Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Hitler hat den Kopf verloren

Irgendwann habe ich in diesem Blog einmal geschrieben, dass es Comicschaffende gibt – gegenwärtig aktive, also keine Klassiker –, von denen ich einfach alles lesen will, was sie machen. Die gibt es immer noch, und es sind meist Leute mit sehr umfangreichem Oeuvre wie Art Spiegelman, Jacques Tardi, Dupuy & Berberian (respektive nun deren Soloarbeiten), Baru oder Alan Moore. Könner wie Marjane Satrapi, Emmanuel Guibert oder David B. sind weniger produktiv oder haben dem Comic – so Satrapi – gar ganz Lebewohl gesagt. Und deutsche Künstler wie Line Hoven, Jens Harder, Anke Feuchtenberger, Ulli Lust, Sascha Hommer und noch einige andere mehr können gar nicht so produktiv sein, wie sie wollten, weil man hierzulande zu wenig Geld mit Comics verdient. Bleiben also im deutschen Sprachraum Nicolas Mahler und Ralf König, denen man alles vorwerfen kann außer mangelndem Veröffentlichungstempo. Und natürlich mangelnder Qualität.

Aber zwei besonders fleißige Menschen haben seit meiner damaligen Behauptung so viel Neues herausgebracht, dass ich mich übersättigt fühlte: Joann Sfar und Lewis Trondheim. Allein die von beiden gemeinsam geschriebene Serie „Donjon“ hat rund vierzig Bände in einem Jahrzehnt hervorgebracht – weniger als die wohl scherzhaft angekündigten dreihundert, aber allemal (mehr als) genug. So lese ich heute vielleicht noch jeden zweiten Titel, den Trondheim oder Sfar herausbringen, was immer noch ein namhafte Zahl bedeutet. Und wie es der Zufall will, habe ich bei meinem letzten Besuch in Frankreich gleich wieder ein halbes Dutzend Comics gekauft, die Lewis Trondheim geschrieben hat.

Es sind sechs Hefte im amerikanischen Comicformat, die auch aufgemacht sind wie Superheldencomics – Trondheim hat schon immer das Spiel mit den Möglichkeiten seines Metiers geliebt. Der Titel der Serie lautet „Infinity 8“ (die Homepage dazu: http://www.editions-ruedesevres.fr/d%C3%A9couvrez-le-projet-infinity-8-0), und es geht um ein gleichnamiges Raumschiff, das mit seiner 880.000 Mann starken Besatzung sechs Wochen lang unterwegs ist, um den Andromedanebel zu erreichen. Wobei es nicht 880.000 Menschen sind, die mitreisen, sondern Individuen aus 257 intergalaktischen Rassen, darunter auch 1583 Menschen, und zu Letzteren gehört unter anderem auch eine Polizeitruppe, die nur aus Frauen besteht. Sie stehen im Mittelpunkt der Handlung. So viel erfährt man schon auf der ersten Seite des ersten Heftes.

Ein Science-Fiction also, angesiedelt in einigermaßen ferner Zukunft und mit allen graphischen Vorzügen der reichen französischen SF-Comictradition, die auf die Superstars Jean-Claude Mézières und Moebius zurückgeht. Dominique Bertail hat die ersten drei Hefte von „Infinty 8“ gezeichnet, Olivier Vatine die anderen drei, und Trondheim hat die Szenarien verfasst, im Falle der ersten drei zusammen mit einem anderen Superstar des französischsprachigen Comics, dem Schweizer Zep. Da haben sich zwei Liebhaber sowohl des Humors, der Klischees und zugleich der Drastik gefunden, und entsprechend sieht die erste Geschichte aus: sehr gut.

Doch die zweite, nun von Trondheim allein geschrieben, ist noch besser. Selbes Raumschiff, aber ein paar Tage später, und eine andere Polizistin als Heldin. Dass es hier noch aberwitziger als im ersten Teil zugehen wird, in dem es vor bizarren Wesen wimmelt, sagt schon der Titel der zweiten Geschichte: „Retour vers le Führer“. Ja, es geht um Adolf Hitler, genauer gesagt um dessen Kopf, der aus Gründen, deren Schilderung hier zu weit führen würde, im Weltall herumfliegt und von der Besatzung der „Infinity 8“ unklugerweise eingesammelt wird. Seit Hitlers Niederlage viele Jahre zuvor hat sich der Nationalsozialismus zu einer ästhetische Bewegung entwickelt, die im Zeichen des Hakenkreuzes die Maxime „Un Art de Vivre“ (eine Lebenskunstform) betreibt. Lieder schafft es Hitlers krankes Hirn binnen kurzer Zeit, die Nazischöngeister wieder durch Killermaschinen zu ersetzen.

Man schluckt als deutscher Leser, wie Trondheim da mit Entsetzen Scherz treibt, aber er braucht die NS-Klischees für seine Abenteuerhandlung, und das Ganze geht auch gut aus – also schlecht für Hitler. Und nach den sechs Heften will man mehr, viel mehr von diesem Stoff. Und tatsächlich ist in Frankreich auch schon eine weitere Geschichte erschienen, diesmal nur als Album, diesmal gezeichnet von Olivier Balez, und es sind bis zum März 2018 noch fünf weitere Fortsetzungen von „Infinty 8“ angekündigt, deren letzte von keinem Geringeren gezeichnet werden soll als dem großartigen Patrice Killoffer, der auch schon als Vorbild für eine Figur der Serie dient: dem Leutnant Reffo, dessen Name sich rückwärts gelesen nicht zufällig fast wie Killoffer liest, bereinigt ums „kill“. Das dürfte ein Hinweis auf zukünftige Ereignisse in dieser Serie sein.

Alle acht Bände wird Trondheim schreiben (hat sie mutmaßlich auch schon geschrieben), und die ersten beiden Geschichten sind auch bereits als Alben herausgekommen. Dass es diese Geschichten auch als Hefte gibt, war nur ein schöner Gag, um der amerikanischen Publikationsform die Ehre zu geben; leider geht die Parallelveröffentlichung nicht mehr weiter. Die sechs Hefte bieten ein paar hübsche Extras, etwa von Trondheim, Killoffer und anderen gezeichnete Figurenentwürfe oder Auskünfte über die Produktion der Serie, die man aber nicht allzu ernst nehmen sollte. Das Ganze ist ein Riesenspaß, erkennbar auch für alle Beteiligten, und es ist schön zu wissen, dass man in den nächsten zehn Monaten noch einiges zu lachen bekommen wird.

Verlegt hat die Serie der Verlag Rue de Sèvres, der erst 2013 gegründet Comicableger des französischen Bilderbuchverlags L’École des loisirs“. Trondheim war mit seinen Arbeiten schon immer bei mehreren Häusern gleichzeitig vertreten, und diesmal dürfte ihm die Konzentration auf „nur“ acht Alben die Verzettelung ersparen, die seinerzeit „Donjon“ ereilt hatte. Wenn er diese Form beibehält, werde ich nicht nur alle Bände von „Infinty 8“ lesen (das tue ich ohnehin), sondern auch für eine Weile wieder alles andere, was er macht. Welcome back in meinen Regalen!

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