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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kein Weg führt hier Europäer und Afrikaner zusammen

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Der Weg ist lang, nicht nur für manche Protagonisten des Comics „Schläfer im Sand“, sondern auch für das Buch selbst. Ein Dutzend Jahre dauerte es, bis der Zeichner Andreas Hedrich und der Ethnologe Sebastian Pampuch diese Geschichte aus einer Idee gemacht haben, die Pampuch bereits 2004 gekommen war, als er bei einem Studienaufenthalt in Granada die dort schon damals sichtbaren Folgen der Flucht von Afrikanern über das Mittelmeer beobachtete. Heute ist das Wissen um die schlimmen Bedingungen der Überfahrten und der Arbeitsbedingungen für illegal nach Spanien gelangte Menschen Allgemeingut, aber damals kümmerte sich in Deutschland noch kaum jemand darum. Wenn man von problematischer Einwanderung sprach, dann erinnerte man sich bei uns an die erst kurz zurückliegenden Flüchtlingsströme während der Balkan-Kriege. Die afrikanischen oder arabischen Migrationsbewegungen hatten 2004 noch keine Ausmaße, die hier Beachtung gefunden hätten.

Mag sein, dass die seit einigen Jahren brennende Aktualität des Themas mit daran beteiligt war, dass Pampuch und Hedrich den Comic doch noch fertiggestellt haben. Jedenfalls erschien er im Frühjahr 2016 in einem Verlag, dessen Namen nicht unbedingt auf Programmschwerpunkte mit ernsten Inhalten schließen lässt: Mückenschwein, angesiedelt in Stralsund unter dem Motto „Der beste Verlag der Welt“. Doch was da an künstlerisch illustrierten Büchern erscheint, ist durchaus beachtlich, und dieses Profil, verbunden mit der Tatsache, dass Hedrich in Rostock lebt, also in relativer Nähe, mag eine Rolle gespielt dafür haben, dass „Schläfer im Sand“ dort erschienen ist.

Wie auch immer, für Comics ist Mückenschwein keine einschlägige Adresse, deshalb musste das Buch erst zu mir gelangen; selbständig hätte ich es nicht entdeckt. Das dauerte noch einmal fast ein Jahr, aber man kann ja nicht behaupten, dass sich die Aktualität des Themas wesentlich vermindert hätte. Im Gegenteil wurde der Januar 2017 erst kürzlich als bislang tödlichster Monat der Flüchtlingsbewegungen über das Mittelmeer bezeichnet. Und auch in „Schläfer im Sand“ liegt zu Begin die angeschwemmte Leiche eines Afrikaners an einem andalusischen Strand.

Damit ist eine der Bedeutungen des Titels klar: der Tote am Strand. Die zweite liegt in der Interpretation eines Schläfers als jemand, der irgendwann erwachen wird – in dem Sinne etwa, wie man von terroristischen Schläfern spricht. Diese sind nicht gemeint, aber all die potentiell aufbruchwilligen Menschen, die in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara, die es dann zu durchqueren gilt (daher der Sand), im Elend leben, oder jedenfalls in einer Welt, die sie gerne für die Verheißung des reichen Europas verlassen würden.

Dementsprechend ist auch der Comic zweigeteilt: Das erste Drittel spielt in Spanien, der größere zweite Teil in Dakar, der Hauptstadt des Senegal. Einiges spricht dafür, dass wir es dabei auch mit zwei Schichten der Verfertigung dieses Comics zu tun haben, denn im ersten Teil wird gerne die übliche Seitenarchitektur aufgebrochen: durch runde Panels, durch Vignetten in den Ecken à la Druillet, durch frei ineinander verschwimmende Sequenzen. Das gibt es im strenger gehaltenen zweiten Teil fast gar nicht, nur in einer eine Unterwasserszene sind die Panellinien aufgelöst. Wobei auf die Senegal-Episode immer neue Bilderarrangements vornimmt, nur nie auf solch auffällige Art wie im andalusischen Drittel. Einen kleinen Eindruck gibt die Verlagsseite: http://www.mueckenschwein.de/buch/schlafer-im-sand_122.

Einen personellen Zusammenhang gibt es zwischen beiden Teilen nicht. Protagonisten im ersten sind ein junger deutscher Aussteiger und ein mexikanischer Auswanderer, die sich als Reinigungskräfte am spanischen Strand verdingen und frühmorgens dafür sorgen, dass die Touristen später keine verdreckten Sand vorfinden. Die Leiche des jungen Afrikaners wird gleich mit beseitigt – so etwas pflegt der abgebrühte Mexikaner auch der Müllverbrennung zu überlassen. Auf der Fahrt zum und vor Strand tauschen die beiden Männer ihre Ansichten aus, doch obwohl der Mexikaner sei Land aus denselben Gründen verlassen hat wie die afrikanischen Flüchtlinge, bleibt er unbewegt. Der Deutsche dagegen, der sich cool gibt, erweist sich eher als Hasenfuß, aber als er von seinem Partner Peyotl zu kosten bekommt, schnappt er sich im Drogenrausch den toten Mann und schifft sich auf einem Boot gen Afrika an, um die Leiche zu deren Ahnen zurückzubringen.

Möglichkeiten der Anknüpfung hätte es also einige gegeben, doch die Episode im Senegal setzt neu ein und führt beide Erzählstränge auch nie zusammen. Hier liegt der Fokus auf dem jungen Fischhändler Thenga, der von einem Leben träumt, in dem er nicht länger Handlanger seines Chefs ist und seine Geliebte heiraten kann. Dafür spart er, aber die Kleckerbeträge, die er sich mit allerlei Jobs dazuverdient, reichen nicht fürs Schleppergeld nach Europa. Am Schluss bricht er mit der Heimat und macht sich dennoch auf den Weg, doch die letzte Seite beschert ihm eine Begegnung, die in ein offenes Ende mündet. Das zumindest haben beide Geschichten gemeinsam.

.Die erste ist recht konventionell erzählt, gewinnt aber durch die Figur der desillusionierten Mexikaners Profil (dass mexikanische Flüchtlinge in diesem Jahr wieder topaktuell sein würden, konnten Hedrich und Pampuch nun wirklich nicht ahnen). Doch weitaus interessanter ist die Geschichte aus Dakar, die vor allem von viel eingeflossener Recherche zeugt, vor allem sprachlich, denn Pampuch lässt in seine Dialoge immer wieder ortsübliche Brocken einfließen, die beim ersten Mal übersetzt und dann ganz selbstverständlich weiter gebraucht werden. Hedrichs Zeichnungen lösen nicht ganz das ein, was der graphisch reizvolle Umschlag verspricht, doch durch geschickt gesetzte Zusatzfarbeneffekte werden einzelne Sequenzen aus dem Gesamtgefüge separiert, das dadurch wie eine Kurzgeschichtensammlung mit gleichbleibender Hauptfiguren wirkt. Das ist geschickt gemacht, und dass de im Original mehrfarbig aquarellierten Bilder hier druckbedingt verwischen und nur mit jeweils einer Zusatzfarbe geschmückt werden, ist zu verschmerzen. Denn immerhin sind einzelne Partien schwarz auf weiß gedruckt, andere dann aubergine oder blau auf weiß. So wirkt der Band bunter, als er gedruckt werden konnte, und zugleich bekommt er eine Anmutung, die ihn aus der Masse an Comics heraushebt.

Mathias Schultheiß ist das Vorbild für die Figurengestaltung, wie generell für den düster-realistischen Ton der Erzählung und die ihr doch auch innewohnende Romantik durch Liebesgeschichte und exotisches Setting.. Solche im besten Sinne traditionellen Comics werden nur noch selten verlegt. Wenn sie dann auch noch etwas über die Welt zu erzählen haben, das unseren Horizont nicht nur rein geographisch erweitert, dann ist das umso besser.

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