Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ohne Duschkopf? Wie soll das gehen?

Wer die höchstdotierte deutsche Comicauszeichnung gewinnt, darf auf Neugier rechnen. Die Berliner Zeichnerin und Erzählerin Tina Brenneisen ist vor drei Monaten mit dem Berthold-Leibinger-Comicbuchpreis ausgezeichnet worden – wie es sich bei diesem Wettbewerb gehört, für ein noch unvollendetes Projekt: den autobiographischen Comic „Das Licht, das Schatten leert“. Er erzählt von einem einschneidenden persönlichen Erlebnis, so einschneidend, dass noch ganz unklar ist, ob der Comic jemals erscheinen wird. Umso gespannter war ich auf den nun gerade publizierten Band „Das gelbe Pony“, den Tina Brenneisen wie immer im Berliner Eigenverlag Parallelalllee herausgebracht hat.

Darin ist auf den ersten Blick nichts autobiographisch; der Ich-Erzähler ist ein Mann namens Henry, der allein in einer Hochhaussiedlung einer nicht namentlich genannten deutschen Stadt lebt. Auch die Zeit der Handlung ist weitgehend unbestimmt, denn man hat es mit einer Gesellschaft zu tun, in der die Produktion von Duschköpfen ausbleibt. Jedenfalls kann Henry keinen auftreiben, nachdem er in seine neue Wohnung eingezogen ist, der just dieser Gegenstand fehlt. Man könnte also auf den Gedanken kommen, die Handlung spielte in der DDR (Brenneisen, geboren 1977, stammt aus Dresden), doch das erweist sich rasch als Trugschluss, denn alles andere in „Das gelbe Pony“ unterscheidet sich nicht von der deutschen Gegenwartsgesellschaft. Die Duschkopfknappheit ist ein erzählerischer Trick, um die Handlung in Gang zu bringen; sie bietet darüberhinaus keine Botschaft.

Über den Mangel kommt Henry ins Gespräch mit seinem Nachbarn, einem etwa gleichalten allein lebenden Vater von zwei Töchtern, der eine skeptische Haltung gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft pflegt. Deshalb ist er gerne bereit, den eigenen Duschkopf zu sozialisieren: Zwei Tage in der Woche wird er abgeschraubt und Henry zur Verfügung gestellt. Die beiden Männer freunden sich an und beginnen alternative Lebensmodelle zu entwickeln, vor allem was die Energieerzeugung angeht. Doch die Stromerzeugung mittels Fahrradantrieb reicht nicht für eine ganze Wohnung. Die längst verschworenen Gefährten interessiert es nicht. Sie sehen auch in kleinen Maßnahmen große Erfolge.

Ein Aussteigercomic also, Entwurf einer Gesellschaftsalternative? Nein, eher ein großes Schelmenspiel. Das sieht man schon an der Person von Henry, der mit seinen Pausbacken und untersetztem Körperbau wie aus einer Bildergeschichte von F.K. Waechter entsprungen scheint – und das ist eines der größten graphischen Komplimente, die man machen kann. Dazu trägt die konsequente Tuschtechnik bei nur einer blassgrünen Zusatzfarbe bei (Leseprobe, wen auch sehr spärlich, unter https://www.parallelallee.de/), und auch die jeweils paarweise Anordnung der Panels nebeneinander auf einer Seite lässt an die Neue Frankfurter Schule denken. Zusätzlichen Reiz ergeben die abgerundeten Ecken der Bildumrahmungen, die sich ganz zum Schluss als dramaturgischer Kniff erweisen, denn damit wird ein Fernsehbildschirm suggeriert. Dazu aber nicht mehr, denn es würde eine Überraschung mindern. Nur soviel: Wenn man dann die Bilder als einen Filmbeitrag deutet, verweist das Blassgrün auf eine frühere Technikperiode und macht damit die Geschichte zu einer Art Science-Fiction in naher Zukunft.

Es ist aber auch eine Don-Quijote-Paraphrase, was sich ebenfalls erst spät erweist, als Henry davon träumt, wie er und sein Nachbar lanzenbewehrt auf Rädern hinausfahren und Großwindanlagen angreifen. Dieses Motiv hat sich schon der „Don Quijote“-Adaption von Flix gefunden, nur ist es hier als bloße Phantasie inszeniert und zudem eine unerwartete Wendung, die aber das Vorhergehende in neues Licht setzt. Tina Brenneisen verleiht ihrer Geschichte eine mindestens dreifachen Bildsinn.

Der Titel lässt nicht ahnen, was uns bei der Lektüre erwartet. Tatsächlich tritt das gelbe Pony in diesem grünen Comic auch erst sehr spät auf: in Gestalt eines ausrangierten Karussellpferds, das Henry mit nach Hause bringt. In seiner Begeisterung für die Figur liegt der Keim für eine soziale Isolation, die aber auch nur sichtbar macht, was vorher schon bestand. Stimmung und Handlung haben vorher schon alle Charakteristika von Henry vorweggenommen. Was die Lektüre hinzufügt, ist die Erkenntnis, was man zugunsten einer geradlinigeren Interpretation alles an psychologischer Disposition übersehen hat.

Ein einziges Mal bricht Tina Brenneisen in der Haupthandlung ihr strenges Bilderpaarschema auf und baut eine rein schwarzweiße Einzelzeichnung von Henry ein, der das Duschkopfproblem in Marke Eigenbau gelöst hat. Die Massivität der völlig unverhältnismäßig aufwendigen Installation kommt durch dieses mehr als seitenfüllende Panel (es erstreckt sich bis in die benachbarte linke Seite hinein und greift auch noch auf die folgende Rückseite aus, wo es aber nur den Hintergrund für die wiedereinsetzende Zweiersequenz bietet) perfekt zum Ausdruck. Diese denkbar simple, aber desto ungewöhnlichere Lösung wird durch den einmaligen Einsatz doppelt eindrucksvoll. Es gibt nur noch einen weiteren Bruch: den von der Haupthandlung zum Epilog, über den ja nichts weiter verraten sein soll.

Dieser Comic ist inhaltlich und ästhetisch aus der Zeit gefallen, und gerade deshalb ist er ein bemerkenswertes Beispiel für Originalität. Hier wird kein populäres Thema gesucht, kein gefälliger Stil adaptiert – alles ist höchstpersönlich und somit doch wohl autobiographischer, als man meinen sollte. Aus einem Comic wie „Das gelbe Pony“ lernt man, wieder neu zu schauen, die bewährten Lektürerezepte aufzugeben, sich überraschen zu lassen. Er ist von der Ruhe des Gegenstands und der Erzählhaltung her das Gegenteil von „Das Licht, das Schatten leert“. Und doch spürt man eine tiefe Verwandtschaft, die über die reine Identität der Autorin hinausgeht. Plötzlich liest man auch den prämierten Comic nicht mehr als Eins-zu-eins-Schilderung des Lebens von Tina Brenneisen. UN das mag wiederum die Chance, das man ihn über den Wettbewerb der Leibinger-Stiftung hinaus zu Gesicht bekommen wird, erhöhen. Es wäre ein weiterer Gewinn.

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