Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kurzes auf dem Weg zum langen Hauptwerk

An diesem Wochenende wird zum dritten Mal der Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung verliehen, deren Jury in angehöre. Es ist ein Förderpreis, ausgezeichnet werden noch in Arbeit befindliche Comics, man muss also von einer Vorform auf die endgültige Version schließen. In diesem Jahr wird ein Comic prämiert, von dessen projektierten 250 Seiten mehr als 180 eingereicht worden waren, wenn auch in einer Form, die die Autorin, Tina Brenneisen, selbst eine vorläufige nennt, die noch druckfertig gemacht werden müsse. Dass ihre autobiographische Geschichte „Das Licht, das Schatten leert“ ein beeindruckendes Buch werden wird, kann man gleichwohl jetzt schon sehen.

Ich will nicht darüber schreiben, um was es in dem prämierten Comic geht, denn man wird ihn erst in einiger Zeit lesen können, und ob er dann wieder in Tina Brenneisens eigenem Kleinverlag Parallelallee erscheint wie bislang alle ihre Publikationen (die übrigens unter dem Pseudonym PoinT laufen) oder ob sie mit dem Preis im Rücken ein größeres Haus dafür interessieren kann – sofern sie das will –, das haben wir ebenfalls abzuwarten. Der erste Leibinger-Comicbuchpreis war 2015 an Birgit Weyhe für ihren Band „Madgermanes“ gegangen, und es war ein Glück, dass die Hamburger Zeichnerin mit einem anderen schon geplanten Vorhaben, bei dem sie erstmals auf ein fremdes Szenario zurückgreifen wollte, nicht so vorankam, wie sie es sich vorstellte, so dass ihr ausgezeichnetes Projekt schneller fertig wurde und bereits ein Jahr nach der Preisverleihung erschien – und dann prompt beim Comicsalon von Erlangen auch zum besten deutschsprachigen Comic gewählt wurde. Ihr Nachfolger, Uli Oesterle, wird dagegen mit seiner Geschichte „Vatermilch“ mindestens noch bis zum kommenden Jahr brauchen, und da mittlerweile von zwei Bänden die Rede ist, könnte es durchaus sein, dass Tina Brenneisen ihren unmittelbaren Preisvorläufer überholt.

Um aber den Schwung der durch den Preis gewonnenen Aufmerksamkeit zu nutzen und die Pause zwischen der letzten Oesterle-Publikation, der damals neugestalteten „Hector Umbra“-Gesamtausgabe von 2011, und „Vatermilch“ nicht zu groß werden zu lasen, hat der Carlsen Verlag den Zeichner bewegen können, ein Buch namens „Kopfsachen“ dazwischenzuschieben, das acht Kurzcomics versammelt – „graphische Erzählungen“ nennt der Untertitel die Form, in Anknüpfung an den Begriff „Graphic Novel“. Davon ist eine, „Fraß“, mit fast fünfzig Seiten albenlang, allerdings im Kleinformat. Vor anderthalb Jahrzehnten ist sie bei der Edition 52 als Separatpublikation herausgekommen, du das war damals mein erster Kontakt mit Oesterles Werk, denn seine schon ein paar Jahre älteren „Schläfenlappenphantasien“ des Zwerchfell Verlags waren mir entgangen. „Fraß“ mit seiner an Stanley Ellin erinnernden Drastik war aber ein sehr guter Einstieg, und die Geschichte um einen Feinschmecker, der verzweifelt versucht, seinen verlorengegangenen Geschmackssinn wieder zu beleben, überzeugt auch heute noch.

Die ebenfalls in „Kopfsachen“ enthaltenen fünf Geschichten aus den „Schläfenlappenphantasien“ sind dagegen auch durch die Hinzufügung einer blauen Zusatzfarbe nicht ganz aus dem Stadium eines Frühwerks zu befreien. Zu sehr merkt man diesen Arbeiten die Zeitstimmung der mittleren neunziger Jahre an, den Einfluss von José Munoz und Hendrik Dorgathen, von Comiczeitschriften wie „Raw“ oder „Boxer“ und das Bemühen, rauh und wild zu erzählen und zu zeichnen. Dass daraus dann eine Serie wie „Hector Umbra“ entstehen konnte, zeigt aber, wie rasch sich Oesterle wieder befreit hatte, auch wenn er dann vor allem der Ästhetik von Mike Mignola gefolgt ist. In „Forever“, einer 2003 im amerikanischen Verlag Dark Horse, der Heimat von Mignolas „Hellboy“, veröffentlichten Horrorgeschichte um ein sich verselbständigendes Tattoo wird diese Liebe auf die Spitze getrieben.

Sieben also schon vor langer Zeit veröffentlichte Geschichten in „Kopfsachen“. Die achte dagegen ist neu, und sie bringt Hector Umbra zurück, den parapsychologisch begabten Detektiv, Oesterles auch internationale Erfolgsfigur. Die Erzählung „Getrennte Wege“, in der eine junge Frau mit gespaltener Persönlichkeit Umbra engagiert, ist gerade einmal fünfzehn Seiten lang, aber sie beschreitet auch selbst neue Wege, denn Oesterle verzichtet auf Panelrahmen und lässt in einer Szene, die sich im Kopf der Mandantin abspielt zudem aus der üblichen Seitenarchitektur fallen. Seine Konturen sind feiner geworden, die Farben – computerbedingt – bunter, aber der Ton ist ganz der alte, und dadurch entsteht eine Kurzgeschichte, die man atemlos liest, zumal ihr Twist am Schluss mit dem typisch Oesterleschen Zynismus gewürzt ist.

Der Band ist wunderschön gestaltet und auf gutem Papier gedruckt, so dass gegenüber den Originalausgaben der schon veröffentlichten Comics signifikante Qualitätsgewinne bestehen, die die Anschaffung selbst für jene Leser lohnen, denen „Hector Umbra“ nichts sagt und die deshalb nicht so dringend wie ich auf Fortsetzung von dessen Abenteuern gewartet haben. Erzählerisch hat Oesterle sogar klare Vorteile auf der Kurzstrecke. Aber wenn dann erstmal „Vatermilch“ fertig wird, der auf mehrere hundert Seiten konzipiert ist, wird man endgültig wissen, ob der ideenreiche Münchner Comicautor auch über langen erzählerischen Atem verfügt. Das, was ich bislang davon kenne, spricht eindeutig dafür.

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