Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kant aus höchstpersönlicher Sicht

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Vor einem halben Jahr bekam ich einen Auszug aus diesem Comic über Immanuel Kant zu Gesicht. Ich staunte, und wie ein alter griechischer Denker lange vor Kant gesagt hat, beginnt mit dem Staunen die Philosophie. Worüber staunte ich? Über die formale Strenge der Geschichte, die mit akribisch gezeichneten Schwarzweißbildern arbeitet, in denen als einzige Zusatzfarbe ein höchst ungewöhnliches Gelb auftaucht. Gelb deshalb, weil überliefert ist, dass Kant gerne gelbe Oberbekleidung Rock trug – wie man sein striktes Festhalten an Gewohnheiten kennt, tat er das auch schon vor dem Werther-Fieber, das gelbe Westen in ganz Europa populär machte. Aber Gelb im Comic auch, weil Kant der deutsche Philosoph der Aufklärung ist, und wenn man diese Helligkeitsmetapher (die in anderen Sprachen – siècle de lumière, enlightenment – noch markanter ist) verbildlicht, dann bietet sich eine entzündete Kerzenflammen an, also wieder Gelb. Und so, mit der Entzündung einer Kerze und ihrem Lichtschein im Dunkel, beginnt denn auch der Comic.

Klug also, durchdacht, erhellend. Wie man es beim Thema Kant erwarten muss, wenn aus seinem Leben nicht ein weiterer der allzu häufigen gezeichneten Lebensläufe werden soll, die ihren biographischen Gegenstand banalisieren und damit dessen Leistung diskreditieren. Nun dürfte es kaum ein größeres Problem geben, als Philosophiegeschichte im Comic darzustellen, man schaue sich nur den vor ein paar Jahren erschienenen Band „Logicocomix“ an, in dem Bertrand Russells Leben und Denken derart schrecklich bebildert worden ist, dass man kaum noch hinsehen mochte. Und Russell lesen schon mal gar nicht.

Philosophieren dagegen können Comics gut, wenn deren Autoren selbst es verstehen. Das schönste Beispiel, das ich kenne, ist Lewis Trondheims nur dreiseitige autobiographische Geschichte „Journal du Journal d’un Journal“ über den Versuch, eine Mise-en-abyme zu zeichnen. Bitte jetzt keine Frage, was eine Mise-en-abyme ist. Einfach Trondheim lesen (wobei es schwer sein dürfte, das Heft der Anthologie „Lapin“ zu finden, in dem das kleine Meisterwerk erschienen ist; übersetzt hat’s natürlich wieder niemand).

Wird im Kant-Comic philosophiert? Ja, allerdings nicht mit Kantschem Anspruch. Der hatte aber ohnehin Schwierigkeiten mit Anschaulichkeit, auch wenn seine dritte Kritik (die der Urteilskraft) sich ästhetischen Phänomenen widmet. Aber sie tut es denkbar abstrakt, keine Rede von der Konkretion am Werk, wie sie später etwa bei Hegel oder Adorno erfolgen sollte, die beide auf Kants Erkenntnissen ihre jeweilige Systemphilosophie errichteten. Aber der Comic behauptet auch nicht, über Philosophie zu sprechen, er nimmt trotz allen Risiken die Persönlichkeit von Kant in den Blick. Du noch einen zweiten Mann aus dessen Umfeld. Deshalb heißt der Band „Lampe und sein Meister Immanuel Kant“.

Lampe, das ist natürlich ein grandioser Name für einen Angestellten des großen Aufklärers – der Weltgeist lässt grüßen. Der 1734 geborene Würzburger war zehn Jahre jünger als Kant und fungierte in dessen Königsberger Haushalt als Diener, der sich um alles außer Kochen zu kümmern hatte. Vor allem oblag es ihm, den strikt geregelten Tagesablauf des Philosophen zu organisieren. Man könnte mit einem schiefen Bild sagen: Martin Lampe hielt Kant den Rücken frei, damit der sich den Kopf über die Welt zerbrechen konnte. Leider war Lampe ein Trinker, weshalb Kant ihn nach vierzig Dienstjahren entließ. Trotzdem dürfte er dank den Aufzeichnungen seines Arbeitgebers das berühmteste Faktotum der Philosophiegeschichte sein.

Konkret weiß man wenig über ihn, aber so ziemlich alles, was man weiß, geht in den Comic ein. Wobei Kant darin die deutlich größere Rolle spielt, denn über ihn ist naheliegenderweise noch mehr bekannt. Seine Marotten etwa wie der Hass auf den krähenden Hahn des Nachbarn, seine Liebe zum heimischen Königsberg, aus dem er sich nie länger wegbewegt hat, die Objekte, die er besaß. Doc alles, was man weiß, wird uns hier wie zum ersteh Mal gezeigt, weil dafür Darstellungen gewählt werden, die sich graphisch festsetzen: durch detailreiche Doppelseiten, Bildmetaphern, Zoomeffekte und was die Erzähltechnik des Comics so alles hergibt.

Nun werden Sie sich fragen, warum nicht längst die Rede vom demjenigen ist, der diesen Comic gezeichnet hat. Das hat mit dem Staunen zu tun. Denn der eingangs erwähnte Auszug von „Lampe und sein Meister Immanuel Kant“ erreichte mich ohne Autorennennung. Da macht man sich sein eigenes Bild, und meines gaukelte mir einen Zeichner vor. Warum, weiß ich nicht. Als dann der fertige Comic im Programm der Edition Büchergilde aufgetaucht ist, musste ich feststellen: Dahinter steckt eine Zeichnerin.

Antje Herzog heißt sie, mir bislang unbekannt, aber an ihrem Kant-Comic arbeitete die selbständige Illustratorin aus dem Rheinland offenbar schon seit acht Jahren. Das merkt man ihrem Ideenreichtum an (einen Eindruck davon kann man sich auf der englischsprachigen Website der Zeichnerin verschaffen: http://www.antjeherzog.de/). Und der Durchdachtheit ihres Konzepts. Es mag ja naheliegend sein, unterschiedliche Figuren zur individuellen Charakterisierung in verschiedenen Schrifttypen sprechen zu lassen Walt Kelly hat das in „Pogo“ vorbildlich demonstriert, und „Asterix bei den Goten“ ist auch ein schönes Beispiel), aber wir Antje Herzog die Wahl der jeweiligen Schrift begründet, zeugt von wirklich tiefer Beschäftigung: eine deutsche Kurrent aus dem achtzehnten Jahrhundert, also zu Kants Zeiten, aber heutigen Lesegewohnheiten angepasst, für den Philosophen; eine Fraktur, also eine altertümelnde Schrift, für den schlichteren Lampe. Und Zitate von Zeitgenossen werden dadurch als solche erkennbar, dass nur sie weiß auf schwarzem Grund stehen.

Warum aber stellte ich mir dahinter automatisch einem Mann vor? Sobald man weiß, dass es sich anders verhält, fallen Ähnlichkeiten etwa zum Stil von Birgit Weyhe auf – ähnlich originell und experimentierfreudig bei realistischen Figuren und einer (ungewöhnlichen) Zusatzfarbe. Doch es war wohl die Erwartung, dass sich nur ein Mann für diesen alten misogynen Sonderling und Hagestolz interessieren könnte, vielleicht auch die dem Band eigene trotzig anmutende Verweigerung von bloßer Gefälligkeit bei so erkennbar großem Können, die mich auf die falsche Erwartung brachten – ohne zuvor  je über deren Gründe nachgedacht zu haben. Kant wusste es: „Der Mann ist leicht zu erforschen, die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.“  Jetzt ist der Comic da, lesenswert und lehrreich. Antje Herzog sei Dank dafür.

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