Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Geheime Liebe unter dem Mullahregime

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Alle paar Jahre kommt beim Splitter-Verlag ein Comic heraus, der völlig aus dem Rahmen des sonstigen Verlagsprogramms mit der starken Phantastik-Ausrichtung zu fallen scheint. Hier ist wieder mal einer: „Liebe auf Iranisch“. Es klingt kitschig, doch was da erzählt wird, ist ebenso politisch wie emotional. Denn Liebe im iranischen Gottesstaat kann nicht öffentlich gelebt werden, weil die Geschlechter vor der Ehe keinen Umgang miteinander haben sollen. Dass eine Gesellschaft wie die persische, die bis zum Ende der siebziger Jahre neben der libanesischen zweifellos die im westlichen Sinne modernste in der muslimischen Welt war, sich daran nicht hält, versteht sich von selbst. Und heute vermitteln die sozialen Medien auch noch ins verschlossenste Land – was Iran nicht einmal ist – Lebensentwürfe, die mit traditionellen Vorstellungen nur schwer in Übereinstimmung zu bringen sind.

Zwei Autoren nennt der dokumentarische Comic: Jane Deuxard und Zac Deloupy. Letzterer ist der Zeichner, ein solider Graphiker, der im Dokumentargenre gerade international gängigen realistischen Stil zeichnet, wie ihn Joe Sacco oder als deutsches Beispiel Reinhard Kleist betreiben. Allerdings zeichnet Deloupy farbig, du er lässt seine Panels meist rahmenlos: die Kolorierung sorgt für Abgrenzung. In regelmäßigen Abstanden werden ganzseitige Bilder eingestreut, ohne dass dafür zwingende inhaltliche Gründe bestünden. Einen Eindruck der Graphik vermittelt die Leseprobe: https://www.splitter-verlag.de/liebe-auf-iranisch.html. Aber die gewisse Austauschbarkeit des Stils hat sogar ihren Sinn, denn sie vermittelt eine Anonymität des Erzählten, die bei einem stark individuellen Strich nicht plausibel wäre.

Und Anonymität ist ein wichtiger Punkt in „Liebe auf Iranisch“. Denn nicht nur müssen seine Protagonisten natürlich anonym bleiben, auch die Autoren legen Wert darauf, ihre wahre Identität zu verschweigen, um auch zukünftig Iran bereisen zu können. Deshalb haben sie „Jane Deuxard“ als Pseudonym gewählt, obwohl sich dahinter ein Journalistenpaar verbirgt, das gemeinsam recherchiert. Ob es Frau und Mann, zwei Männer oder zwei Frauen sind, ist unbekannt, gezeichnet allerdings werden sie von Deloupy als traditionelles Paar. Das hat auch einige Plausibilität, denn bei den Gesprächen mit jungen Iranern nützt „Jane Deuxard“ die Tatsache, größere Vertrautheit zum jeweils eigenen Geschlecht herstellen zu können – zumindest, wenn man der Darstellung des Comics glaubt.

Und glaubwürdig ist das Buch, den es legt seine Recherchemethoden ebenso offen wie die Notwendigkeiten zu gewissen Veränderungen bei dem, was es erzählt. In der Unmittelbarkeit dessen, was „Jane Deuxard“ berichten, zeigt sich Iran als ein janusköpfiges Land, in dem die städtische Jugend am rigiden Mullahsystem verzweifelt. Und an den eigenen Familien, die bisweilen genauso strikt auf die Wahrung des vorgeschriebenen Anstands achten wie die Revolutionsgarden. Umso bemerkenswerter ist die Schilderung von Liebesverhältnissen, Tricks zur Ermöglichung von Rendezvous oder Repressalien, die daraus resultieren.

Man merkt, dass seit Marjane Satrapis „Persepolis“, jenem Comic, der uns als Erster einen Blick in den familiären Alltag Irans gestattete, bald zwei Jahrzehnte ins Land gegangen sind. Die Generation, die bei Satrapi aufbegehrte, ist die, die nun in die Rollen der Elternrollen der jungen Gesprächspartner von „Jane Deuxard“ geschlüpft sind. Und fortschrittlicher ist die Gesellschaft dadurch nicht geworden. Eher strenger, denn was dieser mittleren Generation fehlt, ist das Erlebnis der vorrevolutionären Zeit unter dem politisch repressiven, aber moralisch vergleichsweise liberalen Schah-Regime. So schreiben „Jane Deuxard“ die iranische Sozialgeschichte fort. Als und im Comic. Bemerkenswert.

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