Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Familienschicksal unter der Junta

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Ein bisschen leiser hätte der Avant Verlag schon sein können. Nacha Vollenweider, so verkündet er, erfinde mit ihrem Buch „Fußnoten“ nebenbei ein neues Genre: den Comic-Essay. Wenn das, was „Fußnoten“ bietet, typisch dafür sein soll, dann haben wir diese Form schon etliche Male gelesen: bei Jean Christoph Menu oder Edmond Baudoin, um zwei Franzosen zu nennen, bei Chester Brown und Robert Crumb, um einen Kanadier und einen Amerikaner zu nennen, bei Igort, um einen Italiener zu nennen, und vermutlich fielen uns noch ein paar frühere Comic-Essayisten mehr ein. Aber brauchen wir dieses neue Genre überhaupt?

Gerne, wenn dabei so gute Geschichten herauskommen wie „Fußnoten“. Wobei das essayistische Element darin vernachlässigbar ist. Der literarische Versuch, wie ihn Montaigne mit seinen „Essais“ vor einem halben Jahrtausend in die Literaturgeschichte einführte, ist ein Mittelding zwischen Sachtext und persönlicher Ausführung. Wichtig ist dabei das geistige Herantasten an den thematischen Gegenstand – darum nannte Montaigne seine Texte ja „Essais“ (eben Versuche), als Bescheidenheitsgeste, Anspruch auf Begriffsklärung erhoben diese Texte nicht. Was Nacha Vollenweider in „Fußnoten“ liefertt, ist dagegen eine autobiographisch grundierte Fallschilderung. Und wenn es denn unbedingt ein neues Genre sein soll, dann nennen wir es doch auch einfach so, wie die junge  argentinische Zeichnerin es tut: Fußnoten. „Anotación“ wäre doch ein grandioser neue Genrebegriff.

Warum heißt der Band aber überhaupt so? Weil er sechs Erinnerungen der Ich-Erzählerin Nacha Vollenweider näher erläutert, jeweils visuelle Reminiszenzen an ihre Jugend in Argentinien. In der Rahmenhandlung fährt die1983 in Rio Cuarto (Provinz Córdoba) geborene, aber schon seit Jahren in Hamburg lebende junge Frau mit dem Öffentlichen Nahverkehrssystem durch die Hansestadt. Ihre Lebenspartnerin steigt zu , und aus den Gesprächen, Begegnungen und Beobachtungen während der Fahrt ergeben sich die sechs Rückblicke, die durch Zahlenfelder in den jeweiligen Panels markiert sind, um dann im Anschluss in eigenen Kapiteln erläutert zu werden. Die sechs Fußnoten zum eigentlichen Geschehen sind weitaus umfangreicher als dieses selbst; das sonst übliche Verhältnis wird also umgedreht: Die Fußnoten dominieren, die argentinische Vergangenheit ist wichtiger als die Hamburger Gegenwart. Das stimmt gleich doppelt: Jede Gegenwart wird von der Vergangenheit geprägt, und das, was Nacha Vollenweider erzählt, ist – leider – von großer historischer Bedeutung.

Es ist die Geschichte ihrer Familie in den Jahren der Militärdiktatur, also der Zeit vor Nacha Vollenweiders Geburt. Naturgemäß kann sie über Personen wie den 1977 verschleppten und seitdem verschwundenen Onkel Ignacio nur erzählen, was ihr wiederum die Verwandten berichtet haben und was die in der Familie überlieferten Zeugnisse dieses nur achtundzwanzigjährigen Lebens hergeben, aber gerade dadurch, dass Nacha Vollenweider assoziative Anknüpfungspunkte wählt, sind auch solche kleinen Episoden genau passend. Man vermisst nicht den großen Überblick, und wie sollte man ihn angesichts von Tausenden Toten und noch viel mehr Gefolterten auch liefern? Bis heute sind viele Verbrechen der Junta und ihrer Schergen nicht aufgeklärt. Niemand weiß etwa, was aus Onkel Ignacio geworden ist.

An diese Unkenntnis lässt sich wiederum die Geschichte der Großmutter knüpfen, die zu den berühmten „Müttern der Plaza de Mayo“ von Buenos Aires zählte, und an dieses Engagement gegen die Junta wieder das Schicksal von Azucena Villaflor, die gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen ihrerseits entführt und ermordet wurde. Wie diese drei Demonstrantinnen starben, das weiß man: Sie wurden aus einem Flugzeug in den Rio de la Plata geworfen. Es sind solche lapidar eingestreuten entsetzlichen Fakten, die gar nicht explizit bebildert werden müssen, um „Fußnoten“ trotzdem zu einer unvergesslichen Lektüre machen.

Und nicht nur argentinische Zeitgeschichte aus privatem Blickwinkel wird hier erzählt: Es gibt auch Familiengeschichte bis hin zur Auswanderung der Vollenweiders im neunzehnten Jahrhundert aus der Schweiz nach Südamerika, und damit wiederum verbunden einen Blick auf die aktuelle Flüchtlingslage in Hamburg. So wird denn auch das Leben von Nacha Vollenweider selbst in der Rahmengeschichte zu weitaus mehr als bloß einem Stichwortgeber. Hier ist eine großartige Autorin am Werk, auf deren weitere Comics man sehr neugierig sein darf.

Nacha Vollenweider zeichnet schwarzweiß, und natürlich fühlt man sich bisweilen an Hugo Pratt erinnert, den Italiener in Argentinien, der es meisterhaft verstand, die dortigen Szenen einzufangen – man vergleiche nur Vollenweiders Bahnhöfe mit der Station des Städtchens Borges in Pratts Corto-Maltese-Band „Argentinischer Tango“. Aber konkret wird Anke Feuchtenberger und Birgit Weyhe gedankt, zwei deutschen Comiczeichnerinnen, die an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaft lehren, und von beiden hat Nacha Vollenweider erkennbar gelernt: von Feuchtenberger die weitgehend strenge Aufteilung der Seiten in zwei Panels, von Weyhe den lässigen Tuschestil, der skizzenartig wirkt, aber sehr genau Details und Stimmungen festzuhalten versteht. Wie das aussieht, kann man hier sehen: http://www.avant-verlag.de/comic/fussnoten. Aber lesen muss man das komplett, denn diesen ersten anderthalb Dutzend Seiten folgen 180 weitere, die den Spannungsbogen nie abfallen lassen. Das ist kein Versuch, das ist perfekt.

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