Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Bunt getrieben erzählt besser

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Manchmal genügt ein Blick im Buchladen, und man hat einen neuen Lieblingszeichner. So geschehen vergangene Woche im Pariser Comic-Dorado „Super Héros“, das ungeachtet seines Namens kaum Superhelden, aber umso mehr Autorencomics anbietet. Darunter drei eines Franzosen namens Victor Hussenot, von denen jeder auf Anhieb verrät, dass hier ein höchst intelligenter Autor am Werk ist. Nur erlaubte die aktuelle Gepäcklage nicht den Erwerb aller drei Comics, also wählte ich den leichtesten: „Les Gris colorés“ (Die farbigen Grauen), erschienen beim Brüsseler Kleinverlag La 5e Couche (der offenbar so klein ist, dass er keien Leseprobe aus „Le Gris colorés“ anbietet, aber auf https://www.du9.org/entretien/victor-hussenot/ kann man einige Seiten finden, wenn man ganz nach unten scrollt).

Um den Titel zu finden, muss man das kleine broschierte Buch aufschlagen, denn auf dem Umschlag steht kein Wort, nicht einmal der Name des Autors. Das ist Programm, denn Hussenot erzählt hier stumm, ohne jeden Dialog, obwohl es zahllose Sprechblasen gibt. Aber die sind alle leer (mit Ausnahme von gelegentlichen Symbolen wie etwa Dollar- oder Fragezeichen), erzählen jedoch trotzdem viel, denn sie sind jeweils farbig gehalten: rot, wenn es heiß hergeht, grün, wenn hoffnungsfrohe Stimmung herrscht, blau bei harmonischer Atmosphäre und so weiter. Und natürlich gibt es dem Titel gemäß auch graue Sprechblasen: Das signalisiert Traurigkeit oder Langeweile.

Der Clou an den „Gris colorés“ ist aber, dass diese Farbzuordnungen auch auf die Figuren ausgedehnt werden. Die meisten der kurzen Episoden beginnen mit grauen Personen, und je nach Erlebnis oder eben auch Gespräch werden sie von der Stimmung oder den anderen Akteuren angesteckt und umgefärbt. Natürlich gibt es dabei auch diverse Handlungsverläufe, die am Schluss wieder in die graue Ausgangsstimmung zurückführen; das kennt man ja von Sempé, der erkennbar eines der großen Vorbilder Hussenots bei diesem Band war. Die anderen beiden Bücher sehen übrigens ganz anders aus, haben völlig andere graphische und erzählerische Charakteristika. Dieser Mann ist erkennbar einer der originellsten Denker, den der europäische Comic derzeit zu bieten hat.

Trotzdem kannte ich ihn nicht, aber besser spät als nie. „Les Gris colorés“ ist 2016 gedruckt worden, als leicht erweiterte Neuausgabe der beim selben Verlag erschienenen Originals von 2014. Die beiden anderen Bücher bei Super Héros sind vor einem und in diesem Jahr erschienen; produktiv ist Hussenot also auch noch. Dass er die Piktogrammatik des Comics beherrscht, beweist aber auch der kleine Band: Wie da mit den Farben gespielt wird, Menschen zum Beispiel nur halbrot werden oder die grauen Körper ihre kolorierten Sprechblasen Lügen strafen, das ist ebenso klug wie witzig. Alles ist rasch mit Wasserfarben angelegt, auf den ersten Blick kaum mehr als Strichmännchen, doch die simple Physiognomie ist genau durchdacht und durchaus individuell. Das Ganze liest sich äußerst schnell, denn Stimmungen vermitteln sich rascher als Worte, aber wer glaubte, nach einmaliger Lektüre schon alles erfasst zu haben, was da auf 75 Seiten so bunt getrieben wird, der dürfte beim zweiten Durchgang eine angenehme Überraschung erleben. Wie ich hoffentlich noch ein paar Mal mit den Comics von Victor Hussenot.

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