Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wortlos triumphieren

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Das ist doch mal originell: Ein Comic, der nach dem berühmtesten aller Partisanenlieder benannt ist („Bella Ciao“), aber keine einzige Zeile oder Note daraus enthält. Wobei der komplette Text sich als letzte Seite dann doch in der deutschen Übersetzung findet, die aber nicht mehr zur eigentlichen Bildergeschichte gehört. Und eine „deutsche Übersetzung“ ist es auch gar nicht, denn an diesem Band war nichts zu übersetzen, weil er wortlos erzählt. Und der Buchtitel ist ja auch ein italienischer. Obwohl er neben dem kommentierten Liedtext die einzige Eigenleistung der Berliner Verlags Jacoby & Stuart ist, denn im Original heißt Maurizio A. C. Quarellos Geschichte ganz anders. An das berühmte Lied dürfte der Zeichner also gar nicht gedacht haben. Das singt man ohnehin in deutschen Linkskreisen häufiger als in Italien selbst. Quarella nannte seine Geschichte schlicht „‘45“ – nach dem Jahr, in dem sie spielt.

Es ist das Jahr der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, doch bis es im Mai soweit sein wird, ist in Norditalien erst noch eine alliierte Offensive auszufechten, die aus dem längst befreiten Süden kommt. Noch ist Mussolini pro forma Herrscher in einem Schattenreich, der Republik von Saló, doch auch seine Tage sind gezählt. Bedroht wird seine Pseudomacht und die immer noch höchst reale der deutschen Verbündeten in Italien, aber nicht nur von den überwiegend amerikanischen Truppen, sondern auch von den einheimischen Partisanen, die seit Jahren im Untergrund gegen Faschismus und deutsche Besatzer kämpfen. Von einem dieser Partisanen, Mauricio Damarco, erzählt „Bella Ciao“. Und wer sehen will, wie das aussieht, der muss mangels „deutscher“ Leseprobe zum italienischen Verlag und dort das pdf namens Scarica anwählen: https://www.orecchioacerbo.com/editore/index.php?option=com_oa&vista=catalogo&id=509. Da lohnt sich, dass es keinen Text gibt, doppelt

Da der Autor und Zeichner Quarello sein Werk den eigenen Großeltern widmet, darunter einem gewissen Maurizio, nach dem er dann wohl auch selbst benannt wurde,, darf man in der gleichnamigen Hauptfigur wohl den Vater seiner Mutter sehen. Die Großmutter Maria dagegen lebt noch, und eigentlich muss man ihr die Ehre erweisen und auch sie eine Hauptfigur nennen, auch wenn es allein Maurizios Truppenausweis ist, den man zum Auftakt der Geschichte sieht. Doch dann führt uns eine Nachtszene in das Schlafzimmer seiner Frau, die in der Einsamkeit ihres Bauernhofs in den Bergen wachliegt und auf die Rückkehr ihres Mannes von einem Überfall auf eine deutschen Truppentransport wartet. Das klingt noch ziemlich passiv.

Es ändert sich, als Maurizio siegreich, aber verwundet nach Hause zurückgekehrt ist, doch sich nur wenig später eine deutsche Patrouille aus zwei Wehrmachtssoldaten dem Hof nähert und sich der Herr des Hauses rasch auf dem Dachboden verbirgt. Und nun erweist sich das stumme Erzählen von Quarello als schlüssig, denn beide Seiten verstehen einander nicht mit Worten, aber dank Gesten, und wie der Comic auch alle seine Leser durch erste Missverständnisse zum Begreifen des Dialogs zwischen Maria und den beiden deutschen Soldaten führt, das ist wunderbar gelöst. Wobei es eine Frage wert gewesen wäre, ob es nicht noch besser nur diese Szene wortlos geblieben wäre.

Aber dann hätte man auch Onomatopöien, also Lautmalereien, bei den zahlreichen Schlachtszenen einsetzen müssen, und die Stille der Gewaltausbrüche, der Überfälle, des wechselseitigen Tötens hat etwas besonders Beklemmendes. Und Quarello vertraut eben den Gesichtern einer Protagonisten, um große Gefühle von Leid, Triumph, Angst oder Freude auszudrücken. Und gerade das etwas rührselige Ende profitiert extrem davon, dass man für das Glück im Augenblick des Sieges der Partisanen keine Worte finden muss. Und ein letzter Blick zwischen zwei Akteuren auch wortlos bleiben kann.

Bleibt die Frage nach den Zeichnungen. Sie sind konventionell, als Aquarelle in wechselnden, aber meist konventionellen Seitenarchitekturen angelegt; nur gelegentlich überrascht Quarello mit doppelseitigen Arrangements, die erfreulicherweise gar nicht den Action-Höhepunkten gelten, sondern Stimmungsbilder sind. Bisweilen gibt es auch Tempoverschärfungen des Erzählens, etwa in dem Moment, als die Frau die Siegesnachricht im Radio hört (und wir zunächst noch nicht ganz sicher sein können, was sie gehört hat) – da folgen kleine Bilder in rascher Abfolge bis zu dem erlösenden großen Panel, das auch als Titelbild des Bandes fungiert. Leider verrät das schon zu viel vom Inhalt.

Quarello, geboren 1974, ist als Kinderbuchillustrator in seiner Heimat erfolgreich, aber auch bei Jacoby & Stuart ist das nicht sein erstes Buch – und auch nicht der erste Comic. Vor zwei Jahren erschien dort eine von ihm allerdings lediglich gezeichnete Geschichte um die amerikanische Bürgerrechtsaktivistin Rosa Parks, und zwei weitere von Quarello nach fremden Szenarien illustrierte Bücher führten auch schon in die jüngere italienische Vergangenheit. Dabei gab es allerdings jeweils noch große Textanteile, auch wenn das Talent Quarellos, Worte durch Bilder überflüssig zu machen, klar erkennbar war. „Bella Ciao“ ist ein Schritt in die richtige Richtung, wobei abzuwarten bleibt, ob dieser solide Illustrator auch noch graphisch originell werden kann.

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