Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Hier zeigt Anne Franks Tagebuch auch seine freche Seite

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Vor sieben Jahren erschien beim Carlsen Verlag ein Comic über Anne Frank. Das 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen wohl am Typhus gestorbene, damals erst fünfzehnjährige jüdische Mädchen ist das weltweit bekannteste Opfer der Schoa. Im Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus, wo Anne sich mit den Eltern, der älteren Schwester Margot und vier weiteren untergetauchten Juden vor den deutschen Häschern erfolglos verborgen hatte, blieb ihr über zwei Jahre hinweg geführtes Tagebuch erhalten, das der Vater Otto Frank, der einzige der acht Leidensgenossen, der Deportation und Gefangenschaft überlebt hatte, 1947 in bearbeiteter Form publizierte. Es wurde eines der meistverkauften Bücher überhaupt und aus dem niederländischen Original in mehr als siebzig Sprachen übersetzt, darunter 1950 auch ins Deutsche. Seit 1991 liest man das „Tagebuch der Anne Frank“ hierzulande in der Übersetzung der Kinderbuchautorin Mirjam Pressler.

Wir sind weit vom ersten Satz dieses Blogeintrags abgekommen, aber das ist nötig, denn nun ist ein neuer Comic über Anne Frank erschienen, diesmal beim Verlag S. Fischer, der publizistischen Heimat der deutschen Fassung des Original-Tagebuchs. Der neue Comic heißt denn auch „Das Tagebuch der Anne Frank“, während der sieben Jahre ältere Band „Das Leben von Anne Frank“ betitelt war. Beide allerdings bedienen sich ausgiebig mit wörtlich übernommenen  Passagen bei Mirjam Presslers Text. Beide taten das natürlich auch autorisiert.

© Carlsen Verlag, Hamburg 2010Seite aus „Das Leben der Anne Frank“

Und trotzdem sind die Konzepte beider Bände denkbar gegensätzlich, was man beim ersten Blick aber nicht glauben sollte. Das Format ist identisch, selbst der Umfang ist genau gleich, nur ist das jüngere Buch drei Euro teurer. Und natürlich hat es andere Autoren – wenn man angesichts der dominanten Vorlage die Schöpfer der Comics so nennen soll. 2010 waren es mit Sid Jacobson und Ernie Colón zwei damals jeweils schon um die achtzig Jahre alte Veteranen des amerikanischen Comics, die also in ihren Kinderjahren noch Zeugen des Zweiten Weltkriegs und des danach einsetzenden Erfolgs des Tagebuchs der Anne Frank waren. Die neue Version ist von Ari Folman und Davod Polonsky erstellt worden, zwei vergleichsweise jungen israelischen Illustrationsstars (Jahrgang 1962 beziehungsweise 1973), als deren größter Erfolg der Animationsfilm „Waltz with Bashir“ von 2008 gelten darf, den Folman schrieb und produzierte, während Polonsky einer der Chefzeichner dabei war. Viel prominenter kann man eine Comic-Adaption nicht besetzen. Was sind dagegen die beiden amerikanischen Veteranen, die außerhalb der Szene kaum jemand kennt.

Ihren Job hatten sie gleichwohl gut gemacht, wobei sie auf das setzten, was sie aus ihren Erfahrungen heraus blendend beherrschten: geradlinig und spannungsgeladen erzählen. Originell waren Colóns Zeichnungen nicht, und selbstverständlich bemühte sich der Band um möglichst große Annäherung an die überlieferten Fotos von Anne Frank und ihrer Familie (in der Leseprobe, die Carlsen bereitstellt, kann man sich das ansehen). So berühmt das Tagebuch ist, so berühmt sind auch die Porträtbilder des dunkelhaarigen jungen Mädchens mit den großen schwarzen Augen. Von beiden Covern aus blickt sie den Lesern direkt in deren Augen.

David Polonsky allerdings zeichnet dabei eine ganz andere Anna, wie man auch in der Leseprobe sehen kann, die der Fischer-Verlag anbietet. Frontal porträtiert ist das eine viel selbstbewusstere junge Frau als die von Colón, mit einem leicht spöttischen Gesichtsausdruck. Das passt zum Charakter der Tagebucheinträge, die ja von einer Einsicht ins eigene Leben und das der Umgebung geprägt sind, die diesen Text erst richtig sensationell macht. Anne Frank ist eine psychologische Beobachterin von höchsten Graden, und gleichzeitig bricht doch auch immer wieder der Backfisch in ihr durch. Und niemals kann man bei der Lektüre vergessen, was diesem lebensgierigen Mädchen dann noch zustoßen wird.

Da Folman und Polonsky sich nicht ans ganze Leben, sondern nur an den Tagebuchtext halten, setzt ihr Band im Juni 1942 ein und endet im August 1944, wenige Tage vor der Verhaftung Anne Franks. Zudem wahren die beiden Israelis den Notat-Charakter der Vorlage: Im Regelfall umfasst ein zitierter Abschnitt zwei Comicseiten, wobei es durchaus auch lange schriftliche Einträge gibt, die bestenfalls illustriert, manchmal gar nur von kleinen Einzelbildern begleitet werden. Die Comicform wird aufgelöst, Bilderbuchästhetik kommt zum Zug. Der Text steht klar im Vordergrund.

Das war bei Jacobson anders. Er nutzte zwar auch Originalzitate, erfand jedoch viel dazu, um die Lücken zu überbrücken – im Lebenslauf von Anne Frank und auch während der Phase ihres Tagebuchschreibens. Die Dialoge im Comic waren dagegen notgedrungen alle imaginiert – wie nun auch bei Folman, der allerdings weitaus mutiger zu Werke geht, indem er sich auf Andeutungen im Tagebuchtext stützt, um die Gedankenwelt eines pubertierenden Mädchens in dessen Unterhaltungen mit den anderen sieben Menschen im Hinterhof deutlicher zu machen. Hier fallen Themen und Begriff, die im Tagebuch nicht deutlich ausgesprochen werden. Und hier wird auch mit viel boshafterem Blick auf die Mitbewohner geblickt. Polonsky findet dafür eine geradezu surrealistische Bildsprache, wenn er etwa Auguste van Daan immer wieder auf einem Nachttopf zeichnet und damit eine Bemerkung aus Anne Franks Tagebuch zum Leitcharakteristikum der von Anne keineswegs wohlgelittenen Dame macht.

© Ari Folman / David Polonsky - S. Fischer Verlag 2017Seite aus „Das Tagebuch der Anne Frank“

Die Vielzahl der graphischen Einfälle von Folman und Polonsky ist mitreißend: Aufrisszeichnungen, Bildallegorien, Metonymien, Fotozitate, Ellipsen – was die Form des Erzählens im Comic hergibt, wird hier auch benutzt. Bis hin zu dem kleinen, aber wirkungsvollen Kunstgriff, dass Annes Kopf im Verhältnis meist etwas größer angelegt ist als bei ihren Mitbewohnern, sie also nicht nur in den Panels auffällt, sondern auch comictypischer inszeniert wird. Vor allem nimmt Polonsky den Reichtum an Wortbildern im Tagebuchtext wörtlich und schafft so unvergessliche Panels, die eine Anschaulichkeit begründen, die uns neu die Qualität von Anne Franks Schreiben vor Augen führt.

Also darf die neue Version als die klar bessere gelten. Es ist auch die erste vom Anne Frank Fonds in Basel, dem Rechteinhaber des Tagebuchs, genehmigte, während die von Jacobson und Colón auf Veranlassung und Genehmigung des Anne Frank Hauses in Amsterdam gezeichnet worden war und dann das Glück hatte, dass der Fonds seine Zustimmung zur Einbeziehung von Originalzitaten gab. Aber es waren eben viel weniger, und der Comic der beiden Amerikaner war auch viel vorsichtiger, weil hier der Respekt unmittelbarer Zeitzeugen überwog, während Folman und Polonsky mit einer Frechheit zur Sache gehen, die dem ungestümen Zug, der Anne Frank zu eigen war, viel gerechter wird. Plötzlich ist da keine reine Märtyrerin mehr zu sehen, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, mit Herz und Galle. So kommt man noch schwerer darüber hinweg, dass dieses Leben so brutal beendet wurde.

© Ari Folman / David Polonsky - S. Fischer Verlag 2017.

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2 Lesermeinungen

  1. Geschmacklos!
    Sehr geehrter Herr Platthaus,

    ich schätze Ihre Arbeiten ansonsten durchaus, aber die Rezension eines „Comic“ über die im KZ ermordete Anne Frank mit „Diese Anne Frank ist lebendig wie nie“ zu betiteln, darf zweifelsfrei als außergewöhnliche Entgleisung des Geschmacks gelten. Nichts für ungut.

  2. Bedenkenswert
    „Who Owns Anne Frank?”,Quarrel & Quandary ,Essays by Cynthia Ozick,Vintage Books,New York.
    Zitat:“ …………………………………………………………………………………

    :Anne Frank’s diary burned ,vanished ,lost—saved from a world that made of it all things ,some of them true,while floating lightly over the heavier truth of named and inhabited evil.”

    Schlussworten ihrer Essai.

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