Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Panik unter Wasser

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Der Rostocker Hinstoff-Verlag, der an dieser Stelle schon mehrfach vorkam, hat ein klares Programm, was Comics angeht: Maritim müssen sie sein. Für Kristina Gerhmanns „Im Eisland“, der in drei Bänden über die Expedition von Sir John Franklin in die Arktis erzählte, gab es prompt den Deutschen Jugendliteraturpreis – das können noch nicht viele Comics von sich behaupten. Dann kam ein Störtebeker-Comic, also wieder etwas Maritim-Historisches, und nun erscheint ein Band, der in der Gegenwart spielt du reine Fiktion ist: „Der Unterwassserschweißer“.

 

Geschrieben und gezeichnet hat ihn mit Jeff Lemire ein hochgehandelter kanadischer Autor, der mit „Essex County“ einen lupenreinen Independent-Autorencomic vorgelegt, aber auch schon für den Marvel-Verlag im Superheldengeschäft gearbeitet hat. Wenn man einen graphischen wie geschäftstrategischen Vorläufer nennen wollte, dann müsste es der Amerikaner Ted McKeever sein, der in den frühen neunziger Jahren mit „Metroland“ einen phantastischen Heftzyklus publiziert hat du dann auch für die großen Comicverlagshäuser arbeitete. Wie McKeever ist Lemire ein grandioser Schwarzweißstimmungskünstler. Sein „Unterwasserschweißer“ erschien im Original schon 2012 und war die bislang letzte Arbeit Lemires für den ambitionierten Topshelf-Verlag, eine Leseprobe findet sich hier: https://www.ppm-vertrieb.de/Comics/Hinstorff/Der-Unterwasser-Schweisser::310202.html.

Der Umfang ist stolz: 215 Seiten. Das ist viel für eine eigentlich ganz simple Erzählung, in der ein professioneller Taucher namens Jack in einem kleinen nordamerikanischen Fischerdorf an der fiktiven Tigg’s Bay mit Dämonen seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Die kommen zur falschen Zeit, weil gerade besonders konzentrierte Arbeit nötig ist: Nicht nur ist die Tätigkeit als Unterwasserschweißer anspruchsvoll und gefährlich; Jacks Frau erwartet zudem Nachwuchs, und auch diese absehbare Änderung der Lebensumstände trägt nicht zur Beruhigung des Tauchers bei. Sind doch die Schatten der Vergangenheit eng verbunden mit dem eigenen Vater, und nun wird es selbst bald ein Kind haben.

Mehr zu erzählen würde den Reiz der Geschichte zerstören, die bewusst mit dem Übersinnlichen spielt, sanfte Horrorelemente und am besten wohl als Psychothriller charakterisiert wäre, wenn Lemires Stil nicht etwas zu harmlos dafür wäre, ohne jene Exzentriken, die Ted McKeevers Zeichnungen abgründig machten. Aber dafür versteht sich Lemire auf Spannungsaufbau und höchst abwechslungsreiche Seitenarchitektur. Und wie er die Unterwasserszenen und vor allem dabei die zwischen Rausch und Panik angelegten Visionen Jacks anlegt, das ist eindrucksvoll.

Der Stoff ist bereits für eine Kinoadaption verkauft worden, allerdings haben die Dreharbeiten noch nicht begonnen; man darf gespannt sein, ob die subtile Graphik als Vorlage für eine Realverfilmung taugt. Wenn sie aber in ein paar Jahren kommen sollte, dann hat Hinstorff womöglich einen vielversprechenden Schläfer im Programm. Wer zur Avantgarde zählen will, lese aber besser jetzt. Fünf Jahre Verspätung gegenüber der englischen Fassung sind ja genug.

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