagonist nur durch seinen Familienstand (jung verheiratet) näher charakterisiert, ansonsten ist er der idealtypische Comic-Held à la Tintin: aufgeweckt, neugierig, unbeschrieben. Bisweilen löst sich der Erzählfokus und geht auf Roberts jüngeren Bruder über, und dann knirscht es im Gebälk der Story-Konstruktion, aber da hat auch der Roman von Wells seine Schwächen. Meisterhaft ist dagegen, dass hier nicht Gewalt zum Selbstzweck der Darstellung wird, sondern die Verwüstung durch die Kampfmaschinen vom Mars eher in Andeutungen gezeigt wird. Und wenn dann die Tentakel der außerirdischen Lebensform zum Einsatz kommen, nutzt Krapp geschickt unsere Urängste vor schlangenartigen Wesen.

Der Band ist schwarzweiß mit reichen Grau-Lavierungen, gedruckt auf bräunlichem Papier, wie ein vergilbter historischer Roman. Erstaunlicherweise wählt Krapp eine Schreibmaschinentypographie statt handgeletterten Buchstaben, aber das ist auch der einzige Schönheitsfehler im gestalterischen Konzept. Die gezeichneten Lautmalereien verraten dann wieder die amerikanische Tradition. Es gibt weiß Gott schlechtere Vorbilder, deren man sich bedienen könnte.

Überraschen kann die Geschichte nicht; zu viel wissen wir vom „Krieg der Welten“. Aber Krapp versetzt das Geschehen anders als Welles oder auch Spielberg in der jüngsten Verfilmung wieder in die Ursprungszeit des Buchs, also ans Ende des neunzehnten Jahrhunderts, und dadurch bekommt das Ganze einen nostalgischen Charme, der mit dem zeitlosen Schrecken aufs Schönste kontrastiert. So muss man nicht mit historischen Stoffen umgehen, aber das man es mit gutem Gewissen kann, das zeigt Thilo Krapp.

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1 Lesermeinung

  1. Paysage après la bataille von Lambé und Pierpont
    zwei formidable belgische Künstlern .
    Gerade preisgekrönt.
    Ein etwas andere Krieg als Die Krieg der Welten…

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