Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Comicessay wie aus dem Bilderbuch

Wie die Zeit vergeht. Als ich Julia Hoße auf den Titel ihres neuen Comics, „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ ansprach, weil ich mich dabei an Loriot erinnert fühlte („Früher war mehr Lametta!“), antwortete sie, das hätten ihr schon einige Leser gesagt, aber alles ältere. So wird man der eigenen Historizität bewusst, um es mal positiv auszudrücken.

Julia Hoße ist in der Tat jung genug, um Loriot nicht mehr wahrgenommen zu haben. Studiert hat sie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hamburg, Illustration bei Anke Feuchtenberger. Deren Klasse hat sich im letzten Jahrzehnt zu einer der zuverlässigsten Kaderschmieden des deutschen Comics entwickelt, gerade weil immer weniger Anke Feuchtenbergers Stil bei ihren Absolventen sichtbar wird, dafür aber umso mehr ihre Ermutigung für ungewöhnliche Themen und Formen. Das Thema von Julia Hoßes Abschlussarbeit „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ ist nun nicht besonders ungewöhnlich – autobiographische Splitter, familiäre Überlieferungen. Aber die Form ist es dafür umso mehr. Und das Ganze ist eine höchst inspirierende Lektüre.

Es gibt sie bislang allerdings nur im Selbstverlag (teilweise aufgeblättert sehen und auch bestellen kann man es hier: https://juliahosse.com/2017/03/02/in-meiner-erinnerung-war-mehr-streichorchester-2017/), denn auch wenn das Projekt unter den Finalisten des diesjährigen Leibinger-Comicförderpreises war, hat sich noch kein großes Haus dafür gefunden. Vielleicht hält man dort den Band für zu künstlerisch, denn kein Kapitel sieht aus wie das andere. Das aber macht gerade den Reiz aus: Hier wird gezeichnet und gemalt, bisweilen auch auf derselben Seite, ja im selben Panel. Es gibt doppelseitige Einzelbilder und kleinteilige Seitenarrangements. Mal entfallen die Panelumrahmungen, mal nimmt die Erzählung das Aussehen eines Bilderbuches an, dann ist wieder klassische Comicform am Zug, jedoch immer ohne Sprechblasen, dafür aber plötzlich einmal mit Textbändern wie auf mittelalterlichen illuminierten Handschriften. Immer sind die Schriftelemente als dramaturgische Tempomacher eingesetzt: Sie rhythmisieren die wilde Bilderfolge, schaffen durch Aufteilung von Sätzen einmal über mehrere Seiten Zusammenhänge, die die Graphik noch offen lässt, und trennen ein anderes Mal optisch ineinander fließende sequentielle Abfolgen wieder durch unerwartete semantische Zäsuren. Wenn man vom Comic als Bildtextkunstwerk sprechen will, dann hat man hier ein Prachtbeispiel.

Das ungewöhnlichste Kapitel heißt „Die Flucht“, eine Geschichte, die 1944 in Königsberg beginnt und Julia Hoße von ihrer Großmutter erzählt wurde. Diese knapp vierzig Seiten sind das Herz des Comics, auch buchbinderisch. Drum herum gruppieren sich eigene Erinnerungsszenen, nach Auskunft von Julia Hoße oft auf der Grundlage von Viedeoaufnahmen, meist aus der Kindheit, aber am Schluss steht dann eine Erörterung des physikalischen Konzepts der Raumzeit, die den Schlüssel für das ganze Konvolut nachliefert und es auch durch Wiederaufnahme von Motiven neu verzahnt. Ursprünglich sollte der Band übrigens „Zeitlinien“ heißen, aber das war der Autorin dann doch zu abstrakt. Sein Thema ist die Verschiebung des Zeitgefühls, die Legendenbildung in Familien, die Frage, wie man wird, was man ist. Durchs Erzählen und Wiedererzählen.

Was mich aber am meisten an „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ fasziniert, ist eine graphische Verwandtschaft zur Neuen Leipziger Schule. Farben, Formen, Pathos könnten aus Bildern oder Zeichnungen von Neo Rauch entnommen sein, ohne dass aber hier die metaphysische Konnotation seiner Werke eine Rolle spielte. Was Rauch verrätselt, legt Hoße offen – die private Grundierung des Geschehens. Nun ich Neo Rauch kein Comiczeichner, aber ein Künstler, der wiederum von Comics beeindruckt wurde, dem „Mosaik“ von Hannes Hegen, den Geschichten von Daniel Clowes, den „Blake und Mortimer“-Abenteuern von Edgar P. Jacobs. Es wäre interessant zu wissen, ob Julia Hoße sich für die Leipziger Malerei begeistert. Aber ich Trottel frage sie nach Loriot.

 

 

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