Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Masse macht’s nicht immer, aber die Messe bringt’s

| 0 Lesermeinungen

Die Manga Comic Convention in Leipzig ist Teil der dortigen Buchmesse und verantwortlich für rund die Hälfte der Besucher auf dem Gelände. Diesmal waren es mehr als 200.000, also darf man behaupten, dass es keine besucherstärkere Comicveranstaltung in Deutschland gibt als die MCC. Das führt allerdings auch dazu, dass man sich am Messesamstag, dem Hauptbesuchertag, und meist auch noch am Sonntag kaum mehr in der Halle 1 bewegen kann. Zumal, wenn Starbesuch ansteht, und den gab es diesmal unter anderem in Person von Yusei Matsui.

Der ist Autor und Zeichner der Mangaserie „Assassination Classroom“, die in Japan mit 21 Bänden abgeschlossen, in Deutschland aber erst bei Band 16 angekommen ist. Es ist eine hinreißend skurrile Geschichte über eine Mittelstufenklasse aus lauter schulischen Versagern, die von einem außerirdischen Leser mit Smiley-Gesicht unterrichtet werden, der angekündigt hat, in einem Jahr die Welt zu zerstören. Niemand ist seinen übermenschlichen Kräften gewachsen – unter anderem bewegt er sich mit Mach 20 fort und verfügt über so schnelle Reaktionen, dass er Kugeln ausweichen kann –, also bleibt nur die Hoffnung, dass die Gruppe minderbemittelter Schüler ihren Klassenlehrer ausschaltet. Dafür ist Ihnen eine Prämie in Milliardenhöhe (allerdings nur in Yen – so viel ist die Welt der Welt offenbar doch nicht wert) ausgesetzt, und so mühen sich die Jugendlichen redlich. Darüber wachen sie zur verschworenen und vor allem plötzlich auch erfolgreichen Gemeinschaft zusammen.

Schulgeschichten gehen immer – siehe „Harry Potter“. Trotzdem ist der weltweite Erfolg von „Assassination Classroom“ ebenso erfreulich wie rätselhaft, denn abstruser als Matsui kann man kaum erzählen. In Japan gibt es zum Manga schon zwei Kinofilme und eine Fernsehserie, außerdem ist ein Spin-off als Comic erschienen. Der Schöpfer allerdings ruht sich derzeit auf den Früchten seines Erfolgs aus und kann deshalb durch die Welt reisen, was angesichts des eng getakteten Mangaproduktionsschemas sonst für die Stars der Szene undenkbar ist. Darum sind erfolgreiche Magaka so selten in Europa zu erleben.

Matsui tritt am Messesamstag auf der Großen Bühne in der Halle 1 auf, das heißt vor mehr als tausend Zuschauern, denn schon die Zahl der Sitzplätze beträgt mehr als achthundert, und es standen reichlich Gäste am Rand. Ganz hinten in der Ecke, vor dem Mischpult, wie ich es auf Konzerten gelernt habe, wenn ich Ruhe haben will, stehe ich. Und weit weg auf der Bühne sitzt Yusei Matsui.

Nun haben Stars ja so ihre Eigenheiten. Dieser sympathisch und trotz seiner 38 Jahre jugendliche Zeichner schätzt es nicht, fotografiert zu werden. Also bittet der deutsche Moderator das Publikum, auf Fotos zu verzichten. Scherzhaft wendet er sich danach dem Filmkameramann auf der Bühne zu, der für die Großbildleinwände im Hintergrund Bilder liefern soll: Er könne natürlich trotzdem weiter filmen. Aber von wegen: Die ganze Dreiviertelstunde über, die Matsuis Auftritt auf der Großen Bühne währt – und er ist wirklich sehr weit weg –, sieht man ihn nur als Torso. Der Kopf kommt nie ins Bild, dafür umso intensiver der schwarze Anzug und darunter das dunkelblaue Hemd mit hellblauen großen Punkte am Körper und gelben großen Punkten an den Ärmeln. Und natürlich der deutsche Moderator, denn der ist ja nicht heikel mit seinem Konterfei. So kann man den, um den es geht, nie direkt sehen, den, um den es nicht geht, dagegen immer öfter.

Ich schätze diesen deutschen Moderator, ich kenne ihn als sehr witzigen Übersetzer und schlagfertige Bühnenpersönlichkeit. Aber heute hat er einen rabenschwarzen Tag. Er will witzig sein, aber das hier soll ein Gespräch sein, keine Nummernrevue. Die Fragen an Matsui stammen aus dem Musterkatalog der Banalität: Was ist Ihre Lieblingsfigur, was gefällt Ihnen an Deutschland, was treibt Sie bei der Arbeit an? Um mal nur drei zu nennen. Die letzte beantwortet Matsui hinreßend: „Wenn ich nicht lügen will, würde ich sagen: Ich will Geld!“ Und so entsteht wenigstens ein Running Gag, der sogar auf die unfassbare Frage „Wo möchten Sie nach Abschluss dieser Reise am liebsten hin?“ über die einigermaßen überraschende Antwort „Auf den Mars“ Erwägungen über die dortigen Grundstückspreise erlaubt. Matsui verkündet jedenfalls, in fünf Jahren genug Geld für ein Häuschen auf dem Mars zusammenzuhaben.

Wenn Prominente Nonsens reden, liegt das meistens nicht an ihnen, sondern an der Qualität der Fragen. Immerhin zeichnet Matsui in Leipzig auf der Bühne auch: seine Lieblingsfigur (wie wir nun wissen und natürlich nie geahnt hätten), den Außerirdischen, den seine Schüler Korosensei nennen. Er zeichnet ihn aus Respekt für Leipzig als Johann Sebastian Bach. Aber über die Zeichnung wird nie auch nur ein Wort im Gespräch verloren. Das hangelt sich mühsam dem Ende zu und wird besser, als Publikumsfragen gestellt werden dürfen. Am Schluss wird dann der Zuschauerraum der Großen Bühne immer voller, aber das liegt nicht am gestiegenen Niveau, sondern daran, dass danach ein Cosplay-Wettbewerb stattfindet. Es geht eben immer noch beliebter. Nie hätte man gedacht, dass so voluminös kostümierte Menschen auf so engem Raum nebeneinander Platz finden.

Das Gegenprogramm zur MCC auf dem Leipziger Messegelände steigt in der Innenstadt beim Comics & Graphics Fest des „Millionaires Club“. Das ist ein kleines Independent-Festival, das zum fünften Mal am Messewochenende stattfindet. Ausrichter ist eine Gruppe Leipziger Zeichner um Anna Haifisch und Philipp Janta. Der Standort wechselt immer wieder, diesmal hat man einige Ladenlokale in der Kolonnadenstraße belegen können, so zentrumsnahe wie noch nie, und das Festival war auch noch nie so gut.

Das liegt einerseits am perfekten Wetter und andererseits an den hochinteressanten Gästen. Achtunzwanzig Stände werden von Verlagen und Künstlern aufgeboten, und wenn ich sage, dass ich auf einen Schlag noch nie so viele für mich neue Comics (und deren Schöpfer) entdeckt habe, will das etwas heißen. In den nächsten Woche wird dieses Blog einige dieser Funde vorstellen. Am verblüffendsten aber ist ein chinesischer Zeichner, Yan Cong. Den kannte ich zuvor nur aus dem Hamburger Comicmagazin „Orang“, aber jetzt kann ich gar nicht genug von ihm sehen. Doch leider gibt es nichts in Europa (hier seine Homepage: http://www.qishui.org/). Der Mann spricht auch keine europäische Sprache. Also sitzt er mit einer Übersetzerin des Leipziger Konfuzius-Instituts auf dem Festival und unterhält sich pausenlos.

Als der Millionaires Club ihn einlud, stellte sich die Frage, wie er den Flug bezahlen sollte. Das Konfuzius-Institut, eine staatliche chinesische Kultureinrichtung, die dem deutschen Goethe-Institut entspricht, war begeistert und flog den Dreiunddreißigjährigen ein. Und es sorgte dafür, dass auch noch einige seiner Collagen den Weg nach Leipzig fanden: großartige kleinformatige Arrangements aus Stoffresten, die sich sowohl privaten wie politischen Themen widmen und von immensem Witz sind. Der Band, in dem Yan Cong knapp hundert davon versammelt hat, heißt „Collagen 2014“ und hat sogar ein chinesisch-englisches Vorwort, in dem auf das Vorbild von Matisse hingewiesen wird. Aber bei dem gab es nie so viel zu lachen. Dass solch ein subversiver Künstler staatlich gefördert aus China nach Deutschland geschickt wird, lässt für das Reich der Mitte hoffen. Es hat offenbar keine Angst vor Extremen.

Gleich mitgekommen ist eine Abordnung des unabhängigen Comicladens Yan Shu aus Peking, samt einer Großauswahl aus meist kleinen Heftchen in den unterschiedlichsten Stilen. Bedauerlicherweise alles ohne Übersetzung, aber man kann an einigen davon gar nicht vorbei. Hier zeigt sich eine in Europa noch unbekannte asiatische Comic-Kultur, die nichts mit Manga zu tun hat, sondern versucht, die Möglichkeiten der Erzählform auszuloten – bis hin zu schönen Hommagen an altvertraute Figuren, etwa Barbapapa. Was der allerdings in China macht, kann ich dem hübschen Heftchen, das ich erworben habe, nicht entnehmen. Wozu aber auch? Darüber zu spekulieren ist mutmaßlich lustiger als de tatsächliche Geschichte.

Das Fest des Millionaires Club ist ein kleines Wunder. Hoffentlich geht es ihm nicht so wie den Designers Open, einer gleichfalls privaten Leipziger Initiative, die parallel zur berühmten Grassi-Kunsthandwerksmesse in sLeben gerufen wurde und auch an wechselnden Standorten junge Gestalter, die auf der großen Messe nicht zum Zuge gekommen wären, zeigte. Irgendwann waren die Designers Open so erfolgreich, dass sie von der Leipziger Messegesellschaft gekauft wurden. Gut für die Gründer, schlecht für die alternative Veranstaltung, die dann aufs Messegelände wanderte, wo sie ihren festen Platz finden sollte. Nach zwei Jahren erkante man, dass das das Flair zerstörte und verlagerte sie im vergangenen Herbst wieder zurück in die Innenstadt. Zwei verlorene Jahre also, und ob der Nimbus zurückzugewinnen sein wird, muss man abwarten.

Den Mitgliedern des Millionaires Club wäre jeder Geldzufluss zu wünschen, aber hoffentlich verkaufen sie ihre Idee nicht an die Buchmesse. Beide Ereignisse – das Massenspektakel und die elitäre Minimesse – ergänzen sich prächtig, aber nur, solange das Fest des Millionaires Club so überraschend bleibt. Ob eine perfekte Veranstaltung wie die diesjährige noch zu steigern sein wird? Wobei es selbst halb so gut noch besser wäre als jedes andere Comicfestival in Deutschland.

1

Hinterlasse eine Lesermeinung