Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wenn es die Sprache verschlägt

| 0 Lesermeinungen

„Paysage après la betaille“ (Landschaft nach der Schlacht) wurde im Januar auf dem Comicfestival von Angoulême, dem größten seiner Art in Europa, als bester Comic ausgezeichnet. In dem halben Jahr seitdem hat sich bei mir nicht den Eindruck gebildet, dass der Band in absehbarer Zeit auf Deutsch erscheinen wird – obwohl der Übersetzungsaufwand trotz mehr als vierhundert Seiten gering wäre. Text gibt es nämlich nur wenig, und doch hat der belgische Zeichner Eric Lambé zum wiederholten Mal mit dem Szenaristen Philippe de Pierpont zusammengearbeitet. Aber ein Comic-Szenarist hat eben andere Verpflichtungen, als bloß die Dialoge für Sprechblasen oder etwaige Off-Kommentare in Textkästen zu schreiben.

Er muss – und das zeigt sich in „Paysage après la bataille“ vorbildlich – auch die graphische Sprache vorformulieren. Sprich: Seitenarchitektur und womöglich gar Einzelpanelgestaltung vorgeben. Nicht jeder macht das so akribisch wie der Brite Alan Moore, der seine (exzellenten) Zeichner zu bloßen Sachwaltern der eigenen strukturellen Visionen macht – notabene: nicht Moores zeichenstilistischen Vorlieben. Pierpont ist ein Autor, der auch denkbar eng mit seinen Zeichnern zusammenarbeitet, ihnen jedoch Freiheiten lässt. Sonst könnten so unterschiedliche Künstler wie Lambé und der Italiener Stefano Ricci es nicht beide mit ihm aushalten.

Lambé ist dabei zweifellos leidensfähiger. Vor ein paar Jahren habe ich ihn in Luzern mehrfach beobachtet, als er dort als Gast des Comicfestivals „Fumetto“ täglich öffentlich zeichnete: Mit akribischer Präzision und größter Ruhe zog er die für ihn damals typischen Kugelschreiberlinien, aus deren Vielzahl sich eine ganze eigene Ästhetik ergab, die Lambé berühmt gemacht hat (weil Bilder bisweilen besser sprechen als Worte, hier ein paar Beispiele aus einer Galerieausstellung: http://www.galeriemartel.com/index.php/les-expositions/eric-lambe). Davon ist allerdings in „Paysage après la bataille“ nichts mehr zu sehen. Hier ist Lambé nun ganz auf schlichte Kontur bedacht, die durch Lavierung in Grau- und ganz selten auch Farbtönen, mehr aber noch durch jene Momente, in denen einzelne Figuren innerhalb ihrer Umrisse ganz weiß bleiben, zu einem Ausdruck findet, der bei aller Zurückhaltung der Erzählhaltung größte Erzählintensität vermittelt. Die Leseprobe des Künstlerkollektivs Frémok, dem Lambé angehört, zeigt aus dem Band vor allem diese Seiten: http://www.fremok.org/site.php?type=P&id=313, während der Verlag Actes Sud bezeichnenderweise auf farbige Beispiele setzt: http://www.actes-sud.fr/catalogue/actes-sud-bd/paysage-apres-la-bataille.

In Luzern gibt es mitten in der Stadt ein großes historisches Panorama, und just in einem solchen gewaltigen Rundgemälde geht auch „Paysage après la bataille“ los. Die Schlacht des Titels ist der Gegenstand des 360-Grad-Gemäldes, vor dem eine einsame Frau steht, bis der Wärter sie abends hinauskomplimentiert. Sie ist ersichtlich eine Geschlagene. Metaphorisch verweist der Buchtitel auf die Verwüstungen und die Stille nach einem entsetzlichen Erlebnis.

Die Frau, Fany mit Namen, hat kürzlich ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren. Aber das erfährt man erst mehr als hundert Seiten später, und ausgesprochen wird es nicht, nur gezeigt in Erinnerungsbildern, die sich in Fanys Kopf ausgehend von Details des Schlachtenpanoramas bilden. Da lebt sie schon in einem Wohnwagenpark, als Mieterin zusammen mit dem Betreiber und drei weiteren Dauergästen: einem Rentnerpaar in prekären finanziellen Verhältnissen und einem Holzfäller mit großer Leidenschaft fürs Jagen. Stück für Stück gibt die Geschichte Details zur Vorgeschichte dieser insgesamt fünf Protagonisten preis; die meisten davon wieder nur über Bilder statt über die nur mühsam in Gang kommenden Gespräche.

Hier wird die Piktogrammatik des Comics auf konsequente Weise eingesetzt. Dass selbst subtilste psychologische Dramen nahezu stumm – und damit besonders passend zur Ausnahmesituation von Fany – erzählt werden können, beweisen Pierpont und Lambé aufs Eindrücklichste. Dass die Welt der Wohnwagenparks in Deutschland ebenso wenig verbreitet ist wie das Prinzip des Schlachtgemäldepanoramas dürften Ursachen für das bisherige Desinteresse hiesiger Verlage an diesem Meisterwerk sein. Ein Trost ist es nicht. Aber ein Trost ist, dass man auch bei geringen französischen Sprachkenntnissen kaum Schwierigkeiten mit der Lektüre haben wird, ein Wörterbuch genügt als Hilfe. Und das Erlebnis dieses Bandes sollte man sich nicht entgehen lassen.

1

Hinterlasse eine Lesermeinung