Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Märchenhaft irritieren

Erster Eindruck: Mumins. Kein schlechter erster Eindruck, auch wenn Oyvind Torseter Norweger ist und Tove Jansson Finnin war (die Schwedisch schrieb, aber international verständlich zeichnete). Der 1972 geborene Torseter hat seinen namenlosen Prinz mit einem riesennasigen weißen Kopf ausgestattet, der ihn allemal zum Snork, Hemul oder eben Mumin qualifizieren würde. Und poetisch ist das Buch auch noch. Herausgebracht hat es auf Deutsch ein Bilderbuchverlag: Gerstenberg, aber das Werk ist eindeutig ein Comic (mehr als das Titelblatt kann man leider im Netz nicht sehen: https://www.gerstenberg-verlag.de/fileadmin/media/cover_lightbox/9783836959001.jpg). Sein Held ist ein Prinz, „Der siebente Bruder“ heißt es, und dieser siebente Bruder ist der Prinz.

Das erste Bild führt gleich mitten in die Geschichte: Der Titelheld reitet auf seinem treuen Schlachtross – eine wahre Schindmähre à la Rosinante – ins Abenteuer. Wer verstehen will, in welches, der muss aber erst einmal den einseitigen Text lesen, der noch vor dem ersten Bild steht. Er hebt mit „Es war einmal ein König an“ und erzählt dann den Auftakt der Geschichte, die natürlich – angesichts dieses Satzes zum Beginn – nichts anderes als ein Märchen ist. Ein böser Troll hat sechs Prinzenbrüder samt deren künftigen Angetrauten in Stein verwandelt, und der letzte noch unverhexte Bruder zieht gegen den Widerstand des verzweifelten Vaters los, um zu retten, was zu retten ist.

Danach kommt die eigentliche Bildergeschichte, rund hundert Seiten stark. Und extrem vielgestaltig. Denn was beginnt wie eine Mumin-Hommage, wandelt sich je nach auftretenden Figuren zu Horror- oder Kinderbuchästhetik. Torseter fügt die unterschiedlichsten Formen zusammen, demonstriert seine eklektische Arbeitsweise auch noch, indem er die Spuren des Collagierens stehenlässt, mal skizzenartig zeichnet, dann wieder höchst elaboriert, und dazu benutzt er auf den Einzelseiten eine extremeingeschränkte Farbpalette, die aber im Gesamtkontext des Buches einen ganzen Regenbogen ergibt.

Es gibt Seiten, die aus einem einzigen Bild bestehen oder sogar nur einen hingeschriebenen Aufschrei enthalten: „Wer hat Blumen um meine Türschwelle verstreut?“ Das ist der Aufschrei des Trolls, der in seinem Domizil hoch auf einem Berg eine noch unversteinerte Prinzessin gefangen hält, die für den heimlich eingetroffenen Prinzen in Erfahrung bringen will, wo der böse Hausherr sein Herz versteckt hat – das bewahrt er nämlich außerhalb des Körpers auf. Hier mischen sich die unterschiedlichsten Märcheneinflüsse: „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ diente als Inspiration, auch „Das kalte Herz“ und manches mehr, aber den klassischen Erzählton gibt es nur auf der bereits angesprochenen einleitenden Textseite, ansonsten ist alles Dialog, wie im Comic üblich.

Außer den drei wichtigsten Protagonisten – Prinz, Prinzessin, Troll – gibt es hinreißende Nebenfiguren, am schönsten ist ein Krake, der im Tiefgeschoss der Troll-Burg das Herz bewacht, sich aber mit einem Saxophon bestechen lässt und sofort über die Musik seine Pflicht vergisst. Torseter hat viele solcher aberwitzigen Einfälle, die Dinge zusammenführen, die weder in die Zeit noch zur Handlung zu passen scheinen. Doch gerade das macht den Charme seiner Geschichte aus: Er erzählt sie wie ein Kind, sprunghaft, simpel, aber mit derart vielen Assoziationen ohne Rücksicht auf Plausibilität, wie es eben kleine Kinder tun. Und was gäbe es Phantasiereicheres? Es ist einfach zauberhaft.

Wunderschön aufgemacht und gedruckt ist das Buch auch noch. Und Maike Döries hat als Übersetzerin eine Sprache gefunden, die der subtilen Naivität der Bilder gerecht wird. Weil beides natürlich nie naiv ist. Vielmehr gibt es viel zu entdecken, zu entschlüsseln und vor allem vorzuführen. Es dürfte eine Freude sein, „Der siebente Bruder“ vorzulesen.

Wobei der Troll schon eine furchterregende Gestalt ist. Doch es geht alles selbstverständlich gut aus, und das die sechs Brüder, die man am Ende endlich kennenlernt, überhaupt keine Familienähnlichkeit mit ihrem Retter haben, ist nur die letzte Konsequenz eines gegen alle Erwartungen anzeichnenden und anerzählenden Autors, dem ein kleines Meisterwerk geglückt ist. Das uns beglückt.

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