Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der Ursprung des Terrors

Der „Deutsche Herbst“ von 1977, die Hochzeit des RAF-Terrors mit der Verschleppung und Ermordung Hanns-Martin Schleyers, dem Tod seiner Begleiter im Kugelhagel von Köln, der Entführung der „Landshut“ und dem Selbstmord von Baader, Ensslin und Raspe in Stuttgart-Stammheim, ist nichts gegen den japanischen Herbst von 1968. Das war der Höhepunkt der dortigen Studentenproteste, die allerdings keinen harten kriminellen Kern hatten, sondern dezidiert politisch waren, linksradikal, und auf harten Widerstand der Polizei trafen, so dass sich die Ereignisse derart hochschaukelten, dass man die Revolution schon vor der Tür sah. Zahlreiche Menschen starben auf den Straßen, und dazu kam eine Gewaltwelle, die andere Ursachen hatte, aber mit zur gesellschaftlichen Unsicherheit dieses Jahres in Japan beitrug.

Eines der meistbeachteten Ereignisse war eine Mordserie, die binnen drei Wochen im Herbst 1968 vier Menschen das Leben kostete, alle erschossen mit einem Revolver aus amerikanischen Armeebeständen. Der Täter aber war Japaner und wurde im April 1969 verhaftet, 1979 zum Tod verurteilt und 1997 hingerichtet. Der fast dreißigjährige Abstand zwischen Verbrechen und Strafe machte den Fall zum berühmtesten seiner Art in Japan, und jeder Japaner kennt den Namen des Täters: Norio Nagayama, der zum Zeitpunkt seiner Taten erst neunzehn war. Wenn also in einem Manga ein junger Mann im Herbst 1968 auftaucht, einen Revolver aus einer amerikanischen Kaserne stiehlt, damit zu morden beginnt und dazu nur N genannt wird, weiß man in Japan, wer gemeint ist.

Dieser N ist die Hauptperson in „Unlucky Young Men“, einer auf zwei Bände verteilten siebenhundertseitigen Geschichte, die Eiji Otsuka geschrieben und Kamui Fujiwara gezeichnet hat – vor zehn Jahren. Dass die Übersetzung erst heute herauskommt – Band 1 ist gerade bei Carlsen erschienen –, hat einmal mit dem wider alle Erwartungen ungebrochenen Mangaboom in Deutschland zu tun, andererseits aber auch damit, dass diese Geschichte eine Herausforderung herausstellt, denn selten ist eine bestimmte Zeitstimmung – die die beiden Urheber als Kinder noch miterlebt haben – so detail- und faktenreich ins Comicbild gesetzt worden. Das macht die Lektüre voraussetzungsreich, zumal als roter Faden auch noch die Tankadichtung von Takuboku Ishikawa, einem japanischen Lyriker des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, fungiert. Die Übersetzerin Cordelia von Teichman war also besonders gefordert, und auch wenn sie das feste Silbenschema von 5-7-5-7-7, also insgesamt 31, bei der Übertragung der Tanka nicht beachtet hat, ist „Unlucky Young Men“ sonst exzellent zu lesen, zumal es zwar ein Glossar gibt, das aber nur in wenigen wichtigen Fragen Auskunft gibt, während ansonsten der Sprechblasentext alle Erklärungen zu leisten hat. Das ist gut gelungen.

Fujiwaras Graphik ist höchst aufwendig (Leseprobe: https://www.carlsen.de/softcover/unlucky-young-men-1/78560), oft könnte man seine Schwarzweißzeichnungen für Schabkartonarbeit halten, so tief ist das Schwarz, so subtil sind die Schraffuren. Aber alles ist am Rechner erzeugt – ein Meisterwerk moderner Zeichnertechnik. Dazu kommen mangatypische Effekte wie rascher Perspektivenwechsel, extreme Auf- oder Untersichten und einige Male auch Spiegelungsbilder auf gekrümmten Flächen mit entsprechend verzerrten Physiognomien. Fujiwara hat angeblich sämtliche Bilder von lebenden Personen nachstellen lassen und die Szenen abfotografiert, um eine möglichst lebensnahe Vorlage für die Reinzeichnungen zu bekommen.

Das ist auch inhaltlich konsequent, denn Leitlinie der Handlung ist nicht, wie man erwarten könnte, das Verbrechen von N, sondern ein Film, den er gemeinsam mit dem jungen Multitalent T drehen will. Den werden selbst weniger japanaffine Leser erkennen, sofern sie sich überhaupt für Kino interessieren, denn für diesen T stand die jungen Jahre von Takeshi Kitano Pate, des heute international bekanntesten japanischen Schauspielers. Natürlich hat es nie eine Begegnung zwischen ihm und dem Vierfachmörder Nagayama gegeben, doch die biographische Parallelen haben Otsuka dazu verführt, die weitgehend unbekannten Monate zwischen Verbrechen und Festnahme des Serientäters mit dieser fiktiven Begegnung zu füllen und dazu noch zahlreiche Persönlichkeiten der linksradikalen Studentenszene einzubeziehen. Und nicht zuletzt auch den berühmten Schriftsteller Yukio Mishima, der in Analogie zu den beiden Hauptfiguren hier nur als M auftritt.

Gegenstand des Films, den N und T zusammen drehen wollen, soll ein Raubüberfall auf einen Geldtransporter sein, auch dies ein realer, bis heute nicht aufgeklärter berühmter Fall des Herbstes 1968. Inwieweit sich dabei künstlerische, politische und monetäre Interessen ergänzen oder ausschließen, ist die eigentliche Frage im Manga „Unlucky Young Men“, der den spektakulären Überfall nur als MacGuffin nimmt für ein Porträt der japanischen Gesellschaft in heikler Zeit. Und zugleich eine alternative Geschichtsschreibung betreibt, die einige Rätsel löst – und das noch mit dem Reiz der Beteiligung prominenter Persönlichkeiten. Dass dieser Bonus für deutsche Leer weitgehend entfällt, lässt den Sog, den der Manga entfaltet, umso überzeugender wirken. Er erzählt eine psychologisch stimmige und kriminalistisch spannende Geschichte, die vor allem die Unsicherheit einer Epoche spürbar macht, in der links und rechts, fortschrittlich und konservativ jeweils hehre idealistische Ziele für sich in Anspruch nahmen, die unversöhnlich sein mussten.

Japan kam erst Mitte der siebziger Jahre innenpolitisch wieder zur Ruhe, und bis dahin mussten noch viele Menschen sterben, meist allerdings Angehörige der Terrororganisationen und die meisten davon in Folge interner Machtkämpfe. Das eine der fürchterlichsten Protagonistinnen dieses Terrors gegen die eigenen Gefolgsleute, Hiriko Nagata, genannt Yoko, in „Unlucky Young Men“ gleich für zwei Frauenfiguren (die beide Yoko heißen) Patin steht, ist ein brillanter Kunstgriff, denn die Radikalisierung wird so auf zwei Wegen vorgeführt. Welcher dann der schlimmere sein wird, kann man dem zweiten Band entnehmen, der in ein paar Monaten auf Deutsch erschienen wird. Und obwohl man ja weiß, wie N und T enden werden – der eine in der Todeszelle, der andere als Filmstar –, ist die Neugier auf die Fortsetzung bei mir immens.

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