Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Durchs zivilisierte Kurdistan

Zerocalcare, Jahrgang 1983, heißt in Wahrheit Michele Rech, lebt im römischen Stadtteil Rebbibia und steht politisch links. Alle diese Umstände spielen wichtige Rollen in seiner Comicreportage „Kobane Calling“, die vergangenes Jahr in Italien und nun gerade beim Berliner Avant Verlag auch auf Deutsch erschienen ist. Berichtet wird von zwei Reisen ins Kurdengebiet: einmal, im Herbst 2014, an die türkisch-syrische Grenze nahe der umkämpften Stadt Kobane in Syrien, wo sich seinerzeit eine kleine Gruppe Kurden gegen die Belagerung durch den „Islamischen Staat“ wehrte, und dann im Sommer des folgenden Jahres nach Kobane selbst, das nicht nur erfolgreich gehalten werden konnte, sondern auch zum Ausgangspunkt einer kurdischen Gegenoffensive wurde, die die umliegenden Gebiete dem IS wieder entriss. In Kobane, das kann Zerocalcare nicht oft genug betonen, wurde und wird immer noch die Freiheit gegen den Fanatismus verteidigt. Für ihn ist Kurdistan eine letzte Zuflucht der Zivilisation.

Man spürt die Begeisterung des italienischen Zeichners für die kurdische Sache von Beginn an, denn im für autonom erklärten Kurdengebiet Rojava im Norden Syriens wird eine Politik der gesellschaftlichen Toleranz beschworen, die Frauen und Männer für ebenso gleichberechtigt hält wie die verschiedenen Religionen – ein Traum für den anarchistisch gesinnten Zerocalcare, der seit den Kämpfen zwischen Globalisierungsgegnern und Polizisten beim G8-Gipfel von genau im Jahr 2001 sein Vertrauen in die westlichen Werte verloren hat. Im syrischen Kurdengebiet sieht er einen neuen Modellstaat, bei dem ihn nicht die nationale Frage interessiert, sondern die soziale Komponente, die auch Gesundheitsversorgung und Bildung miteinschließen soll. Um sich eine eigene Anschauung zu verschaffen, unternahm er Zerocalcare die beiden Recherchereisen, die zugleich auch humanitären Zwecken dienten.

Bei der ersten war es noch zu gefährlich, nach Syrien selbst zu fahren. Also blieb die italienische Reisegruppe aus acht Aktivisten in ein paar Kilometer Entfernung auf türkischer Seite – was einerseits nah genug war, um die bedrohliche Situation in Kobane zu beobachten, andererseits einen Einblick in das Doppelspiel der türkischen Politik gewährte, die den IS zu bekämpfen vorgibt, aber vor allem den Kurden schaden will. Das kurdische Siedlungsgebiet umfasst Teile der Türkei, Syriens, des Iraks und Irans, und im syrischen Bürgerkrieg erwiesen sich die Kurden als zuverlässigste Gegenwehr gegen die Fanatiker des IS. Doch kaum jemand dankte es ihnen, weil ihre Autonomiebestrebungen in den vier Ländern nicht wohlgelitten sind. In der Türkei gelten sie in den Augen von Erdogans Regierung gar als Staatsfeind Nummer eins.

Deshalb ist einer der interessantesten Aspekte von „Kobane Calling“ die Rückkehr Zerocalcares im Juli 2015 in die Türkei, um diesmal mit vier italienischen Begleitern in den Irak zu gelangen und von dort aus nach Syrien und schließlich Kobane. Denn die erste Reise war da schon zu einem Comic geworden, den der Zeichner auch mit sich führte, um ihn den kurdischen Kämpfern zu zeigen – und prompt wurden diese Hefte vom türkischen Zoll entdeckt und beschlagnahmt. Trotzdem drufte die italienische Gruppe weiterreise – die EU-Pässe schützten sie. Heute dürfte das anders sein; der einzige Schönheitsfehler von „Kobane Calling“ ist, dass die Entwicklung seit dem Putsch in der Türkei im Juli 2016 nicht zumindest als kleiner Textanhang eingearbeitet worden ist, denn etliche Prognosen, die Kurden 2015 gegenüber Zerocalcare gemacht hatten, haben sich leider seitdem bewahrheitet. Der Comic ist ein hervorragendes Beispiel für die Aussagekraft unmittelbarer Anschauung.

Und für die inhaltliche Kraft eines Berichtsstils, der graphisch erst einmal ein paar Hürden bietet (Leseprobe: http://www.avant-verlag.de/comic/kobane_calling). Zerocalcare pflegt einen am Underground orientierten Strich, durchaus durchsetzt mit grotesk-cartoonesken Elementen, und daran muss man sich bei diesem bitterernsten Thema erst einmal gewöhnen. Zeit genug dazu hat man, denn der Comic umfasst 260 textreiche Seiten, und wer nach zwanzig, dreißig davon noch kein Feuer gefangen hat, ist wohl verloren für anspruchsvolle Comicreportagen. Ein brisanteres aktuelles Thema ist jedenfalls seit Joe Saccos Palästina-Reportagen vor zwanzig Jahren nicht mehr Gegenstand von Comicjournalismus geworden, und angesichts des Umfangs von „Kobane Calling“ muss man Zerocalcares Leistung unglaublich nennen: Ein Abstand von nur einem Jahr zum Erlebten (im Falle der italienischen Originalpublikation) ist rekordverdächtig. Da zahlt sich die im Vergleich mit Sacco oder einer Comicreporterin wie Sarah Glidden schlichtere Graphik aus.

Zerocalcare bezieht im Vergleich mit seinen berühmteren Kollegen weitaus eindeutiger politisch Position. Saccos Sympathie für die Palästinenser steht auch nie außer Frage, aber der italienische Zeichner verherrlicht die kurdische Sache geradezu. Zwar wird in „Kobane Calling“ immer wieder die Selbstbefragung der eigenen Objektivität zum Gegenstand, doch die Reportage ist durchzogen und auch getragen von einer revolutionär-emanzipatorischen Romantik, die selbst durchaus sympathisch ist, aber bisweilen auch naiv wirkt. Wobei man es Zerocalcare gar nicht hoch genug anrechnen kann, dass er das Wagnis vor allem seines zweiten Ausflugs eingegangen ist – aus den Kurdengebieten in Syrien, die vom IS wie von den Türken attackiert werden (bisweilen wohl auch in obskurer Zusammenarbeit), gibt es wenig authentische Berichte, und dass es Zerocalcare gelungen ist, bei seiner zweiten Reise bis in die Verstecke der PKK-Kämpfer in den irakisch-iranischen Kandil-Bergen zu gelangen, darf man eine journalistische Sensation nennen. Zumal er dort auch Ceval Bayik alias Cuma sprechen konnte, der seit Abdullah Öcalans Verhaftung 1999 die PKK bei ihrem Kampf gegen die Türkei anführt. Mit den Seiten, die diese Begegnung schildern, sollte sich Zerocalcare wohl besser nicht mehr in der Türkei erwischen lassen.

Auch in diesen Lagern einer Organisation, die weltweit als eine terroristische eingestuft wird – aus feiger Rücksichtnahme auf die Türkei, wie Zerocalcare konstatiert –, findet der italienische Besucher wieder eine vorbildlich emanzipierte Gesellschaft, was sich vor allem im hohen Anteil weiblicher PKK-Kämpfer zeigt. Dass er in den Kandil-Bergen nur eine Frauen-Einheit zu sehen bekommt, stimmt ihn nicht verdächtig, obwohl einiges dafür spricht, dass die PKK genau gewusst hat, womit sie die Begeisterung Zerocalcares erwecken würde. Dass er aber in „Kobane Calling“ dem weitgehend im Westen unbesungenen Kampf der Kurden gegen den IS eine Darstellung verschafft, die geeignet ist, das Verständnis für die Komplexität des Kriegs in Syrien zu vertiefen oder vielleicht gar erst zu wecken, das ist Rechtfertigung genug für diesen Band, den man mit immer mehr Spannung liest, je intensiver man auch Zerocalcare als Chronisten kennenlernt. Ob man seine politischen Urteile teilt, tut nichts zur Sache. Was er an Detailbeobachtungen aus einem gnadenlosen Krieg und einem jahrzehntelang anhaltenden Freiheitskampf zu bieten hat, ist von erschütternder Intensität.

 

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