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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

In der Beschränkung liegt der Kunstgriff

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In Zeiten, die jeden einigermaßen ambitionierten literarischen namhaften Verlag dazu zu verleiten scheinen, sich auch einmal an Comics zu versuchen – Rowohlt war vor Jahrzehnten Vorreiter mit Art Spiegelman und Ralf König, S. Fischer ist auch schon mehr als zehn Jahren auf dem Feld aktiv, Suhrkamp nun seit einem Jahrfünft, und Hanser kommt gerade erst auf die Idee (bei Hanser Berlin mit „Freedom Hospital“, über den ich letzte Woche schrieb) –, werden auch weniger prominente Häuser aktiv. Wobei die immer noch größer sein dürften als die meisten deutschen Comicverlage, abgesehen von den Giganten Carlsen, Egmont und Panini. Aber gerade deshalb ist es bemerkenswert, wenn offenbar das Experiment in solch einem Unternehmen auch über einen Einzelversuch hinaus fortgesetzt wird. Wenn also zum Beispiel der Rostocker Hinstorff Verlag schon das zweite Comicprojekt in seiner Geschichte startet, dann beweist das, dass es tatsächlich auch für klassische Verlage attraktiv sein kann, auf Comics zu setzen.

Nun ist Hinstorff ungeachtet seiner großen literarischen Geschichte (auch zu DDR-Zeiten, als dort an der Peripherie ungeliebte Autoren abseits der Berliner Wahrnehmung überwintern konnten) mittlerweile vor allem auf dem speziellen Gebiet der Regionalliteratur und Schifffahrtsbücher erfolgreich. Deshalb passte das erste Comicvorhaben des Hauses, Kristina Gehrmanns dreibändige Erzählung „Im Eisland“ über die berühmte Franklin-Expedition im neunzehnten Jahrhundert, genau ins Bild. Dass der erste Band der Trilogie dann 2016 auch noch den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann, konnte niemand ahnen. Die Auszeichnung belohnte jedenfalls ein gewisses Wagnis. Und eine ungewöhnliche Zeichnerin, die Mangaelemente in eine im Abendland angesiedelte Geschichte einfließen ließ.

Der zweite Hinstorff-Comic hält sich weiter ans Maritime: Till Lenecke, ein gebürtiger Hamburger von Mitte vierzig, der bislang noch nicht mit Comics auf sich aufmerksam gemacht hatte, hat einen Störtebeker-Comic gezeichnet. Man ist versucht zu beklagen, dass das doch thematisch und verlagstechnisch arg wenig originell sei, aber der erste Eindruck spricht bereits gegen eine bloße Fortsetzung eines einmal erfolgreichen Rezepts. Von Manga ist nämlich in Leneckes „Auf Kaperfahrt mit Störtebeker“ keine Spur, auch wenn das kleine Format dafür sprechen könnte. Hier hat jemand einen eher statisch wirkenden Stil entwickelt, dessen Personendarstellungen sich an Playmobilfiguren zu orientieren scheinen – man sehe sich nur Störtebekers wie angesteckten Vollbart an und die wenig variable Mimik aller Protagonisten. Doch was hier polemisch klingen mag, ist von mir nicht so gemeint. Im Gegenteil: Je mehr man sich auf Leneckes Erzähl- und Darstellungsweise einlässt, desto mehr Reiz entwickelt gerade der Bruch mit den Erwartungen von Opulenz und lebendigem Ausdruck. Zu sehen ist das hier: https://www.hinstorff.de/modules/pdfreader/uploads/b1d3833b2d4fa412d4cdf3055c1fcae4.pdf.

Was der „Kaperfahrt“-Comic leistet, ist eine Visualisierung einer denkbar dunklen Epoche, als auf Ost- und Nordsee Freibeuter im Dienst der miteinander konkurrierenden Handelsmächte (Hansestädte, Dänemark, Schweden) brutale Überfälle ausübten und dennoch keine Reichtümer erwirtschafteten. Das Elend in den Heimathäfen und Verstecken macht Leneckes bewusst triste Darstellung geradezu spürbar, und die Skrupellosigkeit aller Beteiligten lässt sich leichter illustrieren, wenn die physiognomischen Unterschiede bei den Figuren gering sind und ohnehin alle gleichermaßen malträtiert und verdorben aussehen. Eine Identifikationsfigur gibt es dennoch: den ehemaligen Schiffsjungen Jakob, der 1385 mit dreizehn Jahren nach dem Entern des Schiffs, auf dem er fährt, in Störtebekers Mannschaft gepresst wird und dort Karriere macht, bis hin zum Steuermann. Die Rivalitäten an Bord werden ähnlich schonungslos geschildert wie die Kaperfahrten. Schwarzweiß ist nicht nur dieser Comic, sondern auch das Denken seiner Protagonisten. Moralisch handelt eh niemand.

Trotzdem folgt man Jakobs Schicksal mit Faszination, darunter zu den bekannten historischen Stationen wie dem Durchbrechen der dänischen Seeblockade Stockholms oder der Gefangennahme und schließlichen Hinrichtung Störtebekers durch die Hamburger, mit denen er lange verbündet war. Die Erzählstrecke umfasst fast fünfzig Jahre, weil Jakob als einer der wenigen Davongekommenen im Alter noch einmal an die Stätte des Todes seines Kapitäns zurückkehrt. Zahlreiche Anmerkungen im Anhang  erläutern einzelne Panels und ergänzen die Handlung um historische und nautische Informationen. Und da Lennecke weiß, was er mit seinem Stil riskiert, hat er auch eine kleine Galerie der wichtigsten Akteure angefertigt, so dass man sich im Zweifelsfall noch einmal informieren kann, wen man da handeln sieht. Hundert Seiten ist der Comic stark, er liest sich flott, und am Schluss hätte man sich noch mehr gewünscht. Nicht schlecht für die erste größere Publikation von Lenecke. Und für die Fortsetzung der Hinstorff-Ambitionen.

 

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1 Lesermeinung

  1. Titel eingeben
    Es heißt „Im Eisland“ — nicht „Im Eismeer“ ;) Danke!

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