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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Hinschauen als doppelte Notwendigkeit

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Wenn zwei der besten deutschen Comiczeichner zusammenarbeiten, darf man das ungewöhnlich nennen. Hierzulande verdient man im Regelfall so wenig Geld mit Comics, dass die Autoren, wenn sie schon nicht davon leben können, wenigstens ihre eigenen Geschichten erzählen wollen. Daher die seltenen Kooperationen. Aber Isabel Kreitz und Stefan Dinter haben gemeinsam einen umfangreichen Webcomic geschrieben und gezeichnet: für das Hilfsprojekt „Frauen gegen Gewalt“, das unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 08000-116016 Beratung für Frauen bietet, die zu Hause physisch oder psychisch bedroht, geschlagen oder missbraucht werden. Nach Schätzungen hat ein Drittel der in Deutschland lebenden Frauen Gewalt bereits erdulden müssen. Damit es nicht noch mehr werden und den Opfern geholfen werden kann, bietet das Hilfsprojekt anonyme und vertrauliche Beratung an, auch über Mail- oder Chatkommunikation. Und das in siebzehn Sprachen.

Wozu braucht man dazu einen Comic? Prinzipiell gar nicht. Doch je mehr sich die Existenz von Hilfsangeboten und Zufluchtsmöglichkeiten herumspricht, desto besser. Und wenn nun einige Fans von Isabel Kreitz, die mit ihren Comic-Adaptionen von Erich-Kästner-Büchern Bestseller gelandet hat, im Ausland erfolgreich ist und beim Salon in Erlangen die höchste Auszeichnung für deutschsprachige Comicschaffende gewonnen hat, oder von Stefan Dinter, der zu den aktivsten und einflussreichsten Köpfen der deutschen Zeichnerszene gehört und einen exzellenten Ruf als Illustrator genießt, zur Lektüre der gemeinsam erarbeiteten Geschichte „Hinter Türen“ verlockt und damit auf die Seite http://www.hinter-tueren.de/ gelockt werden, auf der sich natürlich auch Informationen zu „Gewalt gegen Frauen“ finden, dann umso besser. Denn wie die beiden Künstler aus diesem Anlass sagen: Beim Comic kommt es auf dasselbe an wie bei häuslicher Gewalt – hingucken.

Das ist das Thema dieses Comics, der dezidiert darauf verzichtet, Gewaltszenen zu zeigen. Kreitz und Dinter erzählen auf mehr als vierzig Seiten in vier Kapiteln von der jungen Journalistin Anna Wegener, die in der fiktiven deutschen Kleinstadt Grevenack bei der lokalen Tageszeitung als Redakteurin anfängt und dort nicht nur mit einem patriarchalischen Chefredakteur konfrontiert wird, der sich gegenüber seine weibliche Kolleginnen so ziemlich alles herausnimmt, sondern auch mit einem Leserbrief, der das Blatt schon vor Monaten erreicht hatte, aber von ihrem Vorgänger nicht mehr beantwortet worden war. Darin schilderte eine ältere Frau, dass sie von ihrem Ehemann immer wieder geschlagen werde. Als Anna Wegener der Sache nachgeht, stellt sich heraus, dass die Frau vor wenigen Wochen zu Hause gestorben ist, worauf ihr Mann ins Pflegeheim kam. Über die Umstände des Todes gehen unter den Nachbarn Gerüchte um, aber offen sprechen will niemand über die Sache.

Anna Wegener wittert eine Geschichte, doch damit kommt sie in der Redaktion nicht gut an. Wohin diese desillusionierende Erfahrung führt, sei hier nicht gesagt, denn der Comic von Kreitz und Dinter arbeitet nicht nur hinsichtlich expliziter Gewalt mit Auslassungen, und ein Sopnanungselement kann man „Hinter Türen“ nicht absprechen.. Es handelt sich zudem, obwohl die Seitenarchitektur denkbar schlicht ist (jeweils drei Reihen à zwei Bilder), um einen raffiniert erzählten Comic. Angesichts der bewusst klischeehaft konzipierten Charakterzüge der Figuren sollte man das nicht denken, doch wenn im dritten Kapitel von „Hinter Türen“ die tote Frau in einer Traumsequenz auftritt (mit deutlich sichtbaren Gewaltspuren im Gesicht) und für das, was sie darin der träumenden Ana Wegener über ihre Ehe erzählt, Isabel Kreitz den Zeichenstift übernimmt, während der Rest des Comics von Stefan Dinter gestaltet wurde, dann ist das durchdacht bis ins letzte Detail. Und gleichzeitig dank der im Grundzug simplen Geschichte für ein denkbar großes Publikum verständlich – egal, wie gebildet oder comicaffin es sein mag.

Wie bei Dinter nicht anders zu erwarten, sind die Figuren in einem realistischen Stil gehalten, der sich amerikanischen Vorbildern wie Daniel Clowes oder den Hernandez-Brüdern verdankt, die damit auch schon Geschichten über sozial prekäre Figuren erzählt haben. Wenn Kreitz dann für die Rückblenden auf die Ehe der Gestorbenen übernimmt, wählt sie einen für sie typischen Strich, der noch einen Hauch von Skizze spüren lässt – womit der ohnehin doppelt unsichere Status dieser Sequenzen als imaginäre Szenen in einem Traum gerade gegenüber den klaren Linien von Dinter perfekt illustriert wird.

Neben den vier Kapiteln, die als einzigen Nachteil das ständige Neuanwählen für die nächste Seite haben, gibt es noch ein „Making of“, in dem Kreitz und Dinter ihre Motivation erläutern. Und es gibt einen technischen Effekt, der mich erst irritiert und dann erfreut hat: Die Sprechblasen sind beim Aufrufen der jeweiligen Einzelseiten nicht sofort in den Bildern sichtbar, sondern erscheinen erst dann, wenn man etwas herunterscrollt. So hat man erst einmal ein stummes Bild und kann sowohl die Graphik genießen als auch selbst überlegen, was sich jetzt wohl gleich verbal tun wird. Ein schönes Erlebnis. Und das bei einem denkbar hässlichen Thema.

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