Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Grenzenlose Freiheit birgt Risiken

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Vor drei Jahren erschien der Comic „Ein Sommer am See“, die hinreißende Adoleszenzgeschichte eines Mädchens, gezeichnet von der Kanadierin Jillian Tamaki und geschrieben von ihrer Cousine Mariko Tamaki. Es war schon die zweite Zusammenarbeit der beiden jungen Frauen (die erste, „Skim“ von 2008, hatte ein ähnliches Thema, aber nicht so großen Erfolg), doch als Mariko Tamaki im vergangenen Jahr bekanntgab, dass sie nun als Szenaristin ins Superheldengenre wechseln würde – passenderweise für allerdings jeweils noch ausstehende Serien um Superheldinnen, nämlich „She-Hulk“ und „Supergirl“ –, da war klar, dass „Ein Sommer am See“ wohl auf absehbare Zeit die letzte Kooperation der Tamakis bleiben würde. Denn Jillian zieht es nicht ins kommerzielle Comicgewerbe; sie ist vielmehr als Illustratorin vielbeschäftigt und das bei solch illustren Kunden wie dem „New Yorker“ oder der „New York Times“. Schon ihr Debütbuch „Gilded Lilies“, das sie 2006 als Mittzwanzigerin herausbrachte, hatte Comics und Illustrationen kombiniert.

Nach „Der Sommer am See“ hat auch Jillian Tamaki noch keinen neuen größeren Comic publiziert, der 2015 beim renommierten kanadischen Verlag Drawn & Quarterly erschienene „SuperMutant Magic Academy“ war vorher als Online-Fortsetzungsgeschichte entstanden. Deshalb ist „Boundless“ nun die erste Neupublikation (wieder bei Drawn & Quartely), wobei es sich dabei um eine Sammlung von Kurzgeschichten handelt, die aber überwiegend für den Band gezeichnet wurden. Er ist sofort auch ins Deutsche übersetzt worden und kommt wieder bei Reprodukt heraus, unter dem Titel „Grenzenlos“. Das wird der Vielfalt der von Tamaki verwendeten Erzähl- und Graphikstile gerecht (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/comics/grenzenlos/).

Wobei das Covermotiv dem Titel zu widersprechen scheint: Eine junge Frau bindet sich darauf die Haare zum Pferdeschwanz. Doch schon die erste Geschichte, „Die Weltstadt“, ist ein Bekenntnis zur Unkonventionalität und Multikultur. Ersteres auch formal, weil man das Buch zur Lektüre um neunzig Grad drehen muss, um einer sich vertikal entwickelnden Handlung zu folgen, die auch die Seitengrenzen dadurch aufhebt, dass die Bilder einfach auf der nächsten Seite fortgezeichnet werden. Hier wäre ein Leporello die ideale Form gewesen – ein Erzählformat, das derzeit beliebt sit (seit die Druckkosten für solche Sonderwünsche gesunken sind); zuletzt hat etwa der Franzose Philippe Dupuis seine unglaublich witzige „Histoire de l’art“ so gestaltet: als Fließbildgeschichte. Schade, dass im Falle von Tamakis Buch, das diesen Kunstgriff in der abschließenden Titelgeschichte noch einmal aufnimmt, dafür keine finanziellen Mittel da waren.

In den sieben Kurzgeschichten dazwischen erweist sich vor allem ein Vorbild als entscheidend: David Mazzucchelli, der vor einem Vierteljahrhundert in den drei Ausgaben seiner Serie „Rubber Blankets“ schon genau denselben eklektizistischen Stil- und Erzählmix vorgeführt hat wie nun Jillian Tamaki. Und das ist auch das große Problem von „Grenzenlos“: Bis auf die beiden vertikalen Geschichten wirkt alles ästhetisch wie aus zweiter Hand. Nähme man noch die schwarzweißen Comics von Lorenzo Mattotti dazu, dann hätte man mit ihm und Mazzucchelli alle Mittel abgedeckt, über die Tamaki verfügt. Die Vielfalt wird jedoch bei ihr ganz anders als bei Mazzucchelli scheinbar zur Ratlosigkeit über den jeweils zu wählenden Strich, weil es keine inhaltliche Notwendigkeit für die individuellen Stile gibt. „Grenzenlos“ wirbt graphisch wie ein Bewerbungsportfolio.

Erzählerisch gibt es mehr Verbindungen, auch untergründige wie den fiktiven Kult-Trashfilm „Body Pods“, die aus der Handvoll Geschichten doch etwas Größeres machen: ein Psychogramm weiblicher Selbstfindung, verkörpert durch neun individuelle Protagonistinnen, meist in Ich-Perspektive geschrieben. Dass dabei Identität, Gender, Kultur und natürlich auch Sex zu wichtigen Prüfsteinen auf dem Weg zum jeweiligen Ich werden, das dann wieder aufgeht in die eingangs beschworene metropolitane Vielfalt, für die der Band steht, ist geschickt konstruiert, aber es kaschiert schwächere Episoden wie die Soziale-Medien-Allegorie „1. Jenny“ oder die arg epigonal im Ton von „Ein Sommer am See“ gehaltene Erzählung „Sexcoven“. Dass Jillian Tamaki auf eine Reigen-Struktur, die unmittelbare Verbindungen zwischen den Teilen geschaffen hätte, verzichtet hat, erweist sich als Manko, weil man immer wieder versucht ist, die Erzählungen autonom zu lesen, und dabei bestehen die wenigsten.

Zumal die erste und die letzte als formal Gewagteste mehr Proklamationscharakter haben, als dass sie Erzählungen wären – ungeachtet eines veritablen Knalleffekts zum Abschluss. Dazwischen kann man sich dann am ständiger Seitenarchitekturvariation erfreuen (oder manchmal auch verärgern, weil auch hier die Lust an der Freiheit die an der erzählerischen Notwendigkeit verdrängt) und die erfreulich lapidaren Dialoge lesen, deren Ton Sven Scheer als Übersetzer gut getroffen hat. Gut so auch aus dem Grind, weil es ja durchaus keine Selbstverständlichkeit ist, dass Verlage ihre fremdsprachigen Autorinnen von Männern übertragen lassen, während das umgekehrte Verhältnisse eher schon normal genannt werden darf.

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