Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das Leben ist nicht nur Gelb und Grau

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Im vergangenen Jahr erschien bei Reprodukt der Comic „Mikel“ von Judith Vanistendael und Mark Bellido: die Geschichte über einen Leibwächter im Baskenland, die vor etwa zehn Jahren spielt, als es noch nötig war, Lokalpolitiker vor etwaigen Attentaten der baskische Terrororganisation ETA zu schützen. Bellido hatte diesen Job selbst einmal ausgeübt, und so schrieb er für Vanistendael eine Geschichte, die meisterhaft Langeweile und Anspannung bei der Ausübung des Berufs deutlich machte, zumal die belgische Zeichnerin dazu Bilder schuf, die immer neu die Stimmungen des Erzählten forcierte. „Mikel“ gehört zu den großen Werken der jüngeren Comicliteratur, und er nahm dazu auch noch ein für deutsche Leser alles andere als vertrautes Thema auf (wer mehr über den Comic wissen will, lese meinen damaligen Blog-Eintrag nach: http://blogs.faz.net/comic/2016/10/25/vier-doppelseiten-fuer-eine-explosion-938/).

Umso überraschender ist nun, kein Jahr später und in der Edition Moderne, einem ebenso engagierten wichtigen Kleinverlag wie Reprodukt, schon der nächste ETA-Comic erschienen, wobei in „Mikel“ ja kein direkter Einblick in Handlungen oder Psyche der Terroristen gewährt wurde; man sah nur die Resultate ihres Tuns. Das ist in Javier de Isusis Comic „Ich habe Wale gesehen“ anders. Der 1972 in Bilbao, also im Baskenland, geborene Zeichner ist dort während der Hochphase des ETA-Terrors in den achtziger Jahren aufgewachsen, und man kann nicht im Baskenland leben, ohne auch Kontakt zu den dortigen Separatisten zu haben, die den Ergebnissen von etlichen Abstimmungen nach die Mehrheit stellen. Eine Chronik am Ende von Isusis Comic trägt auf sieben Seiten akribisch die Geschichte des Konflikts bis 2014 zusammen – kurz bevor „Ich habe Wale gesehen“ auf Spanisch herauskam. Eine Aktualisierung für die jetzt erschienene deutsche Übersetzung ist erfreulicherweise nicht nötig gewesen; seit damals gab es keine neuen Konflikte.

Dass der Comic auf Spanisch erschien und nicht auf Baskisch (oder Euskara, wie die Basken selbst sagen), ist im Baskenland natürlich sofort politisch gedeutet worden. Andererseits hat Javier de Isusi alle seine Comics seit 2004 auf Spanisch publiziert – auch der jüngste, „Asylum“, gerade vor drei Wochen erschienen, ist zwar mit Unterstützung der baskischen Flüchtlingshilfeorganisation CEAR Euskadi (die sich, notabene, nicht um ETA-Flüchtlinge kümmert, sondern um Migranten) entstanden, aber auch erst einmal wieder nur auf Spanisch erschienen. Aber die Verbreitung ist natürlich in dieser Sprache viel größer, und „Ich habe Wale gesehen“ ist kein Comic, der fanatischen baskischen Nationalisten gefallen dürfte.

Der poetische Titel führt genauso in die Irre wie das deutsche Titelbild von zwei gemeinsam rudernden jungen Männern. Die spanische Originalausgabe zeigt aquarellierten Wellengang, also auch keinen unmittelbaren Verweis auf das eigentliche Phänomen, von dem der Comic erzählt. Allerdings ist das Meer wichtig für die Vorgeschichte des aktuellen Geschehens, und auch der Titel verweist darauf. Im Mittelpunkt aber stehen drei Männer: Antón, der Generalvikar eines baskischen Bistums, Josu, ein seit Jahren einsitzender ETA-Aktivisten, und Emmanuel, ein Killer, der in den achtziger Jahren als Angehöriger der paramilitärischen Einheit GAL in halboffiziellem spanischen Auftrag ETA-Führungskräfte ermordet hat und deshalb ebenfalls in Haft sitzt. Zwei Täter also, und mit Antón ein Opfer, denn als er noch ein Jugendlicher war, wurde sein Vater von der ETA ermordet. Damals, vor mittlerweile 25 Jahren, verloren er und sein Jugend- und Sportsfreund Josu sich aus den Augen.

Man könnte nun meinen, „Ich habe Wale gesehen“ berichtete darüber, wie die beiden sich wiederbegegnen. Nun, genau das geschieht, aber nur auf zwei Seiten ganz am Ende. Vorher werden beider aktuelle Schicksale separat geschildert: Antóns Schwierigkeiten damit, dass eine Schwester ein uneheliches Kind erwartet und trotzdem als katholische Religionslehrerin weiterarbeiten will. Josus Knastalltag in einem französischen Gefängnis, in dem er Emmanuel kennenlernt, der jeglicher Gewalt abgeschworen hat. Das erweckt Josus Bewunderung, doch die andere ETA-Häftlinge klären ihn über die Vergangenheit von Emmanuel auf – ein Kontakt zwischen ETA- und GAL-Angehörigen ist undenkbar.

Javier de Isusi zeichnet mit dünner Kontur und aquarelliert dann in Gelb- und Grautönen: kalte Farben, die das rauhe Leben im Baskenland und im Gefängnis perfekt widerspiegeln (eine Leseprobe findet sich hier: https://www.editionmoderne.ch/de/80/leseprobe/306/ich-habe-wale-gesehen.html); bisweilen fühlt man sich an die Comics des Italieners Gipi erinnert. Beide Autoren verbindet auch die psycholgische Dichte des Erzählten, denn es geht nicht um eine späte Aufklärung des Mordes an Antóns Vater und auch nicht um eine Erklärung dessen, wofür Josu verurteilt worden ist. Dass es gravierend sein muss, ergibt sich aus der Haftdauer, denn als der Comic beginnt, ist er bereits seit acht Jahren im Gefängnis, und als die Geschichte endet, knapp sechs Jahre später, hat sich daran nichts geändert, nur dass Josu jetzt wieder in Spanien einsitzt – eine Verbesserung, den hier darf er zumindest regelmäßigen Besuch von seiner Frau und dem mittlerweile volljährigen Sohn erwarten.

Erstaunlicherweise ist es dieser Sohn, Aritz, dem die eindrucksvollste Rolle in „Ich habe Wale gesehen“ zukommt, obwohl er erst spät, im letzten Drittel, in die Geschichjte einsteigt. Doch sein Gespräch mit dem ihm unbekannten Antón ist das Intensivste, was der Band zu bieten hat, obwohl es darin gar nicht um Verbrechen geht, sondern um die Art für die Angehörigen, damit umzugehen. Lea Hübner, der wir nicht nur die Übersetzung, sondern auch die Entdeckung dieses Comics für den deutschsprachigen Bereich verdanken, hat die Dialoge präzise übertragen – was nicht leicht war, denn etliches, was i Sprechblasen steht, spielt sich in den Köpfen der Figuren ab.

Ganz zum Schluss der Erzählung, nach der – wortlosen – Begegnung von Antón und Josu gibt es noch eine Überraschung: eine kleine Bilderzählung, die im Comic von einer anderen Angehörigen eines inhaftierten ETA-Treroristen an Aritz verschenkt wurde. Sie hat Javier de Isusi von der Jugendbuchillustratorin Leticia Ruifernàndez anfertigen lassen, und so bekommt dieser eindrucksvolle Comic schließlich auch noch eine zweite graphische Sprache. Das passt zu den Bemühungen seiner Protagonisten, die jeweilige Sprachlosigkeit zu überwinden.

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