Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Brust raus, der Rest kommt wohl von allein

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Ah, das ist sehr lange her, aber man erkennt diesen Stil sofort. Mitte der neunziger Jahre kam der amerikanische Comiczeichner Terry Moore mit seiner unabhängig publizierten Serie „Strangers in Paradise“ groß heraus. Das hatte seinen Grund wohl weniger darin, dass er früher als die meisten seiner männlichen Kollegen auf starke Frauenfiguren setzte, als darin, dass diese diese erotisch aufreizend gezeichnet worden: Idealfiguren, wie man sie aus dem amerikanischen Fernsehen kennt, mit meist körperbetonter Bekleidung. Da war es nicht schwer, in „Echo“, seiner nun auf Deutsch (beim Verlag Schreiber & Leser) erscheinenden anderen Erfolgsserie, deren erster Sammelband den Untertitel „Atomic Dreams“ trägt, einen Wiedergänger des Erfolgsrezepts zu sehen. So sieht das dann aus: http://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=popup_img&pID=560&zenid=e3c199ddd419a9193c227bbcd8151388&imgType=lese1, und selbst diese lediglich zwei sehr zurückhaltenden Seiten Leseprobe sagen wohl genug. Es ist schon ein ziemlich hoher Preis, den Moores emanzipierte Heldinnen für ihre Hauptrollen zahlen.

Diesmal – und das heißt 2008, als die in Amerika lägst abgeschlossene Serie begann – hat Moore sich einen besonders geschickten Kniff ausgedacht, um die Blicke seiner männlichen Leser einzufangen: Die Protagonistin Julie Martin kommt eines Tages mitten im Yosemite-Nationalpark i einen seltsamen Niederschlag, der sich ihrem Oberkörper in Form eines quecksilbern glänzenden Panzers anschmiegt, den sie nicht ablegen kann. Was sie anfangs nicht weiß, ist, dass dieses Material aus einem geheimen Waffenprogramm der Regierung stammt und ihr erstaunliche Fähigkeiten verleiht, weshalb alsbald ein Riesenaufgebot an Ordnungskräften aller Provenienz hinter ihr her ist. Auf der Flucht lernt Julie ihre erstaunlichen Kräfte aber bald kennen. Und auch die Beharrlichkeit und Zwiespältigkeit der zweiten weiblichen Hauptfigur, Ivy Raven, einer amerikanischen Agentin, die mit der Wiederbeschaffung des geheimnisvollen Materials befasst ist. Wie bei „Strangers in Paradise“ – never change a winning team – gibt es dann auch noch einen jungen Mann, der das Damenduo zum Kleeblatt ergänzt: den eigentlich harmlosen Dillon Murphy, dessen Freundin das Pech hatte, das Versuchskaninchen bei den Waffenexperimenten zu sein – und dabei das Zeitliche zu segnen.

Es geht hart zu in dieser Geschichte. Nicht nur, weil gleich zu Beginn gestorben wird (und später eifrig weiter), sondern vor allem, weil brutal gemetzelt wird. Seit „History of Violence“, dem Comic von John Wagner und Vince Locke, der das Vorbild zu David Cronenbergs gleichnamigem, viel weniger brutalem Film war, habe ich so unerfreuliche Bilder von Körperzerstörung nicht gesehen – wobei ich das Splatter-Genre generell scheue. Hier war nicht damit zu rechnen, aber Moore lässt es in einer großen Kampfszene auf eine Weise bluten und zerreißen, dass man es leider nicht vergisst.

Versammelt sind in „Echo – Atomic Dreams“ die ersten zehn Hefte der Serie, insgesamt sind es dreißig geworden, wie deutsche Sammelbände folgen also noch. Abgerundet wird der erste Band durch ein paar Entwurfsskizzen und eine Covergalerie der amerikanischen Heftausgabe. Eine gewisse Spannung auf die Fortsetzung kann ich nicht leugnen, aber die Machart von Moores Comics und der angestrebte Voyeurismus in vielerlei Hinsicht ist mir unsympathisch.

 

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