Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Donald Trump im Stil von Robert Crumb

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Bisweilen treffen Comics in meinem Büro ein, die auf den ersten Blick etwas Besonderes sind. So auch jetzt „Early Retirement“ von Mark Thomas Gibson. Es ist ein großformatiger Band, fast im Ausmaß von Art Spiegelmans legendärer Anthologienserie „Raw“ (oder, wenn es deutsch sein soll, die eindrucksvollen Künstlerbücher des Leipziger Lubok-Verlags), und auch die Schwarzweiß-Ästhetik der Zeichnungen erinnert an diese Projekte, mit dem der Underground sich auf die Höhen der Kunst geschwungen hat. Nur dass Spiegelman in den achtziger Jahren niemals an einen Umfang von 328 Seiten in einem einzigen dicken Band gedacht hätte – den hat ja nicht einmal sein auf zwei Bände verteilter Comic „Maus“ als Komplettausgabe. Und an einen Verkaufspreis von sechzig Euro für ein Buch hätte er wohl auch nicht geglaubt. Wobei das längst keine Ausnahme bei aufwendigen Produktionen mehr ist. Die Lubok-Hefte kosten pro Stück immerhin fünfzig. Und sind es allemal wert.

Gibson, geboren 1980 in Miami und Inhaber eines Lehrstuhls für Zeichnung an der Yale School of Art in New Haven, hat einen ungewöhnlichen Stil für seinen Comic gewählt: Er pfeift auf Einzelseitenarchitektur und legt seine Zeichnungen mit Ausnahme eines Personenverzeichnisses gleich zu Beginn jeweils ganzseitig an, manchmal allerdings auch doppelseitig, und einige Bilder sind so unmittelbar auf die gegenüberliegende Seite bezogen, dass doch wieder das comicspezifische Element des Bildarrangements zu finden ist. Der Effekt beim Lesen ist erstaunlich: Die Größe der Zeichnungen macht jedes Umblättern zum Erlebnis, und da es wenig Text in „Early Retirement“ gibt, wirkt nahezu allein die graphische Kraft der Tuschezeichnungen. Die Hauptfiguren sind in der Tradition von Robert Crumbs „Fritz the Cat“ als anthropomorphe Tiere dargestellt, aber die Nebenfiguren wiederum sind alle menschlich. Und manchmal unmenschlich – charakterlich.

Das ist Programm, denn „Early Retirement“ ist Wilsons Reaktion auf die Präsidentschaft Doanld Trumps. Da sie erst neun Monate währt, kann man sich vorstellen, in was für einem Tempo du mit was für einer Wut im Bauch hier gezeichnet worden ist. Gibson ist als Kurator und Mitwirkender bei afroamerikanischen Kunstprojekten aktiv, unterstützt die Kampagne „Black lifes matter“, und in Trump sieht er das verkörperte Böse. Der Präsident tritt denn auch auf dem Höhepunkt der Geschichte als blondiertes Schwein auf, das mittels einer Sänfte durch die Stadt getragen wird – besser hätte Crumb das auch nicht darstellen können.

„Early Retirement“ knüpft an einen 2016 entstandene Vorläufergeschichte an: „Some Monsters Loom Large“, und das es keine Leseprobe des aktuellen Bandes gibt, sei auf ein Interview der „Huffington Post“ mit Gibson verwiesen, in dem man sich ansehen kann, wie er zeichnet (https://www.huffingtonpost.com/ridley-howard/some-monsters-loom-large-_b_9706150.html). Auch über die Entstehung der neuen Erzählung gibt es einen amerikanischen Bericht, der aber nur wenige Bilder bietet (http://brooklynrail.org/2017/10/artseen/MARK-THOMAS-GIBSON-Early-Retirement). Aus der früheren Geschichte werden vor allem zwei Figuren wiederbelebt: Mr. Wolfson und einen Engel-Trommler, der die Apokalypse verkündet, die nun aber, aus dem Vorruhestand reaktiviert, zur Rettung vor Trump wird. Das ist eine wunderbar zynische Sicht auf den Zustand Amerikas.

Verlegt wird „Early Retirement“ – auch das ist wohl bezeichnend – bei der in Zürich beheimateten Edition Patrick Frey, einem auf Kunst- du Künstlerbücher spezialisierten Verlag. In einem handgeschriebenen Vorwort erläutert Gibson seine Motivation, aber die Lektüre braucht es ebenso wenig wie die Kenntnis des Vorgängerbandes. Denn Gibson erzählt so bildassoziativ, dass man selbst in den surrealistischen Passagen immer das grundlegende Anliegen des Zeichners spürt: seinen Zorn auf die eigene Gesellschaft und den Aufruf zum Widerstand. Es ist ein kämpferisches Buch und zugleich eine graphische Tour de force, ein Elementarereignis, das man wohl als eine der wenigen positiven Folgen der Trumpschen Präsidentschaft verbuchen darf.

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2 Lesermeinungen

  1. Rechtschreibung
    War die Wut auf ”Doanld” Trump so groß, dass man auch “Black lifes (korrekt: lives) matter” falsch schreiben musste? Und Robert Crumb zeichnete definitiv nicht in großen Einzelbildern …

    • Danke für den Fehlerhinweis. Betreffs Crumb nur etwa den Verweis auf „Art & Beauty“. Und ungezähltes anderes.

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