Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Neigen Sie zum Lachen?

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Vergangenen Monat war ich in Leipzig beim Millionaire’s Club. Das ist – die Leser meines Blogeintrags von Ende März werden es noch wissen, sonst hier nachlesen: http://blogs.faz.net/comic/2017/04/03/masse-machts-nicht-immer-die-messe-bringts-1004/) – nicht ganz das, was der Name verheißt, aber reichere Eindrücke kann man kaum irgendwo finden. Denn einige Dutzend Kleinverleger aus der ganze Welt haben dort ihre Comics präsentiert, und Kleinverlag heißt zwar manchmal auch Kleinauflage, doch da man die Dinge fast nirgendwo sieht, sind sie im Regelfall recht lange zu bekommen.

Ob das auch für das wunderbare Heft „Neigen Sie zum Weinen?“ gilt, das ich im Millionaire’s Club entdeckt habe und das die Hamburger Zeichnerin Jul Gordon in einer Auflage von gerade einmal sechzig Exemplaren in der von ihr und Sascha Hommer begründeten Reihe „Kontaktcenter“ herausgebracht hat, muss man auf deren Netzseite überprüfen. Dort kann man sich auch ein paar Seiten daraus ansehen: http://kontaktcenter.tumblr.com/kc009. Klar ist sofort, dass man es hier mit einem mehrdimensionalen Spiel zu tun hat: Satire, Hommage, Appropriation, Adaption – man könnte die kleine Geschichte in viele Genres stecken. Der schöne Tim-Kopf des Covers kehrt in dieser akribischen Gestaltung im Inneren nie mehr wieder, aber Tim tut es, und zwar als winzige Figur in der Rolle eines Psychologen, der auf einem großen Bühnenbild, das bei Jul Gordon zugleich die ganze Welt ihrer Geschichte ist, eine andere Figur befragt, die das genaue Gegenteil des Hergé-Helden ist: heruntergekommen, übergewichtig, rauchend, ältlich, verlottert. Allein diese Paarung ist schon ein Vergnügen.

Besonders sehenswert aber sind die von Jul Gordon gewählten Farben, denen die digitale Darstellung nicht gerecht wird. Es sind blasse Pastelltöne, vor allem rosa, hellblau und beige, die dem Geschehen nicht nur eine nostalgische Anmutung verschaffen, die natürlich die Verwendung der Comiclegende Tim als Hauptfigur noch konsequenter macht, sondern auch die Künstlichkeit der Konstellation ein weiteres Mal betonen, die ja schon durch den Protagonistenkontrast und die Bühnensimulation vorgegeben ist. Man könnte von einem graphischen Versuchsaufbau spreche, der sich bemüht, so viele Assoziationen wie möglich aus den unterschiedlichsten Kunstbereichen abzurufen, um dann eine Geschichte zu erzählen, die bewusst pointenlos erschient, das aber keinesfalls ist, denn wie am Ende buchstäblich alles dekonstruiert ist, was man vorher gesehen hat, dass ist eine der überzeugendsten Auflösungen, die man sich vorstellen kann.

Nacherzählen lässt sich nicht, was in „Neigen Sie zum Weinen?“ geschieht. Man muss es miterleben, denn schon wie das streng geometrisch-exakt gezeichnete Dekor des Bühnenbildes mit den bewusst einfach-spontan gehaltenen Figuren kontrastiert, ist bemerkenswert. Tim als Inbegriff der Klaren Linie wird da nicht nur mit seinem schluffigen Gesprächspartner konfrontiert, sondern auch mit einer im Stil früher Zeitungscomics-Figuren gehaltenen Dame (deren Faust bei einem kurzen Gewaltexzess Ausmaße annimmt, die sie als Enkelin von Olive Oyl aus „Popeye“ legitimieren) und einigen Stichmännchen, die als Bühnenhandlanger nur sporadisch auftreten. Und dann gibt es noch einen ächzenden Herrn im Independent-Stil eines Joe Matt, der die erstaunlichsten Ortswechsel auf der Bühne vornimmt. Man könnte das Ganze als große Beckett-Inszenierung eines Comics betrachten – und angesichts der Angemessenheit dieses Zusammenspiels noch einmal Tränen darüber vergießen, dass aus der vor ein paar Jahren geplanten „Godot“-Adaption durch Nicolas Mahler aus rechtlichen Gründen nichts geworden ist. Beckett ist wie gemacht für Comics. Aber gut, er hat eben Theater gemacht und keine Comics. Daran fühlen seine Erben sich gebunden.

Wenn man aber wie Jul Gordon den Beckettschen Geist des Absurden so kongenial aufzunehmen versteht, dann wird wenigstens dessen Genie noch nutzbar gemacht für eine Erzählform, die alles bieten kann, weil sie so scheinbar simpel ist. Und dabei so erstaunlich komplexe Resultate hervorbringt. Sechzehn Seiten ist „Neigen Sie zum Weinen?“ nur lang. Aber das Heft bietet Lektüre für Jahre.

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