Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Jede Familie war auf ihre Weise mutig

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Vor acht Jahren erschien „Drüben!“ von Simon Schwartz, ein autobiographischer Comic über die Schikanen gegen eine Familie, die in den achtziger Jahren ihre Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik beantragt hatte. Der Band kam zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls heraus und erregte Aufmerksamkeit – Simon Schwartz, geboren 1982, etablierte sich seitdem als einer der wichtigsten deutschen Comiczeichner seiner Generation. In diesem Jahr steht kein Mauerfall- oder Wiedervereinigungsjubläum an, und dennoch erscheint nun „Fortmachen“, ein autobiographischer Comic von Nils Knoblich über die Schikanen gegen eine Familie, die in den achtziger Jahren ihre Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik beantragt hatte. Was ist daran anders als „Drüben!“?

Zunächst das individuelle Schicksal trotz allen Ähnlichkeiten beim Leben im Fokus der Staatssicherheit. Schon der Zeitpunkt der jeweiligen Ausreise – die natürlich erst Jahre nach dem eigentlichen Antrag erfolgte – ist bezeichnend: April 1984 bei der Familie Schwartz, Juli 1989 bei der Familie Knoblich. Im letzteren Fall also gerade einmal vier Monate vor dem Mauerfall, weshalb sich die Knoblichs für einen Moment von der Weltgeschichte betrogen vorkommen: Haben sie doch alles aufgegeben, während nun jeder über die Grenze gehen könnte. Doch das Schlussbild ist eines der stillen Freude der ganzen Familie über diese Entwicklung, ein mehr als privater Triumph.

Simon Schwartz dagegen lässt seinen Comic mit der Ankunft in West-Berlin enden, seiner ersten bewussten Erinnerung, wie er schreibt. Das ist ein persönlicher Triumph, der aber notgedrungen privat bleibt, denn die DDR sollte ja noch fünf Jahre fortbestehen. Und „Drüben!“ rekonstruiert das Leben dort vor der Ausreise gerade nicht über eigene Erinnerungen, sondern mittels der Erzählungen der Eltern. Es ist ihre Geschichte, die Schwartz erzählt, während Knoblich, der bei der Ausreise seiner Familie fünf Jahre alt war, auch die eigenen Kindheitserinnerungen an die DDR zum Gegenstand macht, obwohl sie erst 1989, also kurz vor der Ausreise, einsetzen. Wo Schwartz alles auf die erste eigene Erinnerung zulaufen lässt, setzt Knoblichs Comic mit dieser ein. Es ist eine graubraune Erinnerung an eine ostdeutsche Grillstube voller bedrohlicher Gäste, und vor dort springt die Handlung in eine freundlich-bunte Gegenwart, wo sich Knoblich von seinen Eltern erzählen läst, wie es in der DDR gewesen ist.

Er macht in „Fortmachen“ also die Rekonstruktion der Ereignisse zum Gegenstand des Erzählens, was Schwartz nicht getan hatte. „Fortmachen“ geht auf diese Weise weit über die eigentliche Ausreise hinaus und berichtet auch, wie die Familie seitdem lebt: denkbar glücklich, zumal es bei den Knoblichs nicht zu dem innerfamiliären Bruch kam, den die Schwartz erleiden mussten, bei denen ein Großelternpaar sie in ihrem Entschluss, das Land zu verlassen, bestärkte, das andere diese Vorstellung dagegen unmöglich fand. In den wenigen Passagen, die Simon Schwartz den Jahren nach der Ausreise widmet, ist diese unversöhnliche Familiensituation Thema, während Nils Knoblich eine mit sich im Reinen befindliche Sippe porträtieren kann. Ein Onkel, der sie noch in der DDR als „Vaterlandsverräter“ beschimpfte, spielt nur eine winzige Rolle.

Die Gegenwartsszenen in „Fortmachen“ sind in anderem Stil gehalten als die Rückblicke in die DDR: Nicht nur die Farben sind heller (Schwartz legte „Drüben!“ ganz schwarzweiß an), auch die Panels stehen in luftigem Abstand zueinander, während die DDR-Bilder unmittelbar aneinandergrenzen, als könnten sie ihrem Kontext nicht entkommen (Leseprobe: https://www.editionmoderne.ch/de/68/Knoblich/315/fortmachen.html). Auch die Figuren sind in den Gegenwartsszenen leichthändiger gestaltet, wie Cartoon-Protagonisten. Wobei Knoblichs Stil sich auf beiden Zeitenebenen vor allem an den dokumentarischen Comics von Guy Delisle orientiert – kein schlechtes Vorbild. Schwartz orientierte sich graphisch vor allem am „Mosaik“, dem ostdeutschen Comicrelikt, das er selbst erst nach der Wende kennenlernte, als er dort seine ersten kommerziellen Gehversuche als Zeichner machte.

Beide Bände sind Diplomarbeiten: Schwartz studierte in Hamburg an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften bei Anke Feuchtenberger, Knoblich an der KUnsthochschukle Kassel bei Hendrik Dorgathen. Beide sind bei namhaften Verlagen erschienen, „Drüben!“ bei Avant, „Fortmachen“ bei der Edition Moderne. Im letzteren Band gibt es neben den knapp 170 Seiten Comic noch ein kleines Glossar, in dem man Erläuterungen zu Terminologie und Alltagsleben in der DDR findet. Das ist eine weitgehend überflüssige Ergänzung, denn die dort aufgeführten Stichworte werden schon von der eigentlichen Geschichte deutlich gemacht. Aber vielleicht empfindet ein Schweizer Verlag eine solche Ergänzung für notwendiger, als es ein deutscher getan hätte.

Was beide Comics deutlich machen, ist die Perfidie der Behörden und der psychologische Terror für die Ausreisewilligen über Jahre des Wartens hinweg. Zugleich aber erzählen beide auch von dem Rückhalt durch Freunde oder Verwandte, die sich nicht abwendeten und das Leben somit doch noch erträglich machten. Und beide erzählen ohne jedes falsche Pathos vom Moment der Befreiung, wenn die innerdeutsche Grenze dann endlich passiert war. Doch all diese Gemeinsamkeiten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es kein Schema gab, sondern alle Ausreisewilligen einen Einzelkampf führen mussten. Deshalb ist gut, dass es nun einen zweiten Comic zum Thema gibt. Und weitere würden nur zu willkommen sein.

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