Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Krimi von höchsten Gnaden

Vor kaum einem Monat habe ich an dieser Stelle einen spanische Comic empfohlen („Ich habe Wale gesehen“, erschienen bei der Edition Moderne), den Lea Hübner in die Schweiz vermittelt und auch gleich ins Deutsche übersetzt hatte. Nun kommt beim Berliner Avant Verlag schon ihre nächste Entdeckung, allerdings diesmal kein spanischer Titel, sondern ein brasilianischer. Also eine andere Sprache – Portugiesisch statt Spanisch -, aber wieder im Ursprungsland aufgespürt, hierher vermittelt und übersetzt von Lea Hübner. Und als wäre das nicht schon einigermaßen beeindruckend, hat Frau Hübner gleich noch ein drittes Mal empfehlend und übersetzend zugeschlagen: mit dem im mir bislang unbekannten Verlag Bahoe Books aus Wien gerade publizierten Comic „Cumbe“, auch er brasilianischer Herkunft. Man fühlt sich als literaturinteressierter Mensch an Michi Strausfeld erinnert, die legendäre Literaturwissenschaftlerin, Lektorin und Übersetzerin, die von den siebziger Jahren an bis zum Wechsel in en Ruhestand 2016 quasi im Alleingang die lateinamerikanische Literatur nach Deutschland brachte. Nur eine ihrer spektakulären Entdeckungen sei genannt: Isabel Allende.

Mit Auflagenzahlen, wie die argentinische Bestsellerautorin sie erreicht, brauchen wir bei Comics nicht zu rechnen. Wenn sich ein paar tausend Leser für die drei neuen Comics finden, wäre das schon sensationell; realistisch dürften es eher ein paar hundert sein. Dabei hätten sie alle drei großes Publikum verdient, wobei man sagen muss, dass der Avant Verlag sich eindeutig den besten herausgepickt hat, noch stärker als „Ich habe Wale gesehen“. „Cumbe“ dagegen, geschrieben und gezeichnet von Marcelo D’Salete, einem siebenunddreißigjährigen Autor aus Sao Paulo, ist ein eher spröder Schwarzweißcomic im typisch südamerikanischen Stil (wenn man das einmal kontinentweise über einen Kamm scherendarf), wie ihn José Munoz bekannt gemacht hat. In vier Kurzgeschichten – eine davon gibt dem Buch auch seinen Titel – wird von Sklavenschicksalen im Brasilien des neunzehnten Jahrhunderts erzählt. Junge Schwarze, die man aus ihrer afrikanischen Heimat verschleppt hat, suchen ihre Freiheit – sei es nicht gleich durch Flucht, dann wenigstens durch die Pflege ihrer Traditionen.

Das ist ein ehrenvoller Stoff, und wer weiß in Deutschland schon, dass die Bedingungen der schwarzen Sklaven in Lateinamerika genauso schlecht waren wie in den Südstaaten der USA. Aber die Geschichten sind doch alle nach einem Schema konzipiert, und die Graphik von D’Salete ist wenig originell. Zudem schwankt die Druckqualität des Bandes; einzelne Seiten weisen nur ein mattes Schwarz auf. Der junge Verlag aus Wien muss offenbar noch etwas Praxiserfahrung sammeln. Das gilt auch angesichts des Versäumnisses, eine Leseprobe ins Netz zu stellen, mehr als http://www.bahoebooks.net/start_de.php?action=201&id=55 gibt es nicht, und die Website des Zeichners erweist sich als zumindest für meinen Computer unzugänglich. Auch wird der Verlag irgendwann merken, dass das umfangreiche Glossar, das Lea Hübner erstellt hat, um die Fachtermini zum afrosüdamerikanischen Leben zu erläutern, und die Bibliographie an den meisten Comiclesern vorbeigehen, sie vielleicht sogar abschrecken.

Was D’Saletes Buch auszeichnet, ist sein anspruchsvolles, weil nur wenig auf Dialoge gestütztes Erzählen. Symbole und kleine Details sind für die Lektüre von „Cumbe“ wichtig; an der – auch moralischen – Schwarzweißzeichnung sollte man sich nicht irritieren lassen; es geht bunter zu, als es aussieht. Aber hier haben wir es doch mit einem Liebhaberprojekt zu tun, dass politisch Verdienste hat, ästhetisch oder erzählerisch weniger. Kein Vergleich mit „Ich habe Wale gesehen“.

Oder eben gar mit „Tungstênio“, dem zweiten von Lea Hübner für Avant gewonnenen Comic. Ob es sinnvoll ist, die Originaltitel zu belassen, durfte man sich schon bei „Cumbe“ fragen; bei „Tungstênio“ ist es eindeutig Unsinn, denn wie man winzig klein aus dem Impressum erfährt, ist dieser Begriff das brasilianische Wort für das Metall Wolfram. Nicht, dass ich erwartete, mit „Wolfram“ viele Leser locken zu können, vielleicht würde der Titel sogar bisweilen als Vorname missverstanden, aber warum man ein völlig unverständliches Wort belässt, ist mir schleierhaft. Zumal man diesem Comic so viele Leser wie nur möglich wünscht.

Warum? Weil Marcello Quintanilha, 1971 in Brasilien geboren, aber heute in Barcelona lebend, packend erzählt. Und klug. Die ganze Handlung seines Comics spielt sich an einem einzigen Tag überwiegend am Strand der brasilianischen Stadt Salvador da Bahia statt, der drittgrößten Metropole des Landes nach Sao Paulo und Rio de Janeiro, mit immerhin etwas mehr als zweieinhalb Millionen Einwohnern. Dort treffen zehn Hauptprotagonisten aufeinander: zwei illegale Dynamitfischer etwa, die von einem pensionierten Armeesergeanten beobachtet werden, der sich mit einem jungen Dealer trifft, der als Einzelkind bei seiner verwitweten Mutter lebt und Spitzel für einen Polizisten arbeitet, der mit zwei Freunden gerade das süße Leben am Meer genießt, während seine Frau über eine endgültige Trennung nachdenkt und einer Freundin davon im Bus erzählt. Schon sind die zehn Figuren beisammen, doch wie sie zueinander stehen, das erfährt man erst im laufe der ganzen 180 Seiten, die man mit immer mehr Spannung liest.

Denn „Tungstênio“ ist ein Krimi, ganz buchstäblich – es geht um Polizeiarbeit und Drogenhandel und Körperverletzung, und jeder Mann in diesem Comic hat Dreck am Stecken. Die drei Frauen dagegen nicht, sie kommen eher wie Heilige daher oder große Dulderinnen, und da ist der Autor Quintanilha ganz Macho. Geschenkt, das kennen wir aus dem Hardboiled-Genre, dem sein Comic angehört. Wobei niemand stirbt, obwohl man das oft befürchten muss, aber es braucht keine Leichen, um Dramatik zu erzeugen. Das tut das in zahlreiche Parallelhandlungen aufgebrochene Handlung schon zur Genüge. Und ein paar Rückblicke, die sich in den Köpfen der Figuren abspielen, aber für uns sichtbar werden, runden das große Puzzle erst ab.

Quintanilha zeichnet konventionell, nur in Schwarzweiß mit Graustufen, wobei sein Titelbild zeigt, wie gut das Ganze auch in Farbe ausgesehen hätte (beides kann man sich hier als Leseprobe ansehen: http://www.avant-verlag.de/comic/tungstenio). Hier gibt es sehr viel Text, und es dürfte einige Mühe gekostet haben, nicht nur den jeweiligen Jargon der Protagonisten ins Deutsche zu bringen, sondern auch die spezifische brasilianischen Redearten. Gut, dass hier kein Glossar ergänzt wurde, denn das hat uns mutmaßlich etliche brasilianische Brocken in den Dialogen erspart, und die Geschichte wirkt trotzdem ganz authentisch, gerade auch im Klang der Stimmen.

Besonders meisterhaft aber ist die Inszenierung der Kulisse. Die wichtigsten Ereignisse spielen sich im Schatten einer kleinen alten Festung hoch über dem Strand ab, und wie wir sie als ständigen Bezugspunkt gleich zu Begin gezeigt bekommen und uns ihr dann ständig nähern, bis wir sie aus Vogelperspektive umkreisen und alle Seiten vorgeführt bekommen, das ist große visuelle Erzählkunst. Zudem bricht Quintanilha mit fester Seitenarchitektur und setzt einzelne Panel sehr nahe aneinander oder verschiebt sie zueinander, so dass auch die Gesamterscheinung des Comics jene stete Unruhe vermittelt, die in der Geschichte herrscht. Etwas über den genauen Verlauf aneutet, würde ihren Zauber vermindern – wenn man bei solch tristen Verhältnissen, wie sie hier herrschen, von Zauber sprechen kann. Aber erstaunlicherweise lässt der Schluss den meisten Figuren ihr kleines bisschen Glück, und sei es auch nur, dass sie wider Erwarten überlebt haben. Wir aber wollen mehr Comic-Überraschungen dieser Art erleben. Lateinamerika scheint noch einiges zu bieten zu haben. Möge Lea Hübner weitersuchen. Und die Verlage bei der Stange bleiben.

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