Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ecce Turing

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Es ist ein Prachtband, man kann es gar nicht anders sagen. Robert Deutsch erzählt die Geschichte des Mathematikers Alan Turing auf derart opulente Weise, dass es kein Wagnis ist, dem Comic größte Aufmerksamkeit, einige Preise und etliche Übersetzungen vorauszusagen. Denn Deutsch denkt seine gezeichnete Biographie von der Doppelseite her: Farbkomposition, Architektur, ja bisweilen gar die Dialogführung nimmt auf sie Rücksicht und schlägt daraus zugleich graphisch Funken. Nicht, weil es sich prinzipiell um doppelseitige Arrangements handelte – auch die gibt es bisweilen –, sondern weil Deutsch auf der rechten Seite erkennen lässt, dass er genau weiß, was er auf der linken ästhetisch und erzählerisch gemacht hat. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die meisten Comiczeichner denken separat von Seite zu Seite, jedenfalls nicht so konsequent im Zusammenhang.

Das gibt dem Band „Turing“ einen eigenen Rhythmus und eine Struktur, die das Doppelleben seines Gegenstands wunderbar abbildet. Turing war ja nicht nur ein bedeutender Mathematiker, den wir heute vor allem seiner Leistungen als Computerpionier wegen kennen (und weil er mitentscheidend dafür war, dass britische Dechiffrierer im Zweiten Weltkrieg den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine „Enigma“ knacken konnten), sondern auch ein den Zeitumständen gemäß zwangsweise verdeckt lebender Homosexueller, dessen Lebenswandel durch einen Zufall 1952 aufflog, worauf der noch nicht einmal Vierzigjährige zu einer Hormonbehandlung gezwungen wurde. Sonst wäre er in Haft gekommen. 1954 brachte Turing sich um. Dass er unter den Folgen der körperlichen Veränderungen durch die erzwungene Behandlung gelitten hat, ist vielfach belegt.

Die Leidensgeschichte Turings stellt bei der Beschäftigung mit seinem Leben die wissenschaftlichen Leistungen oft in den Schatten. Bei Deutsch ist das auch so, über Mathematik, den eigentlichen Lebensmittelpunkt von Alan Turing, erfahren wir in der episodenweise erzählten Biographie wenig. Das hat damit zu tun, dass im Gegensatz zum Reportagecomic der erklärende Sachcomic noch keine große Konjunktur hat, nirgendwo auf der Welt. Typisch sind Serien wie „… für Anfänger“ (man setze hier den Namen einer beliebigen Geistesgröße ein, Einstein etwa, Marx oder Freud), die den Anspruch haben, Komplexes einfach darzustellen, aber dadurch nur die Vorurteile gegen Comics vertiefen, denen man gemeinhin keine anspruchsvollen Stoffe zutraut. Dass die meisten dieser, nennen wir sie: Erklärcomics auch noch denkbar naiv gezeichnet sind, tut ein Übriges dazu.

Naiv gezeichnet ist bei Robert Deutsch gar nichts, auch wenn seine Farben- und Formensprache Anleihen bei der Naiven Malerei nimmt. Im Lichte dessen, dass etwa die berühmte Heidelberger Prinzhorn-Sammlung mit den Kunstwerken von Psychiatriepatienten auch etliche solcher Beispiele enthält, ist das eine konsequente Wahl – Turing wurde ja gezwungenermaßen zum „klinischen Fall“. Dass Robert Deutsch an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Hall bei ATAK studiert hat, ist an vielen Stellen sichtbar, vor allem aber an der beiden Künstlern gemeinsamen Liebe zur scheinbar volkstümlichen, populären Darstellung, die in beider Werk jeweils hochreflektiert verwendet wird. Es ist überraschend, dass eine scheinbar so ähnliche handwerkliche Ausführung trotzdem beim Schüler Deutsch so frisch wirkt (hier kann man sich Seiten daraus ansehen: http://www.avant-verlag.de/comic/turing). Und da ATAK sich seit Jahren von den Comics verabschiedet hat, kommt die Wiederaufnahme seiner Handschrift durch Deutsch gerade recht. Und weil Turing ein bekanntes Faible für Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ hatte, findet man in der gezeichneten Biographie auch zahllose Anspielungen auf dieses Popkulturphänomen – alles so, wie es ATAK gemacht hätte.

Gibt es also gar nichts zu bemängeln? Doch, und paradoxerweise unter dem Stichwort des Phänomens, das gleich eingangs genannt wurde: Prachtband. Dieses Buch, vom Avant Verlag mehr als gewohnt sorgfältig ausgestattet, ist irgendwie zu schön, um wahr zu sein – zu schweres Kunstdruckpapier, zu großformatig, ja bisweilen sogar zu perfekt in der Gesamtüberlegung. Die schiere Makellosigkeit erweckt den Eindruck, dass hier das Schicksal des Protagonisten zu spurlos am Biographen vorbeigegangen ist, so unbeeindruckt vom menschlichen Drama zeigt sich dieser Comic. Ein Kunstwerk eben, aber ein Mensch ist eben immer noch viel mehr als das. Doch wenn Robert Deutsch bei seinem nächsten Band auch noch so viel Bewegung ins eigene Erzählen bringt wie jetzt schon mit diesem Erstling in die deutsche Comicszene, dann werden wir uns noch umschauen.

 

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  1. Schulstoff
    Ist Turing eigentlich inzwischen Schulstoff? – Verstehen, was einen Computer ausmacht und was Künstliche Intelligenz; dass und wie jemand wesentlich dazu beigetragen hat, den 2. Weltkrieg zu gewinnen (oder auch nur deutlich zu verkürzen); dann aber trotzdem wegen Homosexualität quasi hingerichtet wurde. Welch Drama, welch weites Feld bietet die Beschäftigung mit dem bedeutendsten Engländer des 20. Jahrhunderts. Gerne auch anhand eines guten Comics.

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