Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Schaut doch mal woanders hin als in den Spiegel

Bisweilen braucht die Lektüre von Comics ihre Zeit. Nicht, weil sie im Einzelfall so aufwendig wäre sondern weil sich nach bestimmten Ereignissen die neuen Bände stapeln und manchmal schon neuen bücherbringende Ereignisse eintreten, bevor man die Titel des letzten geschafft hat. So war im Fall der diesjährigen Leipziger Buchmesse, die jetzt schon viereinhalb Monate zurückliegt, ohne dass ich alle Comics gelesen hätte, die ich dort erworben habe.

Erworben auf einer Buchmesse? Oh ja, in Leipzig gibt es Kaufmöglichkeiten, nicht nur in den eigens eingerichteten Messebuchhandlungen, wo man doch nur bekommt, was auch jedes bessere normale Buchgeschäft zu vorrätig hat oder zumindest rasch besorgen kann, sondern vor allem im Kreativ-Bereich der sogenannten Manga-Comic-Con, also des höchst erfolgreichen Comicteils der Leipziger Messe. Seit sie in Halle 1 residiert, ist dort Platz genug für etliche Reihen mit kleinen Standflächen, für die sich Privatleute bewerben können – natürlich nicht irgendwelche, sondern deutsche Mangaka, also Mangazeichner und vor allem -zeichnerinnen (wie die Erfahrung zeigt). Und deren individuell gestaltete Ministände sind wahre Fundgruben für Nachwuchscomics.

Oder besser: Sie waren es, denn mittlerweile haben Lotterieangebote und Einzelzeichnungen deutlich zugelegt, während die Zahl von Fanzines oder gar vollwertigen eigenproduzierte Comics zurückgegangen ist. Dennoch geht man reich beladen aus den Hallen, und dann fehlt die nötige Lesezeit. Bis die etwas ruhigeren Sommermonate kommen. Und wie es der Zufall wollte, war das erste Buch, das ich dann aus dem Stapel zog, eines, das auch schon einen Verlag gefunden hatte – wenn auch einen kleinen, Pyramond.

Es heißt „Miki’s Mini Comics“ und wurde gezeichnet von der deutsch-japanischen Mangaka Mikiko Ponczeck, die schon zu den Etablierten ihrer Szene gehört. Ihre Mini-Comics haben Umfänge von einer bis zu vier Seiten im klassischen Mangaformat, sind allerdings farbig und dokumentieren das Privatleben der in Düsseldorf lebenden Zeichnerin, die im Netz vor allem unter ihrem Künstlernamen Zombiesmile bekannt ist (viel zu sehen von ihr, darunter auch etliche Mini-Comics, ist hier: http://zombiesmile.deviantart.com/). Entstanden sind die knapp fünfzig Episoden in den vergangenen sieben Jahren, wobei sich der Stil von Mikiko, wie sie als Autorin hier firmiert, in dieser Spanne nicht mehr groß verändert hat: Es ist eine typische Zeitungs-Strip-Ästhetik mit dem ebenso typischen Manga-Einschlag (expressive Gestik, bewusste Kindlichkeit der Figuren), wobei hier nicht japanische Leserichtung, sondern traditionell westliche Aufmachung herrscht.

Verführt zum Kauf hatte mich die sehr professionelle Gestaltung des Bandes und die Aussicht auf einen deutsch-japanischen Funny – ein eher seltenes Phänomen in der hiesigen Mangaszene, die sich meist mit Abenteuer- oder Romance-Themen beschäftigt. Die Katze auf dem Titelbild hätte mich fast wieder abgeschreckt, andererseits sind Haustiere Garanten für humoristische Stoffe, also sah ich über die denkbar populäre Wahl hinweg. Und dass Mikiko offensichtlich Katzennärrin ist, kann man ihr ja nicht übelnehmen. Mich reizte ja gerade die Authentizität des Erelbten im Gewand eines Gag-Strips.

Nur fiel dann das Resultat leider nicht so komisch aus, wie erhofft. Die Erfahrung, dass gefällige Graphik über schwache Stoffe zunächst einmal hinwegtäuscht (zumindest beim Kauf), macht man beim Comic oft. Bilder erfassen wir schneller als Texte, du deshalb können sie auch zuverlässiger locken, aber die Qualität einer Geschichte bleibt der zentrale Faktor, so dass die Enttäuschung dann umso größer sein kann. Ich will bei „Miki’s Mini Comics“ nicht von Enttäuschung sprechen, aber schon von einer Diskrepanz zwischen Form und Inhalt. Die Professionalität der Zeichnungen hat kein Äquivalent in der Komplexität des Erzählten.

Das hat seinen Grund nicht darin, dass Mikiko nichts zu erzählen hätte. Jedes Leben bietet Stoff für zahlreiche Geschichten. Das Problem ist, dass hier genauso erzählt wird, wie man es auf sozialen Medien tut: über das Banalste und Belangloseste, solange es nur schnell zu erzählen ist und im Idealfall nette Bilder liefert. Autobiographie, so man sie gelungen nennen soll, ist aber viel mehr als einfach immer nur „ich, ich, ich“. Es ist eine Haltung, eine Erkenntnis, eine Weltdeutung, um es leicht pathetisch zu sagen. Das, was mich als Leser wirklich interessierte, nämlich der individuelle Blick des Autobiographikers (im Fall von Comics ist dieses leicht bemühte Wort denn doch angebracht) auf seine Umgebung, wird in der gängigen Praxis meist abgelöst durch den stetigen Blick auf sich selbst, als ob es nichts anderes mit anderen zu teilen gäbe als ebendas. Und so verhält es sich auch bei „Miki’s Mini Comics“.

Der Leipziger Stapel ist noch einigermaßen umfangreich, aber ein eiliger Blick nach dieser Lektüre erweist, dass auch die meisten anderen Erwerbungen genau diesem Schema folgen: Selbstbespiegelung statt selbst zu betrachten. Es mag ein Altersphänomen sein, denn die meisten Mangaka im Kreativbereich sind jung, am Beginn ihrer erhofften Karriere als Zeichner, und natürlich hat man da außer sich selbst oft noch keinen Gegenstand. Doch wir alle haben Augen und Ohren. Sie sollten anderes ansehen und anderem zuhören als uns selbst.

 

 

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