Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Trudeau vs. Trump (aber anders als gedacht)

Nein, nicht Justin Trudeau, also nicht der kanadische Ministerpräsident. Aber durchaus Donald Trump, also der amerikanische Präsident. Gegen Gary Trudeau, den amerikanischen Comic-Strip-Veteran, der seit 1970, also fast einem halben Jahrhundert täglich seine Serie „Donnesbury“ zeichnet, die das fortgesetzt hat, was Frank King mit „Gasoline Alley“ in den späten fünfziger Jahren aufgeben musste: eine Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten am Beispiel einer kleinen Gruppe. Aber jetzt haben wir viel in einen einzigen Absatz gepackt, also noch einmal ganz langsam von vorne.

„Doonesbury“ ist eine Comiclegende zu Laufzeiten. Als politischer Comic-Strip steht Trudeaus einzig dar. Und wie es der Zufall will, decken die 47 Jahre des Strips ungefähr auch die Karriere Donald Trumps ab. Aufgetaucht ist der Milliardär in Trudeaus Episoden aber erst 1987, als er erstmals ankündigte, für das Amt des amerikanischen Präsidenten zu kandidieren. Seit damals hat er es alle vier Jahre wieder getan, allerdings ohne dass er tatsächlich zu den Vorwahlen der Republikaner angetreten wäre – bis 2016. Und eben in diesem Jahr 2016, als kaum jemand damit rechnete, dass Trump es zum republikanischen Kandidaten, geschweige denn zum Präsidenten bringen würde, brachte Gary Trudeau einen Band heraus, der alle Folgen von „Doonesbury“, in denen Trump seit 1987 aufgetreten oder zumindest erwähnt worden war, als Sammelband heraus. „Yuge!“ heißt das Buch im Original. Nun ist es auch auf Deutsch (beim Splitter Verlag, Leseprobe: https://www.splitter-verlag.de/trump-eine-amerikanische-dramoedie.html) erschienen und der Titel schlichter geworden: „Trump!“ Untertitel, entsetzlich albern: „Eine amerikanische Dramödie“.

Der stammt gewiss nicht von Gerlinde Althoff, die für deutsche Comic-Übersetzungen aus dem Amerikanischen das ist, was Trudeau für den Comic-Strip: altmeisterlich im besten Sinne. „Doonesbury“ hat sie schon das eine oder andere Mal übersetzt, wobei es auf Deutsch vor „Trump!“ nur wenige Einzelbände gab. Das macht die Übersetzungsaufgabe eher noch kniffliger, weil das Ensemble von Trudeau sich über Jahrzehnte kontinuierlich entwickelt hat und jede Auslassung das Verständnis. gefährdet. Deshalb ist es gut, dass der Splitter-Mitarbeiter Sven Jachmann ein Vorwort verfasst hat (wenn auch etwas großtönig) und es eine bebilderte Zusammenstellung aller wichtigen Figuren gibt, die im Band auftreten. Deutsche Leser brauchen das, und auch die gelegentlichen Fußnoten zu nicht allgemeinbekannten Americana sind – so hässlich sie auch aussehen – sinnvoll.

Also ein gut gemachter Band, zudem mit dem Vorzug, dass wir nun wissen, was aus Trump geworden ist: der Präsident. Während Trudeau damit vor einem Jahr, als das Original erschien, erkennbar nicht rechnete, wie man den im ersten Halbjahr 2016 erschienenen Episoden anmerkt, die den Abschluss bilden. So liest man seinen Spott heute mit Melancholie, was eine seltsame, aber reizvolle Haltung ist, denn „Doonesbury“ ist sarkastisch, zornig, bösartig, aber gewiss nicht melancholisch gemeint. Es schadet aber dem Lesevergnügen nicht. Es beweist nur, dass gegen Trump selbst Comicgötter vergebens kämpfen.

Und ein Comicgott ist Trudeau, weil er in „Doonesbury“ die amerikanischen Zeitläufte auf eine Art abbildet, wie es zuvor im Comic eben nur „Gasoline Alley“ gemacht hatte (von 1918 an, also „nur“ vierzig Jahre lang). Bei Frank King war eine Familie die Folie für die Chronik, bei Trudeau ist es ein Freundeskreis. Beide Serien haben gemeinsam, dass die Figuren in Echtzeit altern, was die Sozialstudie noch bemerkenswerter macht, weil dadurch die Perspektiven wechseln. Und beide Serien bilden auch die politischen Rahmenbedingungen ab: Das Personal von „Gasoline Alley“ wie das von „Doonesbury“ zog in den Krieg und an die Wahlurnen. Allerdings lässt Trudeau prominente Politiker auch auftreten; seine Protagonisten gehören teilweise sogar zu deren engstem Umkreis.

Bedauerlich ist natürlich, dass die im Verlauf des letzten Jahres erschienenen Trump-Folgen aus „Doonesbury“ für die deutsche Ausgabe nicht einfach noch ergänzt wurden, aber das hätte den Umfang des Bandes von nun schon 111 Seiten gewiss noch einmal um die Hälfte vermehrt. Denn natürlich kommt Trudeau derzeit um Trump nur noch selten herum. Dass es Jahre gab, in denen er gar nicht im Strip auftrat, beispielsweise von 2012 bis 2014, ist mittlerweile unvorstellbar. Aber es macht großen Spaß zu sehen, wann Trudeau den verabscheuten Unternehmer jeweils wieder aus der Versenkung holte. So wie es einmal reizvoll sein wird, ihn wieder in der Versenkung verschwinden zu sehen. Aber das wird wohl noch ungebührlich lange dauern.

Trump hasst Trudeau, und umgekehrt verhält es sich genauso. Entsprechend hässlich zeichnet Trudeau seine Trump-Figur, aber er beweist mit ihr zugleich größtes karikaturistisches Geschick, was für „Doonesbury“ eher untypisch ist, denn darin treten zwar viele reale Berühmtheiten auf, aber meist in allegorischen Darstellungen. Trump aber wird nur das bereits wie eine Karikatur wirkende Original gerecht, und dessen superlativistische Sprache hat Trudeau auch getreu in den Comic übernommen. Deshalb „Yuge!“ als Originaltitel. Die Selbstbeweihräucherung ist noch vor der Selbstgerechtigkeit und Selbstverliebtheit des heutigen Präsidenten dessen von „Doonesbury“ meist veralberter Charakterzug.

Warum einmal der chronologische Ablauf des Nachdrucks unterbrochen wird und einmal das Datum einer Sonntagsfolge fehlt (die länger sind als die Werktagsfolgen, leider meist auch weniger brillant), ist rätselhaft. Das man das Format vom Quadrat des Originals durch graphische Mätzchen (die sich Seite für Seite wiederholen) auf ein für deutsche Verhältnisse gängiges Hochformat aufgeblasen hat, ist bedauerlich. Dass dieser 37. Band von „Doonesbury“ der einzige auf Deutsch derzeit lieferbare ist, darf man einen Skandal nennen. Aber gut, dass es jetzt immerhin diesen einen gibt. Man könnte noch zu ganz anderen Persönlichkeiten der amerikanischen Zeitgeschichte weitere zusammenstellen. Nur würden die sich wohl geehrt fühlen, statt sich wie Donald Trump darüber zu ärgern. Für Letzteres gibt es einige Belege im Buch. Und das dürfte Trudeau zumindest ein bisschen darüber hinwegtrösten, dass er Trump nun dauern auftreten lassen muss.

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